{"id":5883,"date":"2017-04-14T20:49:12","date_gmt":"2017-04-14T18:49:12","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5883"},"modified":"2017-04-15T15:52:42","modified_gmt":"2017-04-15T13:52:42","slug":"golgata","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/golgata\/","title":{"rendered":"Golgata"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-14-um-20.47.46.png\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"448\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5884\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-14-um-20.47.46.png 599w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-14-um-20.47.46-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/p>\n<p>Ob sie auch mal etwas sagen d\u00fcrfe, fragt sie, als wir da um den Tisch in dem kahlen Raum sitzen. Nur das Kreuz an der Wand und zwei, drei Bilder, ihnen gen\u00fcgt das, manchmal treffen sich hier die Anonymen Alkoholiker. Sie hat eine lederne Tasche \u00fcber der Schulter, die nimmt sie die ganze Zeit nicht ab, als klebe sie an ihr, auch die Jacke zieht sie nicht aus, darunter tr\u00e4gt sei ein Blumenshirt aus Samt, das ihr die ganze Zeit \u00fcber den Bauch rutscht, sie scheint das nicht zu bemerken, vielleicht aber doch, ich bin mir nicht sicher. Den Kaffee, der ihr angeboten wurde, den hat sie dankbar angenommen, eigentlich sei sie nur gekommen, um sich die Kirche anzuschauen, sie sei hier schon ein paar Mal vorbeigelaufen, im Wedding wohne sie, manchmal spaziere sie hier r\u00fcber nach Mitte. Wenn sie spricht, sieht man die Neuropathie und die Schmerzen, die sie macht, es ist, als sei eine Seite ihres Gesichtes einfach etwas schw\u00e4cher als die andere. Es sei wirklich leicht rauszufallen, sagt sie leise und schaut dabei auf ihre H\u00e4nde, die Finger ineinander verschr\u00e4nkt, die dunklen Haare fallen ihr ins Gesicht, eine Dauerwelle, die schon eine Weile her ist. Wenn sie die Kaffeetasse nimmt, zittert sie ganz leicht, versch\u00fcttet nichts, aber braucht einen Moment, um im richtigen Winkel anzusetzen. Wenn sie spricht, h\u00f6rt man den Alkohol, aber auch, dass es besser ist, wenn sie sich konzentriert und nicht unterbrochen wird, vor allem von sich selbst nicht. Immer wieder rutscht sie aus ihren S\u00e4tzen, schaut auf einen Gegenstand im Raum und k\u00e4mpft sich irgendwann zur\u00fcck, manchmal an eine andere Stelle in der Geschichte, an der wir anderen noch nicht angelangt sind. Sie habe in der Pflege gearbeitet, dann kam der erste Unfall, danach erst einmal arbeitsunf\u00e4hig. &#8222;Jetzt kommen die Roboter&#8220;, sagt sie, &#8222;die werden unsere Arbeit machen und dann braucht man uns noch weniger.&#8220; Die ehemalige Krankenschwester der Runde lacht, das sei doch unm\u00f6glich, Roboter, so ein Unsinn, jeder Hintern sei schlie\u00dflich anders, das k\u00f6nnten Roboter gar nicht machen. Doch sie ist nicht abzubringen, und wer kurz hinh\u00f6rt und den Satz auf dem Tisch liegen l\u00e4sst, der versteht, dass die Roboter in ihrem Kopf nur Angstvertreter sind, dass sie sich an ihnen abarbeitet, weil die Roboter nicht widersprechen. Das sei im Fernsehen gelaufen, das k\u00f6nnten wir ruhig glauben, sagt sie und schaut einem dann doch mal in die Augen, &#8222;ich glaube dir&#8220;, sage ich und meine vor allem das, was sie sich nicht traut zu sagen. &#8222;Die Computer verstehe ich nicht, dann ist man auch raus, heute l\u00e4uft ja alles dar\u00fcber, auch Antr\u00e4ge, wissen Sie, und wenn man dann nicht den richtigen Knopf findet oder was falsches dr\u00fcckt, das hat dann Auswirkungen darauf, was man am Ende rausbekommt&#8220;, sagt sie, es ist ihr unangenehm. Dass sie nicht mithalten kann mit dem Tempo, dass alles weitergeht, man h\u00f6rt ihre Scham und ihre Wut, auf wen genau, h\u00f6rt man nicht, aber es helfe nichts, sagt sie, wenn man denen, die vom Alkohol nicht loskommen, noch Restriktionen auferlege, und dann sagt sie noch: &#8222;Eine Hand bringt viel mehr, die einen einfach nicht losl\u00e4sst, wissen Sie? Das ist was anderes als Briefe vom Amt.&#8220; Dann verheddert sie sich wieder, erz\u00e4hlt von den zwei Ladenbesitzern, die sich h\u00e4tten umbringen wollen, weil ihnen die Miete um 2500 Euro angehoben worden sie, sie h\u00e4tte unten gestanden und nichts aufmunterndes sagen k\u00f6nnen, weil sie sie ja verstehen k\u00f6nne. Sie verabschiedet sich \u00fcber zehnmal, und setzt immer wieder neu an, es klingt, als habe sie all diese Sachen so oft von links nach rechts getragen, dass sie nicht mehr wei\u00df, was eigentlich wohin geh\u00f6rt. &#8222;Wir sind nicht alle gleich&#8220;, sagt sie, bevor sie dann doch aus der T\u00fcr geht.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5Hk1nVvUeOw\">I can&#8217;t remember, were you into Canada geese? Is it significant, these hundreds on the beach? Or were they just hungry for mid-migration seaweed?<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob sie auch mal etwas sagen d\u00fcrfe, fragt sie, als wir da um den Tisch in dem kahlen Raum sitzen. Nur das Kreuz an der Wand und zwei, drei Bilder, ihnen gen\u00fcgt das, manchmal treffen sich hier die Anonymen Alkoholiker. 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