{"id":5981,"date":"2017-06-23T15:34:00","date_gmt":"2017-06-23T13:34:00","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5981"},"modified":"2017-06-23T17:05:31","modified_gmt":"2017-06-23T15:05:31","slug":"zitronenfaltertage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/zitronenfaltertage\/","title":{"rendered":"Zitronenfaltertage"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-23-um-15.32.49.png\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"450\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5990\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-23-um-15.32.49.png 599w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-23-um-15.32.49-300x225.png 300w\" sizes=\"(max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Born to make money&#8220; steht in Wei\u00df auf den gr\u00fcnen T-Shirts, die die beiden grinsenden Erwachsenen tragen, als sie mir am Morgen auf der Stra\u00dfe entgegen kommen. Sie tragen Papiere unter dem Arm, unterhalten sich angeregt. Die Sonne scheint und rollt rechts am Horizont aus dem Bild. <\/p>\n<p>Beim Blick auf die leere Torstra\u00dfe halten wir die F\u00fc\u00dfe in das blau-orangene Planschbecken, weil der Weg in den Wald uns zu weit ist, weil man sich zwischendurch auf den gro\u00dfen Teppich legen und verschnaufen kann, weil man dann immer noch die wenigen Autos h\u00f6rt, die zu sp\u00e4t sind, zu sp\u00e4t auf dem Weg nach drau\u00dfen, zu sp\u00e4t an der Erfrischung, zu schnell f\u00fcr diese Kurve. Gegen\u00fcber im Sp\u00e4ti sitzen ein paar vergessene Gestalten und schwitzen, das Klirren ihrer Gl\u00e4ser klingt bis zu uns, wir prosten leise zur\u00fcck und verbrennen uns die Ellbogen beim Abst\u00fctzen am Fensterbrett. Ich erinnere mich an die Sommer im B\u00fcrgerpark, in denen wir ebenso apathisch herumlagen, aber uns genau deswegen tagelang wiederholten, die Hundstage, in denen alles schmilzt, alles ineiander flie\u00dft ohne Sinn und Verstand, an denen trinkt man Kaffee und Limoncello beinahe in einem Zug und wundert sich am Abend wirklich \u00fcber nichts mehr.<\/p>\n<p>Sie sagt, sie habe jetzt die Entscheidung getroffen, zu k\u00fcndigen. Nach den vielen Jahren. Ohne eine neue Idee. Es sei jetzt an der Zeit, es sei ja wirklich lange nicht an der Zeit gewesen, eigentlich noch nie. Und sie sitzt da im Halbdunkel und blinzelt gegen unsere gro\u00dfen Augen an, die erwartungsvollen Blicke. &#8222;In meinem Kopf ist Fukushima&#8220;, sagt sie und ich will vor allem applaudieren. Sich loszumachen, bevor man wei\u00df, wo es hingeht, wenn man wei\u00df, dass man hier nicht mehr sein will, erfordert so viel Mut.<\/p>\n<p>Im Schatten ist es gar nicht so wahnsinnig warm, sondern genau so warm, dass man nichts braucht, nicht mehr und nicht weniger, die Temperatur der eigenen Mitte. Sommer ist immer dann da, wenn Sonneneinstrahlung nicht mehr alles ist, um das es geht, wenn er einfach dabei ist, ohne dass man alles auf ihn auslegt. Zwei Frauen liegen neben mir am See. Ich sch\u00e4tze sie auf Ende Vierzig. Die eine macht gerade eine Therapie, Zucker sei nun verboten. Und dann habe sie noch diese Freundin mit den zwei Jagdhunden, mit der sie sich ein Haus angesehen hat auf dem Land, das habe sie ja untersch\u00e4tzt, also diese Haussuche und auch die Hunde. Das sei ja wie mit zwei Kindern. Man m\u00fcsse das vorbereiten, das Essen und den Ausflug, das habe sie anfangs nicht verstanden. Jetzt im Nachhinein wisse sie, sie h\u00e4tte da achtsamer sein m\u00fcssen, Bindung sei ja sowieso ihr Thema, und Geduld, sie habe sich also jetzt entschieden, der Freundin immer mal zu helfen mit ihren Hundekindern, sie gehe immer mal einkaufen f\u00fcr sie und erwarte keinen Dank, aber ihrer Therapeutin erz\u00e4hle sie davon, irgendwo m\u00fcsse man ja hin damit. Aber wenigstens sei das Leben jetzt sch\u00f6ner ohne Zucker, so S\u00fcchte h\u00e4tten ja auch immer was mit Sehnsucht zu tun, da m\u00fcsse man sich eh mal von losmachen. Die Haubentaucher klettert \u00fcber den ins Wasser gefallenen Baumstamm an Land, schauen sich um, stehen ein bisschen und watscheln dann zur\u00fcck hinein. Im Baumstumpf wohnt eine Maus, die in der D\u00e4mmerung gr\u00f6\u00dfer wird. Sp\u00e4ter kommen die beiden Anfang Zwanzig. Ihre Haare sind blau, sein Kleid ist gelb, sie sprechen dar\u00fcber, wie schwer es doch sei, sich dem eigenen Druck nicht hinzugeben, sofort den besten Job der Welt finden zu m\u00fcssen, sie sprechen Englisch und wenn man die Augen schlie\u00dft, k\u00f6nnte man meinen, man l\u00e4ge aus Versehen als Statistin in einer dieser Serien herum, von denen man nicht wei\u00df, ob sie aus der Realit\u00e4t abgeschrieben sind oder ob die Realit\u00e4t von ihnen abschreibt, ob ihre Zuschauer wirklich so reden oder es nur tun, weil sie die Folgen so oft gesehen haben. Jedenfalls m\u00f6chte man sie im ersten Moment komisch finden, aber wenn man ihnen zuh\u00f6rt, g\u00f6nnt man es ihnen sofort, die Unbedarftheit und die gro\u00dfen Fragen, man schaut zwar etwas besch\u00e4mt zur Seite, als sie mit den Handys in den See springen und mit den Beinen im Wasser zittern f\u00fcr ein Instagrambild, man m\u00f6chte ihnen sagen &#8222;Ihr seid doch schon sch\u00f6n&#8220;, als sie \u00fcber den richtigen Filter diskutieren und die Bildunterschrift, man g\u00f6nnt ihnen das Grinsen zwischen den Zweifeln und vor allem das Gef\u00fchl, alles finge gerade erst an.<\/p>\n<p>Die Nacht kommt langsam \u00fcber die Stadt. Sie schiebt den Abend so beiseite, dass er es kaum merkt und die Blitze zucken \u00fcber den schwarzen Kanten, bevor der Regen kommt. Sie spielen &#8222;Bei dir war es immer so sch\u00f6n&#8220; von Hildegard Knef, als die ersten Tropfen fallen, kurz darauf rennen die Leute nur so an den gro\u00dfen Fenstern vorbei, halten sich Jacken und Taschen \u00fcber den Kopf, das Dunkelblau ist fast fort, die Laternen leuchten in schmalen Streifen. Von nun an werden die Tage wieder k\u00fcrzer, das war das H\u00f6chste an Licht. <\/p>\n<p>Als wir auf der Wiese des Gleisdreieckparks liegen, kommt irgendwann der Wind und f\u00e4hrt so durch A. und mich hindurch, dass wir aufstehen und gehen, aber in dieser Sekunde des Aufstehens denke ich, das k\u00f6nnte doch dieser Moment sein, in dem sowas passiert, was eigentlich nicht passieren kann, also dass der Wind uns zum Beispiel hochhebt und wir nicht wieder selber die Beine in die Hand und die H\u00e4nde um den Verstand herumlegen m\u00fcssen. &#8222;Jetzt sind wir ja doch erwachsen geworden&#8220;, sagt A. und verfolgt mit dem Blick einen verirrten Junik\u00e4fer und die sich neben den Bierflaschen k\u00fcssenden Teenager. <em>I&#8217;ll keep this photo safe til my dying day.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Born to make money&#8220; steht in Wei\u00df auf den gr\u00fcnen T-Shirts, die die beiden grinsenden Erwachsenen tragen, als sie mir am Morgen auf der Stra\u00dfe entgegen kommen. 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