{"id":6007,"date":"2017-08-04T16:03:13","date_gmt":"2017-08-04T14:03:13","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6007"},"modified":"2017-08-04T21:54:50","modified_gmt":"2017-08-04T19:54:50","slug":"die-nacht-auf-links","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/die-nacht-auf-links\/","title":{"rendered":"Die Nacht auf links"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/See.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"450\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6010\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/See.jpeg 600w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/See-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>In dieser einen Nacht in Brandenburg unterm Himmel sitzen, die Sterne angucken und relativ genau wissen, wo man sich befindet, die eigenen Koordinaten kennen, die Ma\u00dfe, den Standort. N\u00e4her als fr\u00fcher. Wieder denken: &#8222;Ich bin jetzt \u00e4lter als er, als er starb. Was hat er damals schon gewusst, und vor allem, was nicht?\u201c C., N. und ich stapfen nachts \u00fcber diese Landstra\u00dfe, links und rechts und vorne und hinten kein Licht au\u00dfer der Taschenlampe, der Wald macht Ger\u00e4usche wie ein nerv\u00f6ses Tier, und auch hier taucht nochmal ein Satz auf, den ich mit K. vor ein paar Jahren in Mitte einmal sagte, als wir aus diesem Club stolperten, die Arme ineinander verhakt, die F\u00fc\u00dfe stolpernd: &#8222;Es ist noch so weit bis geradeaus.&#8220; Das war auch so eine Nacht damals, in der man das Licht des n\u00e4chsten Tages schon ahnen konnte, die Musik noch mit sich herumschleppte und in der Stille dieser fr\u00fchen Stunden alles nachhallte. Jetzt setzen wir die Schritte auf Asphalt und au\u00dfer uns ist sonst niemand da. Nur wir drei und irgendwann die Bahnschienen und dann die ersten H\u00e4user des n\u00e4chsten Ortes. Als wir in den Jugendherbergsbetten liegen, wird es hell und es beginnt zu regnen.<\/p>\n<p>&#8222;Nur die wenigsten Geschichten verkraften die Realit\u00e4t\u201c, sagt F., \u201edeswegen ist die Kunst nicht, die Geschichte im Nachhinein der Realit\u00e4t anzupassen, das geht meistens schief, sondern eine Geschichte zu schreiben, die von der Realit\u00e4t lebt, daraus erw\u00e4chst.\u201c <\/p>\n<p>Die drei \u00e4lteren Herren mit der Lederhaut, gebr\u00e4unt in den Tagen, an denen es nicht regnete, der kleine Strand mit Blick auf den gr\u00fcnen Streifen ist ihr Vorgarten, vielleicht auch eher der hinterm Haus, wo man die Nachbarn vergisst, wenn man sich nicht gerade beschwert. Sie trinken Bier. Und der eine, ich nenne ihn sofort Wolfgang innen drin, tr\u00e4gt seine Angel auf und ab, versucht im Abendlicht noch eine gute Stelle zu finden, steht irgendwann nachdenklich am Ufer und schaut hin\u00fcber zu dem sich langsam in der Str\u00f6mung drehenden Schiff, er kneift den Po ein bisschen zusammen, bekommt kleine ledrige Gr\u00fcbchen, er scheint so tagelang gestanden zu haben, es gibt keine wei\u00dfen Streifen, keine Kleider\u00fcberreste. Sp\u00e4ter watet er noch tiefer ins Wasser, die Arme in die H\u00f6he gestreckt, als hebe ihn gleich jemand heraus. Am Ufer berlinert man \u00fcber Krankschreibungen und Sanit\u00e4tsh\u00e4user, Terminfindungsprobleme und Arbeitslosengeld. Das Hausboot, das vorbeif\u00e4hrt, liegt manchmal an der Warschauer Br\u00fccke in einer anderen Galaxie.<\/p>\n<p>Wir steigen aus der U-Bahn da oben im Wedding und es ist, als kotze die Stadt in genau diesem Moment alles aus sich heraus, die Sirenen, die Spucke, der tiefliegende Sommer, die vom Schwei\u00df an der Stirn klebenden Haare, die Halbs\u00e4tze, die ins Telefon gebr\u00fcllt werden, weil man sonst nichts versteht und keine Hand frei hat zum Tippen und keine Zeit, um einfach die Klappe zu halten und abzuwarten. Die Stadt im Zustand der \u00dcberforderung, in dem sie sich eingerichtet hat, dass sie gar nicht mehr wei\u00df, wie es ist, nicht immer einen halben Schritt zu weit zu gehen. Lautst\u00e4rke als Beweis, aber f\u00fcr was eigentlich? Im Getr\u00e4nkemarkt stehen von jeder Sorte immer nur zwei Flaschen im Regal, dazwischen hat man Platz gelassen, die G\u00e4nge sehen aus wie die einer Ausstellung f\u00fcr Limonadengeschmack 2017. Die Stirn auf dem Kronkorken in einem der K\u00fchlschr\u00e4nke ablegen. Kurz \u00fcberlegen, dort einzuziehen. Bis die Kasse piepst und drau\u00dfen wieder irgendjemand bellt. Dann doch lieber Hinterhof und den Hinterkopf auf die Stuhllehne, den Blick nach oben, wo die schwarzen V\u00f6gel im Schwarm ihre Kreise ziehen. Wir sind jetzt in dem Alter, da reden wir \u00fcber Kinder, \u00fcber die, die schon da sind, die, die vielleicht noch kommen, und die, die es vielleicht niemals geben wird.<\/p>\n<p>&#8222;<em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=eT_5G-pX_W8\">In der Seitenlage durstig erweist sich Zeit als eine Chance, die M\u00f6glichkeit der Wende auf Kurs zur scheu\u00dflichen Balance<\/a><\/em>.&#8220;<\/p>\n<p>231 Schnecken hat Opa aus dem Beet gesammelt, das sagt er zumindest, wir vertrauen diesen Angaben je nach Tagesform. Salat gibt es deswegen dieses Jahr keinen, aber m\u00fcden Mangold und Riesenzucchini. Die \u00dcberreste des Holzpferdes, das er letzten Jahr beerdigt hat, indem er es in Brand steckte, fand ich neulich in einer Schublade wieder, ordentlich in ein Schraubglas gef\u00fcllt und beschriftet, so ist er. Selbst nach dem Weltuntergang w\u00fcrde er kleine Aufkleber auf die Tr\u00fcmmer kleben, die erz\u00e4hlen, was das mal war und wohin es geh\u00f6rt. Vielleicht noch die Daten der wichtigsten Jahre mit Fineliner in verschiedenen Farben und Serifenschrift. Ein Garten w\u00e4re sch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser einen Nacht in Brandenburg unterm Himmel sitzen, die Sterne angucken und relativ genau wissen, wo man sich befindet, die eigenen Koordinaten kennen, die Ma\u00dfe, den Standort. N\u00e4her als fr\u00fcher. Wieder denken: &#8222;Ich bin jetzt \u00e4lter als er, als er starb. Was hat er damals schon gewusst, und vor allem, was nicht?\u201c C., N. 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