{"id":6372,"date":"2020-01-25T00:52:42","date_gmt":"2020-01-24T23:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6372"},"modified":"2020-01-25T09:26:38","modified_gmt":"2020-01-25T08:26:38","slug":"axiomensystem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/axiomensystem\/","title":{"rendered":"Axiomensystem"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Bildschirmfoto-2020-01-25-um-00.49.32.png\" alt=\"\" width=\"597\" height=\"447\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6379\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Bildschirmfoto-2020-01-25-um-00.49.32.png 597w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Bildschirmfoto-2020-01-25-um-00.49.32-300x225.png 300w\" sizes=\"(max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><\/p>\n<p>\u00dcber ein halbes Jahr ist die Reise nun her, mir kommt es l\u00e4nger vor, und damals passierte soviel gleichzeitig, dass ich vor allem damit besch\u00e4ftigt war, den \u00dcberblick zu behalten. Nun setzt sich der Rest. Mein Atem im zweiten Flugzeug, nachdem das erste am Morgen gecancelt wurde, und das direkt darauf folgende G\u00e4hnen, das immer erst dann kommt, wenn man es sich leisten kann. Das Gef\u00fchl, die Drei am Flughafen stehen zu sehen in Z\u00fcrich, und wie sich dieses Gef\u00fchl Platz gemacht hat in mir nach dem Horrortag, weil ich mit vielem, aber nicht damit gerechnet hatte. Ersch\u00f6pfung war das, drau\u00dfen die D\u00e4mmerung, kurz vor zehn am Abend, das debile Grinsen und Heulen und Schweigen, weil ich f\u00fcr gerade Worte dann doch zu m\u00fcde war, und die Freude dar\u00fcber, dort zu sein, wo ich mich ein bisschen auskenne, aber mich nicht einmal auskennen muss, weil das andere f\u00fcr mich \u00fcbernehmen. Als wir ins Wohnzimmer kommen, stehen dort noch ihre Teller, halbvoll, weil sie so \u00fcberst\u00fcrzt aufgebrochen waren, um mich abzuholen. <\/p>\n<p>Ich denke an die Seestra\u00dfe in Como, die Promenadenmenschen, an das sehr freundliche \u00e4ltere Paar aus Oregon, die mir ein Bier ausgaben und dass oben in der Ecke der Trattoria eine Tuba hing. Ich erinnere die kleinen Zettel im Apartment, die vorherige G\u00e4ste in der ganzen Wohnung verteilt hatten, mit Gr\u00fc\u00dfen und Liebesschw\u00fcren und Dankesreden in verschiedenen Sprachen. Ich wei\u00df, wie m\u00fcde ich dort war, wie das Licht morgens durch die Ritzen der Fensterl\u00e4den fiel und ich nicht wusste, ob das nicht schon reicht. Das Licht zu betrachten, aber woanders.<\/p>\n<p>Neulich tr\u00e4umte ich von Modena, auch jetzt erst, nicht von der Stadt, aber dem Hinterland. Vom Lesen und Liegen und dem kabellosen, herumflitzendenden Rasenm\u00e4her. Im Sommer letztes Jahr roch die Luft st\u00e4ndig nach Feuer. Von der Wiese hinter den Hecken kann man die umliegenden Ortschaften sehen. Die ersten M\u00fccken kamen mittags und man muss Gl\u00fcck haben, ein bisschen Wind zu erwischen. Das Telefon wurde sehr schnell hei\u00df in der Hand, alles wurde sehr schnell hei\u00df in der Hand. Immer, wenn es wieder soweit war, ging ich schwimmen. Der Gedanke, jeden Moment ins Haus gehen zu k\u00f6nnen, um zu schreiben und Melone zu essen, hilft eigentlich bei allem, ich habe mir dort vorgenommen, das mindestens einmal im Jahr zu tun, irgendwo zu sein, wo ich schreiben kann und kaltes Obst essen, auf die Melone bestehe ich nicht, aber auf die M\u00f6glichkeit. <\/p>\n<p>Der Brandgeruch in Verbindung mit Hitze erinnert mich noch immer an unseren Urlaub zu der Zeit, als Jugoslawien noch existierte und ich gerade lernte zu schwimmen mit den zerfallenden Stoffschuhen an den F\u00fc\u00dfen, weil meine Eltern der Meinung waren, die w\u00fcrden vor Seeigeln sch\u00fctzen, es waren keine Schwimmschuhe, im Wasser l\u00f6ste sich der Kleber, der Stoff umwirbelte meine F\u00fc\u00dfe in Fransen und F\u00e4den. Wir fuhren mit dem Auto durch die Flammen, wir Kinder sa\u00dfen im Fu\u00dfraum, ich wei\u00df nicht, ob ich mich an meine Angst erinnere oder es nur das Gef\u00fchl ist, das sei eine Situation, in der man Angst gehabt haben m\u00fcsste, als Kind erscheint Natur bedrohlich und unausweichlich zugleich. Du liebst die Wellen, aber du wei\u00dft auch, dass du sie nicht begreifst. <\/p>\n<p>In Mailand las ich zwischen dicken Hummeln davon, dass die Kapit\u00e4nin der SeaWatch verhaftet wurde. Neulich fand ich in meinem Portmonee ein St\u00fcck Papier aus dieser Zeit, auf dem steht: &#8222;Man soll sich sagen: Ich lasse mich nicht im Stich.&#8220; In Bologna wurde ich langsam weicher, mein Nacken auch. Die Botanischen G\u00e4rten jeder Stadt wurden meine Zufluchtsorte in der Hitze. Schatten und viel pflanzliche Geometrie. An der einen Kreuzung begegnete ich einem, ich vermute, betrunkenen Mann, der mich, als ich an ihm vor\u00fcberging, in die Schulter boxte, mir hinterher br\u00fcllte auf Italienisch, so wie es einer Frau \u00fcberall passieren kann. Niemand sagte etwas, auch ich nicht. Ich ging weiter, an der Ampel hatte sich das Herzklopfen wieder beruhigt, wir machen das so seit Jahren, und ich frage mich jedes Mal wieder, was w\u00e4re denn angemessen, was machbar? <\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die Trostlosigkeit von Formia, den Dreck, beides hat mich im ersten Moment erschreckt und im zweiten ger\u00fchrt, weil die Menschen dort anderes zu tun hatten, als den Schein aufrecht zu erhalten. Die M\u00e4dchen lagen mit ihren Handys zu zweit auf einer Liege. Der Sonnenbrillenverk\u00e4ufer machte eine Raucherpause im Schatten eines unbesetzten Sonnenschirms, die Brillen pinselte er mit einem Staubwedel ab. Kleine Fische schwammen im Meer neben Mikroplastikst\u00fcckchen. Es roch nach Gras. Der Verlauf von Meerblau ist der sch\u00f6nste, den ich kenne.<\/p>\n<p><em>\u201eI think, I should travel and figure out who I am away from this place. And how to be attracted to people who are not insane. Last time I felt like I was running away. This time I feel like I am running towards something. I am just not sure what it is, yet.\u201c <\/em>(Shawna in Tales of the City)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber ein halbes Jahr ist die Reise nun her, mir kommt es l\u00e4nger vor, und damals passierte soviel gleichzeitig, dass ich vor allem damit besch\u00e4ftigt war, den \u00dcberblick zu behalten. Nun setzt sich der Rest. 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