{"id":5694,"date":"2016-11-03T17:10:44","date_gmt":"2016-11-03T16:10:44","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5694"},"modified":"2016-11-06T18:35:42","modified_gmt":"2016-11-06T17:35:42","slug":"die-funfundvierzigste-woche-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/die-funfundvierzigste-woche-jahr\/","title":{"rendered":"Die f\u00fcnfundvierzigste Woche Jahr"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3364393133323262.jpg\" alt=\"Neuk\u00f6lln\" \/><\/p>\n<p>In der gro\u00dfen Brauerei, die jetzt ein Museum wird, kann man einen Film sehen, der 1000 Jahre lang sein soll. Eventuell sein wird. Ein digitaler Nachbau des Olympiastadions wird nach den aktuellen Berliner Wetterdaten von einem Algorithmus zerfressen. Nach und nach. Ein digitaler Bau wird von echtem Wetter digital abgetragen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck und man kann ihm dabei zusehen, soweit die eigene Wahrnehmung eben reicht. Das wird nie genug sein, aber genau so ist es erdacht. Auf dem Balkon drau\u00dfen, nachdem wir Pflastersteine aus Gips und gemalte Flachbildschirme angeschaut haben, f\u00e4llt mein Blick wieder auf den Fernsehturm und die Stadt leuchtet orange und ich werde dieses Blickes niemals m\u00fcde sein. Weiter unten tragen vier junge Frauen lachend einen riesigen Buchstaben aus einer Lagerhalle heraus und lassen ihn beinahe fallen, es ist ein C. Auf den Platz davor werden wohl in naher Zukunft B\u00e4ume gepflanzt.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\nDer Montag ist der erste Tag, an dem es stockfinster ist, als ich aus dem B\u00fcro komme. Wenn man im Bus steht, sieht man nicht mehr, wo man hinf\u00e4hrt, man muss sich jetzt erst wieder an diese Karten aus Lichtern gew\u00f6hnen, die Orientierung neu einstellen, damit man wei\u00df, die Kurve kommt nach dem gro\u00dfen roten Fleck und wenn es dreimal gelb geflackert hat, muss man aussteigen. Man k\u00f6nnte ja auch laufen, man wird auch wieder laufen, aber jeder Weg hat seine Zeit und jeder Tag seinen Weg. <\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\nDieser eine Tag vor sechs Monaten, kurz nachdem ich einfach damit begonnen hatte, vor allem wieder im Jetzt zu leben, nicht mehr im Irgendwann oder im Fr\u00fcher, das ist mir zu h\u00e4ufig passiert in der Vergangenheit. Einige Wochen zuvor hatte ich L\u00f6sungsmittel gekauft und gro\u00dffl\u00e4chig aufgetragen auf bestimmte S\u00e4tze und Situationen und alle m\u00f6glichen Gewichte an diversen Stellen. Wie so eine Comicfigur bin ich rumgelaufen in einem raschelnden Maleranzug und habe mit einem Eimer in der Hand alles angepinselt und mich kurz danach in die Mitte des Raumes gesetzt, zweifelnd und vor allem ersch\u00f6pft und am n\u00e4chsten Morgen aber war alles gut, so gut wie lange nicht und dann war alles wieder leichter. Manchmal muss man Dinge tun und sich danach einfach ausruhen und dann ist&#8217;s okay. Das Prinzip war eine ganze Weile kaputt, aber zu diesem Zeitpunkt ist es zur\u00fcckgerutscht in seine Form, in seine Bewegung. Manchmal braucht es Zeit, und ich lernte diese eine Form von Geduld auch erst in den letzten Jahren. Jedenfalls bin ich an dieser Stra\u00dfenecke dann gestolpert und erst habe ich mich ziemlich erschreckt und jetzt ist es vermutlich das Beste, was mir seit langem passiert ist. <\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\nDer Mittwoch war mit dem Sonntag das einzige Sonnenlicht seit langem und ich bin dann morgens gelaufen ins B\u00fcro, die Luft war so kalt, ich hatte beinahe vergessen, wie sich das anf\u00fchlt, im Laufe der letzten Monate, den diesj\u00e4hrigen Sommer habe ich als so sch\u00f6n lang in Erinnerung, dass der ganze kalte Rest erst jetzt vom Gehirn wieder hervorgeholt wurde, das ist in Ordnung, die Wangen waren rot danach, jetzt quetscht man wieder Handcremetuben und unterh\u00e4lt sich \u00fcber verschiedenfarbige Fussel. <\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\nIch mache mir seit langem mal wieder Gedanken \u00fcber Kinderb\u00fccher. Sollte man mehr tun. Sich \u00fcberlegen, was man gut fand, und ob das immer noch Sinn macht oder nicht und was man eigentlich vorlesen und vertreten kann. Ich h\u00f6re immer noch das Klackern der alten Gasheizung, wenn ich an Astrid Lindgren denke, und ich hatte dieses eine Buch, &#8222;Ferien auf Saltkrokan&#8220;, auf dem das Foto von dem M\u00e4dchen mit den Z\u00f6pfen und diesem dicken Hund aufgezogen war. Als ich es bekam, roch es druckfrisch nach Plastik und Farbe und ich dachte damals, so w\u00fcrde es auf Saltkrokan riechen, also ganz anders als zuhause, und sp\u00e4ter ritzte ich mich mal mit dem Fingernagel aus Versehen einen Kratzer in den Himmel, eine Delle, ich \u00e4rgerte mich lange dar\u00fcber, der Duft aber verging schnell. Ich hatte Angst vor den grauen M\u00e4nnern bei Momo. Ich liebte die Steinbei\u00dfer von Michael Ende. Und ich liebte Franz von Christine N\u00f6stlinger, der wegen seiner blonden Locken immer f\u00fcr ein M\u00e4dchen gehalten wurde, ich mit meinen kurzen Haaren h\u00e4ufig f\u00fcr einen Jungen. Was ich nicht mehr kann, ist die B\u00fccher einzelnen Jahren zuzuordnen, sie verbinden sich alle zu einem Gef\u00fchl, ich wei\u00df noch, wie ich immer in die Bibliothek rannte, um Kassetten und B\u00fccher zu holen, schnell auch selbst\u00e4ndig und allein und wie ich zuhause alle Sch\u00e4tze aus dem Rucksack holte und vor mir aufbaute, als wollte ich jederzeit sehen, was nun eine Woche halten musste. Das, und Cornflakesmilch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der gro\u00dfen Brauerei, die jetzt ein Museum wird, kann man einen Film sehen, der 1000 Jahre lang sein soll. Eventuell sein wird. Ein digitaler Nachbau des Olympiastadions wird nach den aktuellen Berliner Wetterdaten von einem Algorithmus zerfressen. Nach und nach. 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