{"id":5967,"date":"2017-06-11T10:25:59","date_gmt":"2017-06-11T08:25:59","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5967"},"modified":"2017-06-11T10:29:41","modified_gmt":"2017-06-11T08:29:41","slug":"mitternachtskaesebrot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/mitternachtskaesebrot\/","title":{"rendered":"Mitternachtsk\u00e4sebrot"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-11-um-10.26.25.png\" alt=\"\" width=\"597\" height=\"449\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5978\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-11-um-10.26.25.png 597w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-11-um-10.26.25-300x226.png 300w\" sizes=\"(max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><\/p>\n<p>Das Fl\u00fcstern am Fenster \u00fcber die Leerstellen im Leben, auf die man Acht gibt, die man beinahe einz\u00e4unt, zumindest absperrt. Die Absperrung sp\u00e4ter durch einen Glaskasten ersetzt, manche Leute schaffen es, die Leerstellen einfach so im Raum zu lassen ohne sie zu markieren und die Besucher treten trotzdem nicht drauf. Da mal hinwollen, das irgendwann k\u00f6nnen. Umwege nicht mehr als solche zu begreifen.<\/p>\n<p>Beim Karneval l\u00e4uft nach dem Gewitter das Wasser an der riesigen H\u00fcpfburg hinab, im Rinnstein schwimmt eine Honigmelone davon. Zwei Morgen danach fahren die Autos pl\u00f6tzlich nicht mehr, die Kreuzung ist gesperrt, \u00fcberall stehen Last- und Kranwagen, es riecht nach Teer. Und w\u00e4hrend die einen die oberste Schicht von der Stra\u00dfe abtragen, um eine neue draufzulegen, beschneiden die anderen die B\u00e4ume. Alles auf einmal, die Kreuzung sieht aus, als w\u00fcrde man sie operieren. <\/p>\n<p>Gegen\u00fcber wohnen die zwei, die immer am Fenster rauchen. Vielleicht haben sie keinen K\u00fchlschrank, oder einen zu kleinen. Aber viele Lebensmittel hoben sie bis vor kurzem in einem selbstgebauten Kasten auf dem Fensterbrett auf. F\u00fcnfter Stock. Manchmal lassen sie einander den Schl\u00fcssel zur Haust\u00fcr in einem roten Beutel an einem Seil herab. Manchmal lehnen sie sich beim Rauchen zu sehr auf das Holz, es k\u00f6nnte sein, dass irgendwann jemand von Joghurt, Margarine und Milch erschlagen wird. Aber nicht jetzt, nicht im Sommer.<\/p>\n<p>Als ich morgens am Kanal nach Hause laufe nach den Liedern und den Reimen auf dem Balkon ist das Licht schon da, ohne da zu sein, und niemand sonst; f\u00fcr einen Augenblick das Gef\u00fchl, allein zu sein in der Stadt, so als habe jemand f\u00fcr ein paar Minuten einen anderen Filter eingestellt. Die Schw\u00e4ne schwimmen brav in Zweierreihen, und weiter hinten sitzen dann doch noch zwei Menschen am Ufer vor dem Krankenhaus, die K\u00f6pfe aneinander gelehnt, immer wieder wild knutschend, sie bemerken nicht, dass zw\u00f6lf Schw\u00e4ne sie umringen, sie ansehen, nur einer schl\u00e4ft, die anderen betrachten das Paar, platzieren sich um sie herum, kreisen sie ein. <\/p>\n<p>Auf dem Feld schlie\u00dfen wir eine Wette ab ohne Gewinn, ob der gro\u00dfe Streifen Wolken an uns vor\u00fcberzieht, ob das Gewitter wirklich kommt, ob es Blitz und Donner geben wird. Am Ende kommt nur der Wind und schiebt alles weiter, auch den gro\u00dfen Mann ganz in Schwarz, mit dem gef\u00e4rbten Undercut, der immer nur ein bisschen hin und her rollt auf seinen Skates, als traue er sich noch nicht, als w\u00fcrde er darauf warten, es gleich zu k\u00f6nnen, aber immerhin ein Versuch am Rand der Bahn, w\u00e4hrend hinter ihm die beiden M\u00e4dchen beinahe Pirouetten drehen.   Der Regen kommt sp\u00e4ter dann doch noch, aber aus dem Hinterhalt und ganz ohne Pathos, als w\u00e4ren wir nur eine Erledigung auf seinem Weg.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste man genau jetzt beschlie\u00dfen, den Sommer woanders zu verbringen. Damit die Ger\u00fcche, die man schon kennt aus dem letzten Jahr, abgel\u00f6st werden nicht nur von ihresgleichen, sondern von allem, weil sich die Eindr\u00fccke ja dann so ineinander schieben, dass man abends im Bett, wenn das Herz klopft, weil man nicht wei\u00df, woran man zuerst denken soll, in dieses Rauschen f\u00e4llt. &#8222;Alle Kn\u00f6pfe gleichzeitig dr\u00fccken ist Neustart&#8220;, hat J. immer gesagt. Das alte Lied h\u00f6ren, das wir damals zusammen aufgenommen haben, sofort wieder gewusst von dieser Wohnung am anderen Ende der Stadt, noch nicht einmal 20 war ich damals, der Weg dorthin beinahe schon eine Reise, in jedem Fall aufregend, einer dieser Orte, an denen du wei\u00dft, das hier wird was, das hier werden Tage, an die du dich immer erinnern k\u00f6nnen wirst, an das helle Holz vom Regal, die Salatschleuder, den Unterschied zwischen der Lautst\u00e4rke in der Wohnung und der gro\u00dfen Stra\u00dfe drau\u00dfen, daran, wie wir nicht genau wussten, wohin das eigentlich gehen soll, und uns trotzdem immer wieder trafen. Das wird weniger im Alter. Dass man die Sachen laufen l\u00e4sst, einfach nur, um zu sehen, was passiert, dass man das Zaudern aush\u00e4lt ohne Exit-Strategie. &#8222;Komm, wir treffen uns&#8220; war damals immer ein Versprechen, den Nachmittag miteinander zu sein, ohne Plan, vielleicht essen, vielleicht sitzen, vielleicht lesen oder irgendwohin gehen, maximale Momentorientierung, manchmal haben wir auch einfach nur rumgelegen auf dem gro\u00dfen Bett, die Sonne war schief und J. machte T\u00f6ne auf der Gitarre oder spielte mir Lieder vor von anderen, die ich noch nicht kannte, ich kannte eigentlich fast gar nichts, aber in dem Moment dachte ich, jetzt f\u00e4ngt das Leben an, so wird es sp\u00e4ter immer sein, so ruhig und dass man sich keine Sorgen macht, jedenfalls nicht solche, \u00fcber die man kein Lied schreiben k\u00f6nnte, ich musste mich auch erst einmal daran gew\u00f6hnen, dass man bei J. da sein durfte. &#8222;Ich bin heute nicht so gut drauf&#8220; lie\u00df er als Absage nicht gelten, auch Krankheit nicht, dann kam er eben in die andere H\u00e4lfte der Stadt, J. war der erste Mensch in meinem Alter damals, bei dem es okay war, immer alles zu sein, was man ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Fl\u00fcstern am Fenster \u00fcber die Leerstellen im Leben, auf die man Acht gibt, die man beinahe einz\u00e4unt, zumindest absperrt. 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