{"id":6149,"date":"2018-03-07T20:38:27","date_gmt":"2018-03-07T19:38:27","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6149"},"modified":"2018-03-07T23:48:35","modified_gmt":"2018-03-07T22:48:35","slug":"blutorangen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/blutorangen\/","title":{"rendered":"Blutorangen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildschirmfoto-2018-03-07-um-20.36.42.png\" alt=\"\" width=\"592\" height=\"390\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6151\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildschirmfoto-2018-03-07-um-20.36.42.png 592w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildschirmfoto-2018-03-07-um-20.36.42-300x198.png 300w\" sizes=\"(max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><\/p>\n<p>Ich sitze auf der Treppe und warte auf Achim. Es ist das zweite Mal in drei Wochen und ich glaube, Achim hat mich am Telefon wiedererkannt, schlie\u00dflich habe ich nach ihm gefragt, nachdem ich erst in meinem Telefon nach der Nummer gesucht habe, letzte Anrufe, vor drei Wochen, die Liste ist lang, Mama nicht, Papa nicht, die 0800er-Nummer auch nicht, vom Datum her passte nur die eine und ich kam direkt durch. Aber dass Achim nicht am Telefon war, erkannte ich sofort, aber der Typ sagte was mit Schl\u00fcsseldienst und ich fragte nach Achim, denn Achim hatte das vor drei Wochen sehr gut gemacht, nicht nur das mit der T\u00fcr, sondern auch das mit mir. Er hatte das im Hausflur herumliegende Obst ignoriert, das ich noch nicht wieder eingesammelt hatte, als er kam, obwohl ich mir das kurz nach dem Toben fest vorgenommen hatte. Ich wollte nur kurz ausruhen, man muss sich ausruhen, wenn man sich sehr feste aufgeregt hat mit Haut und Haaren und F\u00fc\u00dfen und allem, was man so dabei hat, au\u00dfer dem Schl\u00fcssel halt, dem ganzen anderen Schei\u00df, der Tasche, dem Obst, dem Joghurt, den habe ich nicht geworfen, aber der Tag war halt schei\u00dfe gewesen und dann war der Schl\u00fcssel am Ende weg und ich dachte erst und dann rief ich es auch, das kann doch jetzt nicht wahr sein. War aber wahr. Wenn ich eine Definition von wahrhaftig aufschreiben m\u00fcsste, das w\u00e4re sie gewesen, wahrhaftige Schei\u00dfe, aber so poetisch denkt in so einem Moment ja kein Mensch. Oder nur sehr komische Menschen, Menschen, die so reden, wie ich in Aufs\u00e4tzen schreibe, wenn ich meiner Lehrerin gefallen will, sind mir unheimlich, so unheimlich, dass ich ihnen aus dem Weg gehe, wenn ich kann, weil ich sie jedes Mal sch\u00fctteln will, wenn sie den Mund aufmachen, weil ich glaube, dass das nicht sein kann, dass alle Gedanken so aus einem herauskommen, als h\u00e4tte sie ein kleines M\u00e4nnlein oder Fr\u00e4ulein im Kopf noch einmal in seine oder ihre warmen H\u00e4nde genommen und in Form geknetet wie so eine h\u00e4ssliche Tonfigur, die man im Kindergarten stolz auf das Brett gelegt, ein bisschen darauf herumgedr\u00fcckt und dann &#8222;Fertig!&#8220; gesagt hat, freudestrahlend nat\u00fcrlich. Und dann kam jemand, der schon erwachsen war und hat &#8222;hier noch mal die Nase ein bisschen weiter raus&#8220; oder &#8222;guck mal, ein L\u00e4cheln f\u00fcr den Drachen&#8220; hinein modelliert und dann sah es pl\u00f6tzlich wirklich aus wie etwas und nicht nur wie eine Ahnung davon oder halt mehrere Dinge auf einmal. Mich gruseln diese Menschen, die so reden, obwohl ich gar nicht wei\u00df, ob sie ein kleines Menschlein im Kopf oder einfach nur einen an der Waffel haben, jedenfalls war Achim nicht so ein Mensch und das beruhigte mich ungemein, als ich unter den Briefk\u00e4sten neben einer Blutorange sa\u00df und den Tag hasste und meine Bl\u00f6dheit, ja eigentlich vor allem meine Bl\u00f6dheit, denn mein Kopf, der schafft es selten, alles beieinander zu behalten, die Schule und das Einkaufen und die Hausaufgaben und das Putzen und das Bescheidgeben und das Ausf\u00fcllen des Haushaltsbuches und vor allem das, was dazu gef\u00fchrt hat, dass ich das jetzt machen muss, vor allem das. Aber das sagt man ja nicht, wenn jemand nach dem Grund f\u00fcr irgendwas fragt, &#8222;Bist du schei\u00dfe drauf?&#8220;, dann nennt man eben eines der Dinge aus der Liste und dann wird nicht weiter gestochert und das ist gut, besser jedenfalls als wenn die Fragen weitergehen w\u00fcrden, und Achim, der kam einfach direkt, nachdem ich angerufen hatte, als w\u00e4re der auf der Stelle losgefahren, um mir aufzumachen, wahrscheinlich hat er es genauso gemacht, aber das Sprechen im Konjunktiv sichert einen ab, das Denken im Konjunktiv noch viel mehr, falls man sich irrt, das wirkt dann so, als habe man es bereits vorher gewusst. Dass die M\u00f6glichkeit eines Irrtums besteht. Davon kriegt man keine Blasen. Achim hatte das Obst bemerkt, das hab ich gesehen, das f\u00e4llt ja auch auf bei den wei\u00dfen Fliesen unten im Hausflur, es liegt auch selten einfach Obst herum, das man sich nehmen kann, es sei denn, man sitzt in diesen R\u00e4umen bei der Familienberatung, da steht immer Obst auf dem Tisch und Saft in sehr kleinen Flaschen, die keiner anr\u00fchrt, weil es keinen \u00d6ffner gibt und f\u00fcr das \u00d6ffnen mit den Z\u00e4hnen ist eigentlich niemand cool genug. Jedenfalls hat Achim zu dem Obst nichts gesagt und das fand ich nett. &#8222;Wo m\u00fcssen wa&#8217;n hin?&#8220;, hat er gefragt, kein Hallo, das war fast so, als w\u00fcrden wir uns schon kennen, kannten wir ja auch ein bisschen vom Telefon, aber es war wohl ziemlich offensichtlich, dass ich diejenige war, die angerufen hatte, und auch das gefiel mir. Mir gef\u00e4llt, wenn was passt. Ich hab den Staub in der Luft gesehen, als ich Achim die Haust\u00fcr \u00f6ffnete, damit er rein konnte in den Flur, weil das Licht mit ihm hineinkam, &#8222;wie in so nem Film&#8220; hab ich gedacht, aber dann fiel die T\u00fcr wieder zu und der Staub war nur noch unsichtbar wie sonst auch immer. &#8222;Wie bist&#8217;n hier reingekommen?&#8220;, fragte Achim dann doch noch, als er hinter mir her die Treppe hinaufging, aber irgendwie so, als m\u00fcsse ich gar nicht antworten, wir waren ja schon drinnen, jetzt war&#8217;s auch egal. &#8222;Nachbarin&#8220;, sagte ich und versuchte, nicht zu schnaufen, das Obst hatte ich einfach liegengelassen, ich wollte so schnell wie m\u00f6glich einfach rein, die Orangen konnte ich sp\u00e4ter aufsammeln, erst mal hoch und die T\u00fcr aufmachen, erst mal nicht mehr heulen, obwohl ich schon gar nicht mehr heulte, als Achim kam, aber ich f\u00fchlte mich so und ich sah auch so aus, da war ich mir sicher. Mein T-Shirt klebte mir an der Haut, das konnte er nicht sehen, Schwei\u00df rann mir an der Wirbels\u00e4ule herab, aber nicht so wie im Badeurlaub, wenn man schwitzt, weil man auf dem Bauch in der Sonne eingeschlafen ist, sondern der kalte piekende Schwei\u00df, der kommt, wenn das Leben gerade kein Badeurlaub ist, sondern aus der Form geraten. Ich hatte auf meine T\u00fcr gezeigt und Achim hatte gefragt: &#8222;Woher wei\u00df ick denn, dass dit auch deine is?&#8220;, und ich wurschtelte mein Portmonee heraus, den Perso hatte ich nicht dabei, aber die Krankenkassenkarte und Achim schaute auf meine Hand mit der Karte, als h\u00e4tte ich ihm gerade ein seltenes Tier gezeigt, und dann guckte er aufs Klingelschild, wie man eben auf ein Klingelschild guckt und mich irritierte das, aber dann stellte er sein K\u00f6fferchen ab, kniete sich hin, holte was raus und ungef\u00e4hr 30 Sekunden sp\u00e4ter stand er in dem kleinen Flur, in meinem kleinen Flur, und es war mir nicht unangenehm, das fiel mir erst sp\u00e4ter auf, aber er meinte, das mache jetzt 150 Euro und ich war neidisch auf diese Kalkulation, ich wusste, ich muss mir einen Beruf suchen, wo ich das auch mal sagen werden kann, &#8222;das macht dann 150 Euro&#8220;, das klingt angemessen und ernsthaft, als habe man etwas verrichtet, das genau so viel wert ist, als habe man diese Aufgabe erfolgreich bestanden, als h\u00e4tte man das wirklich verdient. &#8222;Ich hab nix hier&#8220;, sagte ich zu Achim und Achim seufzte, aber verdrehte nicht die Augen, obwohl das sehr gut gepasst h\u00e4tte, so ein Augenrollen, ich h\u00e4tte auch mit den Augen gerollt, wenn ich Achim w\u00e4re, aber Achim war anscheinend ein anderer Achim als der, der ich w\u00e4re, wenn ich Achim w\u00e4re. Er rollte nicht mit den Augen, sondern sagte: &#8222;Na dann jehn wa jetzt Jeld holn&#8220; und ich nickte und suchte meinen Schl\u00fcssel und als ich ihn gefunden hatte, da klimperte ich damit in der Luft wie in einem schrecklichen Werbespot, &#8222;Hallihallo&#8220; w\u00e4re so ein Wort, das zu dieser Geste passt, aber auch hier war Achim zauberhaft und schaute mich nur mit erhobenen Augenbrauen an, als w\u00fcrde er sagen &#8222;Wird&#8217;s bald?&#8220;, aber sagte es nicht und ich schob ihn aus der T\u00fcr und schloss ab und f\u00fchlte beim Runtergehen noch zweimal nach, ob ich den Schl\u00fcssel auch wirklich nicht vergessen hatte, und dann gingen wir vorbei an den vier Blutorangen und zwei \u00c4pfeln, die am n\u00e4chsten Tag braune Stellen hatten, raus auf die Stra\u00dfe und Achim hob wieder die Augenbrauen und ich erschrak fast und dann fiel es mir ein, &#8222;ach ja, da lang&#8220;. Ich hielt den Schl\u00fcssel den ganzen Weg in der Faust in der Tasche meiner Jeansjacke und in der anderen Hand das Portmonee und ich fragte mich, ob Mama das bezahlen w\u00fcrde, oder Papa, aber eigentlich, dachte ich, m\u00fcssen die das bezahlen, sonst kann ich nix essen die n\u00e4chsten drei Wochen, das machen die schon, und als Achim und ich vor der Bank angekommen waren, ging ich rein und hielt Achim die T\u00fcr auf, aber der wartete drau\u00dfen mit seinem K\u00f6fferchen und murmelte nur &#8222;nee nee&#8220;. Ich ging also rein und holte Geld und kurz nachdem der Automat meine Karte verschluckt hatte, da dauert es immer einen Moment zu lange, ich frag mich jedes Mal, was der Automat in der Zeit eigentlich macht, guckte ich raus und sah Achim mit seiner blauen Wollm\u00fctze und dachte &#8222;Der sieht so glatt aus&#8220;, aber nicht komisch glatt, sondern so glatt, wie Leute es sind, denen irgendwas passendes in die L\u00fccke gefallen ist, und dann schloss ich die Augen, als mein Kontostand angezeigt wurde und steckte die Scheine nicht ein, sondern nahm sie in die Faust mit dem Schl\u00fcssel, schob die T\u00fcr mit der Schulter auf und hielt Achim erst nur meine Faust entgegen, bevor ich bemerkte, dass man das nicht so macht. Man z\u00e4hlt ja das Geld im besten Falle dem anderen direkt in die Hand, nicht wahr, damit der sieht, dass das die richtige Summe ist, dass man ihn nicht beschei\u00dfen will, also fing ich an, Achim mein Geld entgegen zu z\u00e4hlen und er winkte ab und sagte: &#8222;Dit passt schon, brauchste ne Quittung?&#8220;. Quittungen sind gut, das sagt mein Vater immer, &#8222;Quittungen sind ein Beweis, lass dir immer alles unterschreiben&#8220;, also sagte ich &#8222;ja&#8220; und nahm die Faust mit dem Geld wieder zur\u00fcck in meine Tasche, w\u00e4hrend Achim einen Quittungsblock hervorzog und auf seinem Oberschenkel ausf\u00fcllte. Der Zettel flatterte im Wind, als er ihn mir entgegen hielt und Achim grinste und dann grinste ich auch und das war vielleicht das erste Mal an diesem Tag, so f\u00fchlte es sich an, vielleicht war es aber auch einfach nur sehr kalt oder meine Durchblutung angeregt von der W\u00e4rme in der stinkenden Bank, jedenfalls war es gut und ich verabschiedete mich mit &#8222;Tsch\u00fc\u00df und danke&#8220; und ging los und dann ging Achim aber noch ein paar Schritte neben mir her. Wahrscheinlich guckte ich ihn so an, dass er meinte, beinahe verteidigend sagen zu m\u00fcssen &#8222;Mein Auto steht in deiner Stra\u00dfe&#8220;. Also gingen wir nebeneinander den Weg zur\u00fcck und sagten nichts und das war eigentlich das Sch\u00f6nste daran und auch, dass ich den Schl\u00fcssel noch in der Faust hatte, und ich dachte &#8222;Mensch, Ulli, wie so Erwachsene, da passiert was und dann ruft man jemanden an und bezahlt ihn daf\u00fcr, dass er das regelt&#8220;, aber f\u00fchlte es eher, als es wirklich zu denken, und als wir an meinem Haus angekommen waren, blieb ich stehen und sammelte den Schl\u00fcssel aus meinen schwitzenden Fingern. Achim ging weiter und sagte noch &#8222;Mach&#8217;s jut&#8220; und ich sagte &#8222;Du auch&#8220; und dann stand ich wieder im Hausflur und das Obst war noch immer dort, wo es vorher hingerollt war. Heute kommt Achim sp\u00e4t, er m\u00fcsste l\u00e4ngst da sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze auf der Treppe und warte auf Achim. 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