{"id":6358,"date":"2020-01-09T22:06:10","date_gmt":"2020-01-09T21:06:10","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6358"},"modified":"2020-01-09T23:48:03","modified_gmt":"2020-01-09T22:48:03","slug":"silver-lining","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/silver-lining\/","title":{"rendered":"Silver Lining"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/79F9C023-2F69-4423-8A15-DABC708AB151.jpg\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"413\" class=\"size-full wp-image-6361\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/79F9C023-2F69-4423-8A15-DABC708AB151.jpg 599w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/79F9C023-2F69-4423-8A15-DABC708AB151-300x207.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/p>\n<p>Als ich kurz nach 12 auf dem Balkon stehe, denke ich kurz an das letzte Mal vor einem Jahr, dann daran, dass es so klingt, als w\u00fcrde dieses Mal weniger geknallt (was sich als Irrtum herausstellen wird, die M\u00fcllmenge ist wieder gestiegen, schreiben sie). Es gibt f\u00fcr mich nur noch wenige Abende, die von vornherein so aufgeladen sind wie Weihnachten und Silvester und selbst bei denen geht nach und nach die Luft raus. Ich meine das nicht negativ, sondern als w\u00fcrde die Erwartung leise pfeifen und kleiner werden und das ist etwas Sch\u00f6nes. Nicht, weil der Anspruch sinkt an einen Moment, sondern weil er sich aufteilt und sich nicht mehr nur an diesen einen Abend kettet, sondern eher an ein Grundgef\u00fchl, das einfacher aufrecht zu erhalten ist, weil es sich durch alles zieht, man kann es nicht so leicht ersch\u00fcttern vielleicht. Als ich kurz nach 12 also zwischen meinen und anderen Menschen auf dem Balkon stehe, denke ich erst wie gesagt kurz an das letzte Mal vor einem Jahr, als ich zwischen fremden Menschen stand und mich f\u00fchlte, als h\u00e4tte ich aus Versehen die Jacke von jemand anderem angezogen, und dann in diesem Jahr zur gleichen Zeit denke ich nicht mehr an viel, die Erinnerung verpufft und das ist ein bisschen wie in den Filmen, wenn jemand die Musik laut dreht und man nicht mehr versteht, wor\u00fcber die Menschen sprechen, man sieht nur noch, wie die M\u00fcnder sich bewegen, H\u00e4nde Gl\u00e4ser schwenken, Gesichter lachen und weinen und starren und k\u00fcssen und aufeinander reagieren. Und man zoomt raus und gleichzeitig in sich hinein und nichts soll anders sein.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Sie sitzen zu sechst im Aufenthaltsraum an einem gro\u00dfen runden Tisch, der aus eckigen Versatzst\u00fccken zusammengebaut wurde. Auf jedem Einzelst\u00fcck stehen drei Wasserflaschen aus Glas, zwei Medium, eine Natur. Daneben jeweils drei Wassergl\u00e4ser. Darunter ein Untersetzdeckchen aus Papier. Viele Dinge sind beschriftet. Im B\u00fccherregal stehen Biografien und Geographie-Bildb\u00e4nde, ein paar CDs, ein Abspielger\u00e4t f\u00fcr die CDs. Man hat den Raum weihnachtlich geschm\u00fcckt. W\u00e4hrend wir dort sitzen, kommt eine Pflegerin und schneidet leise Paprika, Tomaten und Gurke f\u00fcr das Abendbrot. Das Gem\u00fcse deckt sie mit Plastikfolie ab, ist f\u00fcr sp\u00e4ter. Der M\u00fcll wird sorgsam getrennt. Die eine Frau links von mir sagt: &#8222;Da beim Zionskirchplatz haben Sie damals den Ersten aufgeh\u00e4ngt. Direkt am Platz. Der hatte sich ergeben, indem er eine wei\u00dfe Fahne aus dem Fenster geh\u00e4ngt hat. Die Nazis haben ihn h\u00e4ngenlassen, tagelang. Wenn wir da vorbeigekommen sind, wir waren ja noch klein, konnten wir nicht wegschauen. Sie haben ihn erst nach einer ganzen Weile runtergeholt.&#8220; Die anderen nicken und schauen auf die Wasserflaschen, alle Blicke im Raum wenden sich nach innen, nicht einander zu. Sie waren alle dabei.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Der Mann, der neben mir an der Ampel steht, wartet erst, bis es Gr\u00fcn wird, dann geht er schnurstracks und in einer sehr geraden Linie, aber mit bedachten Schritten \u00fcber die Ampel. Sobald er den gegen\u00fcberliegenden Bordstein erreicht hat, f\u00e4ngt er an zu rennen, den ganzen B\u00fcrgersteig hinunter. Erst an der n\u00e4chsten Ecke h\u00e4lt er an, st\u00fctzt sich mit den H\u00e4nden auf den Knien ab und atmet.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Man kann sich nur h\u00e4uten, wenn die Haut sich wirklich gel\u00f6st hat. Erst dann kann man aus ihr herauskriechen mit allem, was man hat, vorher f\u00e4llt sie nicht ab, vorher f\u00e4llt gar nichts, und wie lange das dauert, bis es soweit ist, das kann keiner sagen, das w\u00fcssten wir auch gern.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Vor seinem Fenster in der Kurzzeitpflege ist ein langer Balkon. Die Balkont\u00fcren sind jedoch aus Sicherheitsgr\u00fcnden den ganzen Tag verschlossen. Wenn man raustreten m\u00f6chte, muss man fragen. Von hier kann man den H\u00fchnerstall sehen, in dem f\u00fcnf, sechs H\u00fchner herumstaksen und picken. Davor sitzt auch jemand auf der Bank mit einer roten M\u00fctze und guckt ihnen zu. Opa sagt: &#8222;Was soll ich denn mit H\u00fchnern?&#8220;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>An der Notizfunktion im Telefon erkennen, wann ich gut funktioniert habe, wann nicht, wann ich mir Dinge merken konnte, wann ich Platz hatte f\u00fcr mehr als Notwendigkeiten, wann etwas gefehlt hat, wann ich Besorgungen machen musste, was auch ein lustiges Wort ist, Besorgungen, als w\u00fcrde man sich etwas aufb\u00fcrden, das einem Kopfzerbrechen bereitet, Besorgung, ich besorge mich, h\u00f6r auf mich zu besorgen, besorg dich nicht. Jemanden versorgen klingt auch, als w\u00fcrde man sich selbst daf\u00fcr in kleine Zettel rei\u00dfen und diese verstreuen, nicht zielgerichtet, aber sichtbar.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;It&#8217;s all good&#8220; steht auf der Karte, die ich aus Cs Hand ziehe an dem Abend, ich sitze schon, denn ich habe genug gestanden, die Beine von mir gestreckt an der Wand auf dem Boden. A. h\u00e4tte heute Geburtstag gefeiert. &#8222;Find that silver lining&#8220; ist der vorletzte Satz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich kurz nach 12 auf dem Balkon stehe, denke ich kurz an das letzte Mal vor einem Jahr, dann daran, dass es so klingt, als w\u00fcrde dieses Mal weniger geknallt (was sich als Irrtum herausstellen wird, die M\u00fcllmenge ist wieder gestiegen, schreiben sie). 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