{"id":5642,"date":"2016-05-24T22:17:45","date_gmt":"2016-05-24T21:17:45","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5642"},"modified":"2016-05-24T22:19:35","modified_gmt":"2016-05-24T21:19:35","slug":"die-zwanzigste-woche-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/die-zwanzigste-woche-jahr\/","title":{"rendered":"Die zwanzigste Woche Jahr"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6333343030323466.jpg\" alt=\"Neuk\u00f6lln\" \/><\/p>\n<p>Ich vergesse es wieder und wieder. Aber pl\u00f6tzlich versucht ein Mechaniker direkt um die Ecke, die Schwenkbraterei in Gang zu bringen, w\u00e4hrend sich zwei andere Monteure \u00fcber einem Generator in die nicht vorhandenen Haare kriegen. Die Autofahrer, die aus irgendwelchen Gr\u00fcnden, durch genau diese Gegend fahren m\u00fcssen, hupen sich in regenbogenfarbene Rage, den Stau interessiert das allerdings herzlich wenig. Es scheint eher, als gefiele er sich in der Rolle des aufgebrachten Orchesters, und verweilt noch etwas. Das Karussell hei\u00dft &#8222;Kindertaumler&#8220;, ich w\u00fcnsche mir leise, dass der Mechaniker nicht nur bei der Schwenkbraterei, sondern auch hier mal einen Gang hochschaltet. Vor der Bibliothek stehen bunte Zelte, dazwischen sitzt ein sehr traurig aussehender Mann, und es besteht eine reelle Chance, dass wir uns beide gerade dasselbe fragen. Zwei Tage sp\u00e4ter h\u00fcpft die frierende, aber tanzende Meute mit roten Sparkassen-Ballons \u00fcber die Gneisenaustra\u00dfe. &#8222;Gut&#8220; steht in wei\u00dfer Schrift darauf. Das gen\u00fcgt den meisten schon. Sie trinken gegen die K\u00e4lte und die seltsame Stimmung, manchmal dr\u00e4ngelt sich ein Krankenwagen mit Sirene hindurch. &#8222;Willst du was?&#8220; grinst uns ein junges M\u00e4dchen an und quietscht ein bisschen zu laut. &#8222;Was denn?&#8220;, fragen wir. &#8222;Kein MDMA. Nur Aphrodisiakum!&#8220; Wir lehnen dankend ab, aber fragen, ob&#8217;s schon wirkt. &#8222;Ich bin ein rolliger Rollmops&#8220;, br\u00fcllt sie und h\u00fcpft dem Metal-Karaoke-Wagen hinterher. Aus der Wohnung \u00fcber der Apotheke wummert der Beat, die Tanzenden werfen Konfetti nach unten, die, die nicht mehr hinein passen, warten unten und frieren und gucken oder knutschen oder m\u00fcssen irgendwohin oder rufen Standorte in Mobiltelefone. Im Sp\u00e4ti tragen die Verk\u00e4ufer Headsets, um sich \u00fcber die Bassbox hinweg verst\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen, die Becher mit den Redbull-Dosen sind schon vorbereitet, die Preise wurden mit Edding draufgeschrieben. Man will nicht zuviel reden m\u00fcssen. Im Bulli schl\u00e4ft ein Polizist. Am n\u00e4chsten Morgen sehen die B\u00fcrgersteige aus, als w\u00e4re dreimal Silvester gewesen. Der junge Mann im Bananenoutfit schafft es nicht, von der einen Seite des Kletterger\u00fcsts auf die andere zu springen, aber das macht nichts.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Ich kannte das kleine St\u00fcck Wiese nicht im hinteren Neuk\u00f6lln. Und auch den Hof mit der alten Zapfs\u00e4ule nicht. Steht man drin, ist die Stadt ganz weit weg. Die Wege sind ein bisschen zu gerade und zu sauber, um den guten Willen zu vergessen, aber vielleicht muss man das gar nicht, hier w\u00e4chst ganz sch\u00f6n viel Zeug auf ziemlich wenig Platz. Und die, deren Balkon hier r\u00fcber zeigt, benutzen ihn auch. Nur \u00fcber den Zaun klettern ist verboten, das d\u00fcrfen nur Kinder, die bekommen auch eine Trittleiter, wir sind jetzt erwachsen, wir m\u00fcssen au\u00dfen herumgehen, das ist schon in Ordnung. Man putzt hier ja schlie\u00dflich noch eigenh\u00e4ndig das Graffiti von den W\u00e4nden.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;<em>In a strange turn of events, texting has evolved to become almost as awkward as the phone calls it made obsolete&#8220;<\/em>, schreibt<a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2016\/05\/22\/magazine\/how-i-learned-to-love-snapchat.html?_r=0\">Jenna Wortham dar\u00fcber, wie Text das Telefonat abl\u00f6ste und nun durch Apps wie Snapchat wieder nicht-schriftlicher Ausdruck von Emotion in digitale Konversation Einzug h\u00e4lt<\/a>. Dieser Text ist auch so sch\u00f6n, weil er einordnet, anstatt sich augenrollend abzuwenden. Ich muss immer lachen, wenn Erwachsene ihre \u00dcberheblichkeit gegen\u00fcber jugendlichen Lebensstils an Apps wie Snapchat abarbeiten. Als m\u00fcsse irgendetwas in dieser Lebensphase Sinn machen. Als h\u00e4tten sie damals nicht von Albernheit, Momentum und zu s\u00fc\u00dfen Limonaden gelebt. Als w\u00fcrde man in diesen Jahren irgendetwas anderes atmen als die Luft zwischen &#8222;Alles ist m\u00f6glich&#8220; und &#8222;Ich bin nur ein Atom&#8220;. Als h\u00e4tte niemand fr\u00fcher die eigene Wirkung in Mikrozirkeln ausprobiert, Selbstdarstellung ge\u00fcbt, Lautst\u00e4rken moduliert. Sch\u00f6n auch auf der Schiene daneben der <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/nils-markwardt\/entspannt-euch\">Text von Nils Markwardt<\/a>: &#8222;<em>Bisweilen wirkt es so, als ob die Kulturkritik sich derart in Reflexen eingerichtet hat, dass sie sich f\u00fcr jene gesellschaftlichen Mikrokosmen, die sie zu beschreiben versucht, eigentlich nicht mehr wirklich interessiert. W\u00fcrde sie das tun, m\u00fcsste sie n\u00e4mlich eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen anerkennen, also akzeptieren, dass ihre Gegenst\u00e4nde ambivalent sein k\u00f6nnen, dass nicht hinter jeder Abseitigkeit gleich ein \u201efalsches Bewusstsein\u201c lauert&#8220;<\/em>.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Wir sitzen in Neuk\u00f6lln auf einer dieser selbstgebauten Baumbeetumrandungen aus Holz, wir lachen laut und dr\u00fccken uns die Nase an Peppis Schaufenster platt. M\u00e4use in einem K\u00e4segesch\u00e4ft ist auch beinahe zu comic-esk, um wahr zu sein. Aber wir sehen sie flitzen und sitzen gerade wieder, als es neben uns knallt. Erst vermuten wir, jemand habe die kleine Cointreau-Flasche geworfen, die neben uns im Rinnstein liegt, doch die h\u00e4tte den Sturz nicht \u00fcberlebt. Als wir aufstehen, um zu gehen, sehen wir das zerklatschte Ei auf dem Autodach.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Geoff Farina spielt in dem Zimmer in einem Haus irgendwo im Wedding. Die blaue Stunde zieht vorbei und w\u00e4hrend Mock als Vorband spielen, betrachte ich noch das Publikum. Jeden zweiten davon k\u00f6nnte man vor zehn Jahren schon einmal gesehen haben, wir sind alle mitgewachsen. Die T-Shirts leicht verblichen, wir tragen auch alle immer noch dieselben Schuhe. Als w\u00fcrden wir in den Sommern immer noch in Scheunen fahren auf dem Land, um in Ruhe im Feld zu sitzen oder Musik zu machen, als k\u00f6nnte das jederzeit wieder passieren, dass wir uns Hals \u00fcber Kopf in das Wasser werfen, von dem uns die Temperatur egal ist, einfach um nachher zittern zu k\u00f6nnen, weil wir doch in dem Alter waren, in dem wir alles zumindest einmal gef\u00fchlt haben wollten. Geoff singt jetzt Melodien, die nicht mehr z\u00f6gern, sondern sich eingerichtet haben, unter uns gibt es Fans. Manch andere sind nur da, weil sie ihn noch mal sehen wollten, der alten Zeiten wegen.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich vergesse es wieder und wieder. Aber pl\u00f6tzlich versucht ein Mechaniker direkt um die Ecke, die Schwenkbraterei in Gang zu bringen, w\u00e4hrend sich zwei andere Monteure \u00fcber einem Generator in die nicht vorhandenen Haare kriegen. 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