{"id":6042,"date":"2017-09-24T14:50:20","date_gmt":"2017-09-24T12:50:20","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6042"},"modified":"2017-09-24T15:07:58","modified_gmt":"2017-09-24T13:07:58","slug":"nicht-weniger-als-das","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/nicht-weniger-als-das\/","title":{"rendered":"Nicht weniger als das"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/IMG_9858.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"516\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6043\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/IMG_9858.jpg 600w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/IMG_9858-300x258.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Wahllokal muss ich erst am Berlin-Marathon vorbei. Die Menschen sind nass, irgendwas zwischen Regen und Schwei\u00df, die Luft ist feucht. Am Rand stehen ein paar Zuschauer. Und wie jedes Mal versuche ich auf dem Weg zum Wahllokal alles wahrzunehmen, den Moment zu nutzen, um nicht nur nebenbei oder routiniert \u00fcber Privilegien und Errungenschaften nachzudenken, dar\u00fcber, wie ich mir die Zukunft w\u00fcnsche, und mit mir w\u00fcnschen meine ich vor allem, wie ich sie mir vorstelle, eben nicht nur f\u00fcr mich. Und dann warte ich am Stra\u00dfenrand, w\u00e4hrend die Menschen vorbei japsen, und man k\u00f6nnte auch das jetzt noch einmal von schr\u00e4g oben betrachten und direkt ein Symbol daraus machen, aber es ist nicht das Schlechteste, kurz vor dem W\u00e4hlen noch einmal ein paar Menschen zu sehen, ganz unterschiedliche, und wie sie miteinander vorw\u00e4rts laufen, w\u00e4hrend andere am Rand stehen und ihnen Getr\u00e4nke hinhalten, sie umarmen oder anfeuern. Der Rest von Kreuzberg liegt verschlafen in der Gegend herum, das kleine Hinweisschild vor dem Wahllokal ist voller Matsch. Im Hinterhof dann Holzstufen, die nach unten ins Souterrain f\u00fchren, ein Mensch vom polnischen Radio f\u00e4ngt jene ab, die schon gew\u00e4hlt haben und fragt sie, warum das ein besonderer Tag f\u00fcr Deutschland ist. Daneben warten zwei, Kinder springen herum, man l\u00e4chelt einander an. Der \u00e4ltere Herr vor mir beobachtet ganz genau, wer so kommt, und freut sich, tippelt ungeduldig vom einen Bein aufs andere, beginnt Gespr\u00e4che mit den Wartenden. &#8222;Es ist doch so toll, dass wir w\u00e4hlen k\u00f6nnen&#8220;, sagt er und ich wehre mich nicht gegen G\u00e4nsehaut. Er bedankt sich auch bei den Wahlhelfern, bei jedem einzelnen, f\u00fcr die Unterst\u00fctzung. \u00dcber dem Eingang zum Wahllokal h\u00e4ngt eine tropfende Girlande aus Wimpeln, eher aus Versehen, drinnen die Berlin-, Deutschland- und Europaflagge. <\/p>\n<p>Am Morgen schickte mir meine Mutter ein Foto, ich bin ungef\u00e4hr 3 Jahre alt, sie m\u00fcsste demnach auf dem Bild 21 Jahre alt sein. Und sie h\u00e4tte dieses Bild von uns beiden an keinem besseren Tag als heute schicken k\u00f6nnen, weil wir uns nicht nur an Wahltagen beieinander bedanken, f\u00fcrs Dasein, f\u00fcrs Durchhalten, aber dann eben auch. Meine Familie lebte in der DDR, ich gl\u00fccklicherweise nur f\u00fcnf Jahre lang, eingeschult wurde ich erst nach der Wende. Aber die Repression und Gewalt dieses Staates hatten einen gro\u00dfen Einfluss auf unser Leben, manche Traumata aus dieser Zeit halten bis heute. Ich w\u00fcnsche uns eine Zukunft, in der Demokratie und Freiheit, Solidarit\u00e4t und Diversit\u00e4t, Respekt, Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t eine gro\u00dfe Rolle spielen, eine Zukunft, in der wir anerkennen, was wir haben, und es mit denen teilen, die nicht so privilegiert sind, eine Gesellschaft, in der jeder lieben und leben darf, wen und wie er oder sie will, in der wir integrieren statt auszusortieren, in der wir mit Unterst\u00fctzung agieren statt \u00c4ngste zu sch\u00fcren, in der wir Kompromisse finden statt zynisch und hart zu werden. Ich w\u00fcnsche uns eine Gesellschaft, in der wir \u2013 statt unsere Hornhaut zu trainieren \u2013 weich miteinander bleiben.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eT_5G-pX_W8?rel=0&amp;controls=0\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zum Wahllokal muss ich erst am Berlin-Marathon vorbei. 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