{"id":5932,"date":"2017-05-24T19:21:50","date_gmt":"2017-05-24T17:21:50","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5932"},"modified":"2017-05-24T19:43:39","modified_gmt":"2017-05-24T17:43:39","slug":"la-gomera-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/la-gomera-6\/","title":{"rendered":"La Gomera #6"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bildschirmfoto-2017-05-24-um-19.17.42.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"431\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5933\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bildschirmfoto-2017-05-24-um-19.17.42.png 598w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bildschirmfoto-2017-05-24-um-19.17.42-300x216.png 300w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/p>\n<p>Am Sonntag verstecken sich die Menschen in Agulo, falls es \u00fcberhaupt mehr Menschen gibt als jene, die uns vereinzelt \u00fcber den Weg laufen; eher huschen als laufen. Der \u00e4ltere Herr, der die etwas j\u00fcngere Dame fragt, wo sie herkomme. &#8222;Von den Blumen!&#8220;, ruft sie und winkt ihm lachend zu, er humpelt ihr mit seinem Stock entgegen, das Ger\u00e4usch des Stockes rollt die schmalen Gassen entlang, in denen man im Schatten l\u00e4uft, weil es in der Sonne zu warm ist und weil man im Schatten besser schauen kann, besser erkennt. Sp\u00e4ter die zwei M\u00e4nner mit den sich unter quietschbunten T-Shirts w\u00f6lbenden B\u00e4uchen, sie tragen Plastikt\u00fcten \u00fcber den schmalen Weg zwischen Bananenplantage und Ortsgrenze, unterhalten sich laut und rufen am Ende des Weges laut den Autos entgegen, die sich vor der roten Wand die Serpentinen hinunter schl\u00e4ngeln, den Autos, die der Berg aus dem Tunnel spuckt. Es sind nicht viele diesen Sonntag. Wir essen neben einem franz\u00f6sischen Wanderpaar, die sich das Wasser aus den gew\u00f6hnlichen Flaschen in gr\u00fcne, bauchige Dreiviertelliterflaschen umf\u00fcllen am Tisch. Er studiert die Karte und l\u00e4chelt sie unentwegt an. Sie diskutiert mit dem Kellner und steht sp\u00e4ter hinter ihrem Partner, als sie gemeinsam auf die Karte schauen, ihr Blick f\u00e4llt dabei auf seinen Hinterkopf und irgendetwas gef\u00e4llt ihr daran nicht, sagt ihr Blick, sie hebt die Hand, als wolle sie hineingreifen in seinen Igelschnitt, aber kurz davor zieht sie doch die Hand zur\u00fcck, l\u00e4sst sie sinken, hebt nur die Augenbrauen. Er merkt davon nichts, er schaut nur nach vorn und studiert die Strecke, die heute noch zu gehen ist. Der Mann mit dem gro\u00dfen Tattoo h\u00e4ngt auf dem Dach die W\u00e4sche auf und sein Sohn hilft ihm dabei. Ein anderer kommt telefonierend aus dem Haus, mehr Menschen sehen wir nicht. <\/p>\n<p>Oben auf dem Berg mit der roten Erde stehen pl\u00f6tzlich sehr viele Menschen und fotografieren von oben auf den Ort, sie stehen vor der Glasabsperrung, als markiere nur diese eine Sensation. Der Himmel zieht sich zu. Auf dem kleinen Skywalk steht ein \u00e4lteres Paar, die Kinder f\u00fchren sie bis nach vorne ans Ende, wo man sich f\u00fchlen w\u00fcrde, als st\u00fcnde man im Nichts, w\u00e4ren da nicht die Schlieren auf dem Boden, vielleicht eher im Nebel stehen. Der \u00e4ltere Herr mit Hut wankt dort, voller Ehrfurcht und schaut und winkt ab, als sein Sohn ein Foto von ihm machen will, vielleicht braucht er das nicht mehr. Daf\u00fcr verschr\u00e4nkt er die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken und senkt den Kopf. In der Ecke telefoniert der Kellner und poliert Gl\u00e4ser. Die Festtagsgesellschaft wird mit dem Bus ankommen, in der Zeit kann man nicht nach unten fahren, weil die Stra\u00dfe nicht breit genug ist. Der rote Staub f\u00e4llt noch Tage sp\u00e4ter aus den Schuhen. <\/p>\n<p>K. kann uns nicht sagen, was das Schwimmbecken neben vier riesigen S\u00e4ulen fr\u00fcher mal gewesen ist. Man klettert erst \u00fcber die Absperrung, l\u00e4uft dann den staubigen Weg nach unten, das Meer wirft sich an die Klippen daneben, \u00fcberall kleben Schilder, man solle aufpassen auf den Steinschlag, die gro\u00dfen Brocken liegen \u00fcberall. Und man will gar nicht nachlesen, was das fr\u00fcher einmal war, was sich dann vor einem auftut, eine zerfallene Terrasse mit kleinen bunten H\u00e4uschen, in denen niemand mehr sitzt und aufs Meer schaut oder Eis verkauft, man k\u00f6nnte aus ihnen heraus sehr gut Eis verkaufen, das Orange und das Rosa und das Blau h\u00e4ngen hin gro\u00dfen Fetzen herab, aber strahlen noch immer, wie sich das mal jemand ausgedacht hat. Damals, als die D\u00e4cher dem Steinschlag noch nicht nachgegeben hatten. Dahinter dann die Treppe nach unten und der Blick auf die sanften \u00dcberg\u00e4nge zwischen Meer und Schwimmbecken. Das eiskalte, stille Wasser geht einem nur bis zum Hals. Beim Schwimmen habe ich trotzdem das Gef\u00fchl unter mir geht die Tiefe endlos weiter, als w\u00fcrde ich in einem aufgegossenen Hochhaus schwimmen, neben mir die Fische. Zwei, drei Seeigel wohnen in den Ecken, der Rest ist mit weichem Algenteppich bedeckt, und man kann ohne Probleme stundenlang sitzen und dabei zusehen, wie sich das Wasser \u00fcber die Felsen, \u00fcber den Beton rollt, wie es sich selbst auff\u00fcllt, als brauche es nichts und niemanden sonst. Auch so ein Ort, wo man ganz genau sieht, was man eigentlich nicht sehen kann und nie sehen wird, und wo man okay ist damit. Die eigene Unzul\u00e4nglichkeit zu den anderen werfen und einfach warten, was passiert. <\/p>\n<p>An Sonntagabenden gehen K., C. und die Kinder hoch an die letzte Kurve der Stra\u00dfe, die nirgendwohin f\u00fchrt. Sie schreien dann ins Tal, alle zusammen, die Kinder am lautesten. Irgendwohin gehen und die Welt in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden anbr\u00fcllen, sodass es niemand abbekommt und dann nichts mehr mit hinunter nach Hause nehmen. Ich habe selten ein sch\u00f6neres Ritual gesehen. In der Nacht randaliert die Maus im Abwasch und findet nicht hinaus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag verstecken sich die Menschen in Agulo, falls es \u00fcberhaupt mehr Menschen gibt als jene, die uns vereinzelt \u00fcber den Weg laufen; eher huschen als laufen. 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