{"id":5781,"date":"2017-01-03T11:12:46","date_gmt":"2017-01-03T10:12:46","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5781"},"modified":"2017-01-03T11:18:31","modified_gmt":"2017-01-03T10:18:31","slug":"lynx","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/lynx\/","title":{"rendered":"Lynx"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3866393234653264.jpg\" alt=\"Weiss\" \/><\/p>\n<p>Am ersten Tag des neuen Jahres sitzen wir im Gasthaus des kleinen Ortes direkt neben der Fleischerei. Oben auf dem Vordach der Fleischerei steht ein Plastikschwein, darunter ein Weihnachtsmann, zwei drei Tafeln davor, die Angebote werden nicht weniger. Wir sind die ersten G\u00e4ste im Gasthof, an den auch ein kleines Hotel angeschlossen ist. Die Bedienung sieht m\u00fcde aus, aber ihre N\u00e4gel glitzern noch golden. Alle Tische sind gedeckt, die Tischk\u00e4rtchen sagen, es gibt Sauerbraten. Es l\u00e4uft der lokale Radiosender, drau\u00dfen steht die Sonne tief \u00fcber der Elbe, dar\u00fcber ein Raureifschimmer. Im Ort auf dem kleinen Platz steht einer von diesen kleinen K\u00e4sten, in denen normalerweise sakrale Gegenst\u00e4nde vor dem Wetter gesch\u00fctzt und ausgestellt werden. Hier wartet stattdessen eine kleine, ein\u00e4ugige Plastikkatze hinter Glas. Wir essen hausgemachten Apfelstrudel, der Cappuccino kommt nicht mehr aus der T\u00fcte und der zweite Gastraum f\u00fcllt sich langsam. Am Tisch in der Mitte sitzt nun ein \u00e4lteres Paar, beide tragen rote Pullover in der Farbe der Tischdecke und Servietten, sie mit F\u00f6nfrisur und einem Blick, als w\u00fcrde sie am liebsten alles und jeden hier kurz und klein schlagen, er vergn\u00fcgt mit einem Hauch von Hans Guck-in-die-Luft, manchmal pfeift er zur Musik, sie sprechen nicht miteinander. Ihre Besch\u00e4ftigung besteht aus dem best\u00e4ndigen Herumschauen und dem W\u00fchlen in einem der zwei Rucks\u00e4cke. Das andere Paar, das nun in unserem Raum in der Ecke mit zwei Hunden Platz genommen hat, spricht immer erst mit der Bedienung, wenn sie direkt am Tisch steht, obwohl sie sich nur einen Meter weiter an der Kasse aufh\u00e4lt. &#8222;K\u00f6nnten Sie mal kommen?&#8220;, fragen Sie jedes Mal, erst dann fragen sie nach der Karte, geben ihre Bestellung auf oder verlangen die Rechnung.<\/p>\n<p>Ich steige gerade die Treppen hinauf, der Schnee ist frisch gefallen, da sehe ich ihn neben mir sitzen. Auf seinem H\u00e4uschen im Gehege. Einem Gehege, zu dem man nur mit einem alten Fahrstuhl kommt. Auch am zweiten Tag des Jahres steht in diesem Fahrstuhl ein \u00e4lterer Herr im Wollpullover mit einer Brille und kassiert. Die Fahrkarte f\u00fcr den Fahrstuhl kauft man in der Fahrerkabine, er sammelt die M\u00fcnzen mit zittrigen H\u00e4nden aus der M\u00fcnzhaltevorrichtung, im Aufzug ist es warm. Der Motor wurde Anfang der 2000er Jahre errichtet. Als wir oben sind, k\u00f6nnen wir nur den Anfang der Elbe erkennen, der Rest verschwimmt im Schnee. Jedenfalls steige ich diese Treppen hinauf, der Schnee knirscht und dann kotzt sich der erste Luchs meines Lebens die Seele aus dem Leib. <\/p>\n<p>In der kleinen B\u00e4ckerei, die uns auch immer die Br\u00f6tchen in den Briefkasten geworfen hat morgens, sitzt ein Paar mit Kind, beide schon etwas \u00e4lter, das Kind vielleicht sieben Jahre alt. Die Mutter trinkt ihre dritte hei\u00dfe Schokolade mit Eierlik\u00f6r, w\u00e4hrenddessen schaut sie mit dem Kind einen Flyer mit Kunstfiguren an. Gemeinsam z\u00e4hlen sie die H\u00e4nde der aus Stein gemei\u00dfelten Frauen. Sobald sie alle H\u00e4nde gefunden haben, beginnen sie von vorn. Der Vater bestellt sich nach einem St\u00fcck Kuchen noch mit K\u00e4se \u00fcberbackene Kroketten, dann fragt die Mutter das M\u00e4dchen, ob sie nicht heute mal beim Vater schlafen wolle, sie w\u00fcrde dann ins Kinderbett ziehen. &#8222;Nein, das geht nicht&#8220;, sagt er, &#8222;ich brauche dich zum Einschlafen.&#8220; Die Diskussion ist beendet, eine Lampe des Schwippbogens ist kaputt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Autobahn fahren wir an einem Schild vorbei. Wildvogelschutzgebiet. Jemand hat es in Pink gro\u00df mit dem Wort \u201cL\u00fcge\u201c\u009d \u00fcberspr\u00fcht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am ersten Tag des neuen Jahres sitzen wir im Gasthaus des kleinen Ortes direkt neben der Fleischerei. Oben auf dem Vordach der Fleischerei steht ein Plastikschwein, darunter ein Weihnachtsmann, zwei drei Tafeln davor, die Angebote werden nicht weniger. Wir sind die ersten G\u00e4ste im Gasthof, an den auch ein kleines Hotel angeschlossen ist. 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