{"id":6305,"date":"2019-05-27T22:00:33","date_gmt":"2019-05-27T20:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6305"},"modified":"2019-05-27T22:21:26","modified_gmt":"2019-05-27T20:21:26","slug":"something-in-that-tenderness","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/something-in-that-tenderness\/","title":{"rendered":"Something in that tenderness"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-27-um-21.58.17.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"445\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6306\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-27-um-21.58.17.png 598w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-27-um-21.58.17-300x223.png 300w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/p>\n<p>Auf dem Land fr\u00fch aufwachen und nur in Latschen runter zum See gehen, bis zu den Knien nass werden vom Tau, die Fr\u00f6sche h\u00f6ren und die V\u00f6gel und nichts verstehen, nur die Ruhe, nur die Ruhe, einatmen ausatmen, mich an diesen Tag vor einem Jahr erinnern und wie anders alles war. Man kann sich h\u00e4uten, man muss sogar vielleicht. <\/p>\n<p>Der Herr hinter mir fragt zum dritten Mal in sein Telefon: &#8222;Can you save some dinner?&#8220;, die Frau neben ihm schaut ihn still und w\u00fctend an, sie erinnert mich an Cate Blanchett. Neben mir komponiert ein Mann ein LinkedIn-Posting wie einen Marsch auf dem Klavier, er l\u00f6scht jedes zweite Wort, tippt es erneut, leicht ver\u00e4ndert, seine Finger h\u00fcpfen auf und ab und hin und her, sein Handgelenk spielt eine wesentliche Rolle dabei. Nach einer Weile setzt er ans Ende des Textes ein Herz-Emoji und ver\u00f6ffentlicht ihn. Er schn\u00e4uzt sich, ich m\u00f6chte glauben, zufrieden.<\/p>\n<p>Als ich in der Badewanne lag, ist das gro\u00dfe Handtuch dazu gerutscht, untergetaucht, hat sich verteilt zwischen Wasser und Haut, es wurde so schwer wie manche Tage, ich w\u00e4re beinahe liegengeblieben, aber das Wasser wurde kalt.<\/p>\n<p>Irgendjemand sagte neulich im Bus zum Bahnhof etwas von einem verstauchten Kn\u00f6chel, zwei jugendliche Jungs in einem Gespr\u00e4ch und ich dachte mir, das ist auch eine Art von Privileg. Also artikulieren zu k\u00f6nnen, wo der Schmerzt sitzt, wo er herkommt, zu wissen, wen man fragen kann, damit sich was daran \u00e4ndert, zu wissen, dass sich h\u00f6chstwahrscheinlich etwas daran \u00e4ndern wird, nicht hysterisch zu werden. Und als ich dann am Z\u00fcrisee herumlief mit J. und wir \u00fcber den Zweifel sprachen, der sich eingeschlichen hat mit den Jahren und unserem Alter, der Zweifel dar\u00fcber, ob unsere Geschichten aus wei\u00dfen, privilegierten Haushalten \u00fcberhaupt noch erz\u00e4hlenswert sind (denn erz\u00e4hlbar sind sie ja immer, das ist ein Unterschied), als wir von dem Zweifel sprechen und der Scham, die auch mitschwingt und noch etwas anderes ist als das Impostersyndrom, da fiel mir wieder ein, was ich vor f\u00fcnf, sechs Jahren schon mal dachte, n\u00e4mlich, dass man sich rantrauen muss an den Schmerz, um ihn aufschreiben zu k\u00f6nnen, unabh\u00e4ngig davon, was dann mit dem Geschriebenem passiert, die Herausforderung bestand f\u00fcr mich immer darin, hinauszugehen und all dem ins Gesicht zu sehen, was man sich ausdenken kann, man muss sich diesen Kampf ja liefern, auch mit dem, was man sich nicht ausdenken muss, bei dem auch permanent die Frage im Raum steht, wer zuerst wegschaut. Und man muss diesen Kampf gewinnen (so sehr ich kriegerische Metaphern auch hasse, das Wort Kampf ist mir noch immer zuwider). Und Juli Zeh sagte neulich in einem Interview, der Text sei ihr egal, es gehe ihr um das Schreiben, und der J. sagte auch, es gehe ihm um den Prozess, w\u00e4hrend ich auf die Masten der kleinen Segelboote schaute und verneinte. Das Schreiben sei furchtbar, geschrieben haben sei besser. Dann bestellte J. Mohnkuchen und jetzt wei\u00df ich, ich hatte Unrecht. Ich hatte das gesagt, weil es die Antwort ist, die ich fr\u00fcher gegeben h\u00e4tte. Ergebnisbezogen. Das hat sich ver\u00e4ndert. So wie ich streiten gehasst habe fr\u00fcher und jetzt wei\u00df, ohne geht es nicht (also gar nicht, meine ich, und so viel mehr als das). Ich wei\u00df jetzt: Wenn ich streite, dann ist das eine Art Kompliment. Wenn ich schreibe, diskutiere ich permanent mit mir selbst ohne sprechen zu m\u00fcssen. (Ein z\u00e4rtlicher Kampf, ich h\u00e4tte nie gedacht, das so sagen zu k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p>Am Morgen nieselt es, ich ziehe die Vorh\u00e4nge beiseite, \u00f6ffne die gro\u00dfe Glast\u00fcr und es klingt, als w\u00fcrden sehr viele kleine K\u00e4fer Trampolin springen. Ich stehe da eine Weile, bis die Katze sich beschwert und die Kirchturmglocken l\u00e4uten. <\/p>\n<p>Mit S. erst die Wahlergebnisse und dann &#8222;Wish I was here&#8220; geschaut und festgestellt, ich habe mich selbst noch nie mit einer Per\u00fccke gesehen. Jedenfalls nicht im Alter von gr\u00f6\u00dfer f\u00fcnf. Vielleicht hat das etwas mit der Unlust am Verkleiden zu tun. Auch 24 Stunden sp\u00e4ter wechseln sich Frustration, Ratlosigkeit und Hoffnung in zuf\u00e4lliger Weise in mir ab, C. fragt, ob wir nicht ein Crowdfunding f\u00fcr Buslinien in Brandenburg aufsetzen sollen als Spenden f\u00fcr die Kommunen, man muss doch irgendwas tun, und ich versuche mich zu erinnern an die Zeit vor dem Mauerfall, ich versuche mich zu erinnern an das dumpfe Gef\u00fchl und die Sprachlosigkeit und es ist nur noch eine Ahnung, und auch an dieser Stelle flattern Erleichterung und Entsetzen. (Wie lang wird das anhalten?)<\/p>\n<p>Ich glaube, ich werde &#8222;Hold Your Own&#8220; von Kate Tempest mit auf die Reise nehmen. <\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>(&#8230;) Give her a face that is kind, that belongs<br \/>\nTo a woman you know<br \/>\nWho is strong<br \/>\nAnd believes in the rightness of doing things wrong.<\/p>\n<p>Give her a body that breathes deep at night<br \/>\nThat is warm and unending; as total as light.<\/p>\n<p>Let her live.<\/p>\n<p>(Tiresias &#8211; Kate Tempest)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Land fr\u00fch aufwachen und nur in Latschen runter zum See gehen, bis zu den Knien nass werden vom Tau, die Fr\u00f6sche h\u00f6ren und die V\u00f6gel und nichts verstehen, nur die Ruhe, nur die Ruhe, einatmen ausatmen, mich an diesen Tag vor einem Jahr erinnern und wie anders alles war. Man kann sich h\u00e4uten, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[216,217,218,63,98],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6305"}],"collection":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6305"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6305\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6317,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6305\/revisions\/6317"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}