{"id":6295,"date":"2019-04-24T11:09:24","date_gmt":"2019-04-24T09:09:24","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6295"},"modified":"2019-04-24T20:25:23","modified_gmt":"2019-04-24T18:25:23","slug":"plankton","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/plankton\/","title":{"rendered":"Flugmodus"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Sky2.jpg\" alt=\"\" width=\"597\" height=\"447\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6298\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Sky2.jpg 597w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Sky2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><\/p>\n<p>Unser Flugzeug f\u00e4hrt langsam an gefrorenem Gras vorbei. An hellgrauen Fasern vor Schwarz. Dazwischen ein wenig besprenkeltes Beige der Start- und Landebahn, oder dem Zubringer. Ich glaube, wir sind noch auf dem Zubringer, wie der korrekt hei\u00dft, wei\u00df ich nicht, aber ich halte Ausschau nach kleinen M\u00e4useaugen. Ich h\u00f6re immer dasselbe Lied, seitdem ich wieder fliegen kann. Zum Start und zur Landung. Manchmal, wenn das Lied zuf\u00e4llig gespielt wird und ich mich nicht in einem Flugzeug befinde, bilde ich mir ein die Vibration zu sp\u00fcren, den Druck hinter der Stirn. Fake Empire von The National. Als die Panik noch da war, versuchte ich, mich mit dem Nachahmen des Klaviers abzulenken. Es ist ja so, dass 55% der Passagiere angeblich w\u00e4hrend eines Flugs st\u00e4rkere Gef\u00fchle erleben als au\u00dferhalb eines Flugzeugs. So sagt es zumindest die Auswertung einer Studie von United Airlines. Die eine Begr\u00fcndung liegt im verminderten Sauerstoffgehalt in der Luft, damit schwinde das Urteilsverm\u00f6gen. Die anderen sagen, es habe mit der Flugh\u00f6he, dem begrenzten Raum und den darin befindlichen fremden Menschen zu tun. <\/p>\n<p>Bei Fake Empire spielt jede Hand einen anderen Takt, Dreiviertel gegen Vierviertel. Aber auch ohne Panik und mit wenig \u00dcbung wird man davon auf Dauer verr\u00fcckt und wenn jemand im Flugzeug neben einem sitzt und sieht, wie man sich selbst auf den Oberschenkeln herum dr\u00fcckt, w\u00e4hrend man seltsam atmet, wird Panik mitunter ansteckend und Panik in Startsituationen bei mehr als einer anwesenden Person kann niemand gebrauchen. Ich fliege gern, seitdem die Panik weg ist. Am liebsten nachts. Auch wenn es immer ein bisschen zu warm ist. Wenn der Horizont sich schief legt, setzt das Schlagzeug ein, unter uns die Gl\u00fchw\u00fcrmchenstadt, ein paar Raketen fliegen schon, den Rest brennen sie in zwei Stunden ab, ich fliege so fr\u00fch, wie ich muss und so sp\u00e4t, wie ich kann. We\u2019re half awake in a fake empire. <\/p>\n<p>Mittlerweile kann ich in der Luft sehr gut schreiben: Abhandlungen, Vortr\u00e4ge, Gebrauchsanleitungen f\u00fcr Dinge, die keine Gebrauchsanleitung haben, Packungsbeilagen, Liebesbriefe, Randnotizen. Es ist ganz gleich, was man mir auftr\u00e4gt, hier oben, nachts, da geht\u2019s, in diesem verdrehten Licht, in dem die Menschen sich halbwegs leise ihre Aufregung weg- und die roten Wangen antrinken. Es ist der 31. Dezember. Die meisten hier haben Pl\u00e4ne, da ist der Weg nur der Weg und kein Ziel. Die beste Zeit ist, wenn sie dann irgendwann schlafen, das flugbegleitende Personal schnauft durch, schaut sich mit entspannteren Blicken an, legt sich selbst und die Gesten kurz ab. Man kommt meistens nicht drumherum den Menschen hier oben beim Schlafen zuzusehen, dennoch versuche ich, den Blick zu senken, niemand wird gern im Schlaf beobachtet, das ist auch so eine unrealistische Sache aus Filmen, da schauen die einen den anderen beim Schlafen zu und beide finden das meistens super, die Zuschauenden l\u00e4cheln debil, diejenigen, die beobachtet werden, wachen auf und finden es nicht seltsam angestarrt zu werden, selten erschrickt jemand, die im Film Schlafenden wachen meistens sanft auf, niemand schreckt hoch, sie schauen wenig verdrie\u00dflich in die Welt und das Gesicht ihres Bettnachbarn hinein. <\/p>\n<p>Ich schlafe au\u00dferhalb des Flugzeugs gern auf dem Bauch, das macht es schwerer beobachtet zu werden, der Welt den R\u00fccken kehren und dann mit Kopfkissenstreifen im Gesicht aufwachen, es dauert meist ein paar Stunden, bis die Haut sich in den urspr\u00fcnglichen Zustand zur\u00fcckgeplustert hat. Die Kopfkissenstreifen auf der Wange sind auch im Flugzeug sehr kleidsam, ich mag, wenn man Menschen ansieht, dass sie sich gerade erst entfaltet haben. Als w\u00fcrde der Tag sich langsam in den Wangen ausbreiten, sich den Platz verschaffen, den er in der Nacht nicht gebraucht hat. <\/p>\n<p>Nachts, wenn hier oben alle schlafen und einander nur anexistieren, bin ich neben einem B\u00fcro auch eine sehr gute Beraterin f\u00fcr alle Lebenslagen, ich beantworte im Stillen alle Fragen, die nicht gestellt werden, ich stehe mit Rat und Tat denen zur Seite, die mich nicht brauchen, ich habe keine Aufgabe, ich wei\u00df hier oben wirklich alles, wissen Sie, was ich nicht wirklich wissen muss. Hier oben kann ich jede sein und niemand, es gibt keinen Abgleich, nur vorgegebene Prozedere, ge\u00fcbte S\u00e4tze und ein bisschen \u00dcberbr\u00fcckungszeit. Das Flugzeug ist ein guter Ort, um von einem Jahr ins n\u00e4chste zu kommen, es gibt keine Knaller oder Raketen, sondern nur ein paar nette Worte vom Menschen, der das Flugzeug fliegt, oder dem Menschen daneben. Einer von beiden sagt dann, dass sie alles im Griff haben, das ist ein sch\u00f6ner Satz vor einem neuen Jahr, ein sch\u00f6ner Satz, um sich zu verabschieden, es gibt einen Sekt aufs Haus und f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter ist wieder Ruhe. <\/p>\n<p>Niemand sucht ein Taxi, niemand ist entt\u00e4uscht, weil irgendjemand nicht p\u00fcnktlich war oder keine SMS geschrieben hat, oder doch eine SMS geschrieben hat, aber mit den falschen Worten, niemand klaut heimlich die Weintrauben von den K\u00e4sespie\u00dfen, niemand hat zu sp\u00e4t auf den Ausl\u00f6ser gedr\u00fcckt, niemand kleckert auf den Teppich, niemand rei\u00dft sich zusammen aus Komplex, sondern vor allem weil alles andere nicht angemessen w\u00e4re. Hier oben fragt niemand, ob man noch was mitbringen soll, wo denn Tina und Martin bleiben, ob es noch ein +1 gibt, ob wir dann jetzt bald mal spielen, ob wir runtergehen oder das Feuerwerk vom Balkon aus anschauen, wo der Handfeger ist. Hier will niemand Drogen kaufen, nur selten sitzt jemand kotzend im Gang, und wenn doch, ist sehr schnell eine T\u00fcte zur Stelle, niemand gie\u00dft Blei und erkennt nichts darin, niemand sagt, Wachs sei das neue Blei, niemand h\u00f6rt mit dem Rauchen auf, weil eh keiner rauchen darf, niemand ist um zw\u00f6lf alleiner als die anderen, niemand k\u00e4mpft mit den Wunderkerzen und niemand hat Angst, die Kuchenform zu vergessen. Niemand fragt, ob man nicht doch noch was trinken wolle, nur ein Gl\u00e4schen, ach komm. Niemand tanzt. Niemand bleibt in der Ecke stehen, weil er sich nicht traut zu tanzen. Niemand probiert durchzukommen, niemand schreit ins Telefon, niemand legt auf, auch nicht zu fr\u00fch. <\/p>\n<p>Das Essen und die Getr\u00e4nke werden in winzigen Gef\u00e4\u00dfen gereicht, niemand f\u00e4llt ins Buffet und wenn doch, dann bekommt es niemand mit. Alles hier oben wird auf seine elementare Winzigkeit herunter komprimiert, der Komfort, die Ber\u00fchrungen, die Kommunikation, die Anspr\u00fcche. Sitz, Tasche, Fenster, Ablage, alles ist kipp-, verschlie\u00df- und klappbar. Die Bibliothek besteht aus einer Anleitung zum \u00dcberleben. Es werden Chipst\u00fcten mit 15 Gramm Inhalt gereicht, vorne drauf ist das Foto eines Piloten zu sehen, der auch eine Pilotin sein k\u00f6nnte, das ist das Gute am D\u00e4mmerlicht, au\u00dferdem zu sehen sind ein Hund und ein Segelflugzeug. Irgendwann in ein paar Jahren werden sie die Kartoffelscheiben einzeln laminieren, weil sich irgendjemand nicht die Finger schmutzig machen will an frittiertem Gem\u00fcse irgendwo \u00fcber dem Ozean. <\/p>\n<p>J. erkl\u00e4rte mir neulich, dass wir einander oder die Dinge um uns herum nie ber\u00fchren, das, was wir sp\u00fcren, sei nur die Absto\u00dfungskraft der Atome. Die Atome selbst k\u00e4men nie in direkten Kontakt. Das macht Sinn, denke ich, und erkl\u00e4rt einiges. Zwischen uns und allem in der Welt ist immer noch Platz, wir k\u00f6nnen uns nah sein, aber mehr wirklich nie. Ob das den Sekunden und Minuten genauso geht? Dreiundzwanzig Uhr neunundf\u00fcnfzig. Null Uhr. Null Uhr eins. Unter uns leuchtender Plankton. Alles wie immer.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n<em>Dieser Text ist eine neue, l\u00e4ngere Version <a href=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/cabin-service\/\">dieses Textes<\/a> hier. Und ich durfte ihn am 23.04.2019 in der Buchbox in Berlin bei der <a href=\"https:\/\/www.buchboxberlin.de\/veranstaltungen\/graphic-novel-buchpr%C3%A4sentation-mit-sophia-hembeck\">Buchpr\u00e4sentation und Lesung<\/a> von <a href=\"https:\/\/www.sophiahembeck.shop\/\">Sophia Hembeck<\/a> vorlesen, f\u00fcr deren Einladung ich mich auch hier noch einmal sehr herzlich bedanke. Andere Autorinnen neben sich selbst auf eine B\u00fchne zu holen, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, aber wundersch\u00f6n.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Flugzeug f\u00e4hrt langsam an gefrorenem Gras vorbei. An hellgrauen Fasern vor Schwarz. Dazwischen ein wenig besprenkeltes Beige der Start- und Landebahn, oder dem Zubringer. Ich glaube, wir sind noch auf dem Zubringer, wie der korrekt hei\u00dft, wei\u00df ich nicht, aber ich halte Ausschau nach kleinen M\u00e4useaugen. 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