{"id":6402,"date":"2020-02-13T23:04:46","date_gmt":"2020-02-13T22:04:46","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6402"},"modified":"2020-02-13T23:51:24","modified_gmt":"2020-02-13T22:51:24","slug":"stricken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/stricken\/","title":{"rendered":"Stricken"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-02-13-um-23.01.04.png\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"749\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6404\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-02-13-um-23.01.04.png 599w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-02-13-um-23.01.04-240x300.png 240w\" sizes=\"(max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/p>\n<p>Ich bin jetzt sieben Jahre \u00e4lter, als er je geworden ist. Sagt man, &#8222;hat Geburtstag&#8220; oder &#8222;hatte Geburtstag&#8220;, wenn jemand gestorben ist, also danach? Es gibt keine Tradition mehr f\u00fcr diesen Tag. Fr\u00fcher hatte ich eine. Habe mich hingesetzt und Bilder angesehen, viele Gef\u00fchle durchgef\u00fchlt, manchmal sogar Menschen davon erz\u00e4hlt, aber eher selten, in mir drin lange Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, mit ihm und mir und uns, jetzt wird es leiser. Aber eine Frage, die nicht weggeht, ist: &#8222;Was w\u00fcrdest du sagen?&#8220; Die h\u00e4ngt nicht mehr an diesem Tag, die begleitet mich immer und immer wieder, kommt hervorgekrochen in Zeiten der Anspannung, wenn mich etwas herausfordert oder wenn ich sehr sehr m\u00fcde bin vom Erwachsensein, dann m\u00f6chte ich fragen &#8222;Was w\u00fcrdest du sagen?&#8220; und mich anlehnen oder nur sitzen und Gameboy spielen, w\u00e4hrend er ein R\u00f6sti br\u00e4t. Es gibt keine Vorstellung von ihm in meinem Alter oder von ihm in noch sp\u00e4teren Jahren, davon, wie wir wohl geworden w\u00e4ren. Manchmal sehe ich Pullover, von denen ich glaube, sie h\u00e4tten ihm gefallen. Vielleicht h\u00e4tten wir einander Playlists gebaut, vielleicht h\u00e4tten wir aber auch alles einfach so gelassen, wie es war, und am Abend Frisbee gespielt auf dem sandigen Weg vom See nach Hause.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>S. und ich stehen mittags im Supermarkt um Humus zu kaufen, es ist f\u00fcr meine Vorstellung ungew\u00f6hnlich voll, alle schieben sich nerv\u00f6s herum, suchen, beeilen sich, es ist Mittagspausenzeit. S. betrachtet die Antipastiauswahl, w\u00e4hrend sich ein Junge, ich vermute, so zwischen 13 und 15 Jahre alt, durch den Gang schiebt, hinter ihm ein deutlich \u00e4lterer Mann mit kinnlangen, grau melierten Haaren. Der Junge fragt ihn, ohne ihn anzusehen: &#8222;Was willst&#8217;n du jetzt?&#8220;. &#8222;Ach&#8220;, murmelt der Mann, als er auf meiner H\u00f6he ist, neben mir stehend, &#8222;inneren Frieden vielleicht.&#8220;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>A. und ich laufen \u00fcber das Tempelhofer Feld. Vor uns \u00fcber dem Rasen schweben ein Astronaut im orangefarbenen Anzug und das blaue Monster aus einem dieser Animationsfilme. Es ist Februar und die ersten sitzen mit Decken auf der Wiese, fahren Fahrrad mit kurzen Hosen immer im Kreis. Der Wurstmann ruft, ob wir denn jetzt nicht mal langsam was kaufen wollen, wo wir ihn doch endlich gefunden h\u00e4tten. Wir verneinen, grinsen, er winkt. Am Nebenstand h\u00e4ngt ein Schild: &#8222;Schwarzk\u00fcmmel hilft gegen alles, nur nicht gegen den Tod.&#8220; Die Tulpen warten im Auto.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Der Wind ist am Samstag so stark, dass Opa sich auf der Frankfurter Allee umdrehen muss, um voranzukommen. Er hat sich geweigert, feste Schuhe zu tragen, denn der Wind sei nur stark, nicht kalt, und die Sandalen mit den Socken darin, die w\u00e4ren bequemer. Aber Handschuhe wollte er mitnehmen. Er lehnt sich also gegen den Wind, bei mir eingehakt, und dann gehen wir in das italienische Restaurant, weil er wirklich nicht weiterlaufen kann, der Wind dr\u00fcckt ihm die Augen zu und er muss sich schr\u00e4g dagegen stellen, um nicht umzufallen. Wir trinken also Kaffee im Windschutz neben vier jungen Damen, die nur Sprudelwasser bestellen und \u00fcber alle lachen, die drau\u00dfen mit verwehten Haaren k\u00e4mpfen. Opa erz\u00e4hlt von seinem Gro\u00dfvater, der Zugchef war auf der Strecke von Hof bis Leipzig. Hin und her sei der gefahren und habe f\u00fcr Ordnung gesorgt. Wieder im Heim zeit er mir seinen Rollater: &#8222;Das ist mein neues Auto, ich habe sogar Bremsen.&#8220; Vor dem Fenster spielt der Himmel sich auf.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn es darum geht, etwas haben zu wollen, dann w\u00fcrde es mir reichen, wenn ich ein Haus habe&#8220;, sagt der Taxifahrer, &#8222;aber eines, das schon abbezahlt ist, wei\u00dft du? Das kann auch eine Art Bungalow sein, Hauptsache ein eigenes Grundst\u00fcck. Mit &#8217;ner kleinen Auffahrt, wo ich mein Auto drauf parken k\u00f6nnte. Das w\u00e4re der gr\u00f6\u00dfte Wunsch meines Lebens. Hinten mit einem kleinen Garten. Vielleicht mit einem kleinen Minipool oder sowas. Das w\u00fcrde mir schon vollkommen reichen, ich w\u00e4re der gl\u00fccklichste Mensch auf der Welt.&#8220;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Als wir aus dem Kino treten, vergessen wir, diesen kleinen gelben Kasten an der Ampel zu ber\u00fchren, von dem ich nicht einmal wei\u00df, wie er hei\u00dft und ob er \u00fcberhaupt einen Namen hat. Man muss entweder die Rundung ber\u00fchren oder einen kleinen Knopf an der Unterseite finden. An der Rundung kann man die Ber\u00fchrungsfl\u00e4che besser einsch\u00e4tzen, ich teile Menschen ein in ihre Paranoia vor Keimen an \u00f6ffentlichen Orten, aber mit dem Pulloverrand zwischen Haut und der Rundung funktioniert das Signal nicht, dann erkennt der gelbe Kasten nicht, dass er ber\u00fchrt wird. Die Menschen, die den Kasten wirklich nicht ber\u00fchren wollen, wickeln sich die Jacken- oder Pullover\u00e4rmel um den Finger und dr\u00fccken den Knopf unten drunter, was weniger Ber\u00fchrungsfl\u00e4che bedeutet, aber auch Ungewissheit, denn wer wei\u00df, wie viele Kaugummis da schon kleben, die man von oben nicht sieht. Wir stehen also da und reden und gucken auf die Kreuzung und vergessen, dass sich das ohne unser Zutun vermutlich eine ganze Weile nicht \u00e4ndern wird. Aber es ist kalt und am Ende dr\u00fcckt P. den Knopf. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin jetzt sieben Jahre \u00e4lter, als er je geworden ist. Sagt man, &#8222;hat Geburtstag&#8220; oder &#8222;hatte Geburtstag&#8220;, wenn jemand gestorben ist, also danach? Es gibt keine Tradition mehr f\u00fcr diesen Tag. Fr\u00fcher hatte ich eine. 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