{"id":5623,"date":"2016-04-23T08:26:06","date_gmt":"2016-04-23T07:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5623"},"modified":"2016-04-23T09:54:30","modified_gmt":"2016-04-23T08:54:30","slug":"die-sechzehnte-woche-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/die-sechzehnte-woche-jahr\/","title":{"rendered":"Die sechzehnte Woche Jahr"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3639393533626364.jpg\" alt=\"Fassade\" \/><\/p>\n<p>An der Wand des Restaurants h\u00e4ngen Rennr\u00e4der und damit verbindet man ja immer schnell so eine sich festsetzende Jugendlichkeit, die nicht merkt, wenn ihr Tr\u00e4ger \u00e4lter wird, wie Mascara, die \u00fcber den Tag ein wenig verrutscht und irgendwann nicht mehr \u00fcber, sondern unter dem Auge liegt. Jedenfalls hingen da diese R\u00e4der und ich musste grinsen und dann stand J. vor mir und f\u00fcr einen kurzen Moment passte er zu den R\u00e4dern, wir kannten uns von fr\u00fcher aus den Zeiten, in denen wir jeden Tag in der Woche ausgingen oder zumindest jeden zweiten und der Schlafmangel keinen Einfluss hatte auf die Restverfassung, das leichte Schwanken wurde eingebaut in den Tag, die anderen dachten, wir t\u00e4nzeln. Jetzt ist er Vater, jetzt tr\u00e4gt er eine Sch\u00fcrze und kocht und ich trinke Ros\u00e9 und merke, jetzt ist der Punkt, an dem wir beginnen zu sagen &#8222;Wei\u00dft du noch, vor zehn Jahren&#8220; und damit nicht meinen, dass wir noch Kinder waren.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Es hat den ganzen Tag geregnet, am Morgen kurz nicht, Kreuzberg wieder leer, nur Jogger und Menschen mit Kindern streunern \u00fcber die B\u00fcrgersteige, immer wieder leichter Niesel, der Wind r\u00fcttelt am Kanalwasser. Ich sitze mit A. an der Kreuzung, er dr\u00fcckt sich einen Sesamring quer in den kleinen Mund, ich habe Kopfschmerzen, aber das sage ich ihm nicht, er erz\u00e4hlt, auf der Stra\u00dfe habe es fr\u00fcher eine Grenze gegeben, und ich frage mich, wie man mit dreieinhalb eine Vergangenheit definiert, ich kann mich n\u00e4mlich nicht mehr erinnern, jedenfalls habe es hier eine Grenze gegeben und die habe man dann eingekauft und nun sei keine Grenze mehr da und man k\u00f6nne die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, das ist der Teil, den ich verstanden habe. Wir z\u00e4hlen Motorr\u00e4der, schauen zu, wie der Markt aufgebaut wird, dann kommt N. und wir spazieren zum Spielplatz. Keine Kinder, aber nasser Sand, dann Regen. Zu Hause rolle ich mich auf dem Sofa zusammen, weil man daran die ganze Woche denkt und es nicht tun kann, und dann am Wochenende muss Zeit daf\u00fcr sein und dann nach einem kurzen Schlaf kommt doch die Sonne noch raus einfach so und ich \u00f6ffne alle Fenster und setze mich auf das Fensterbrett und warte, bis die n\u00e4chste gro\u00dfe Wolke kommt. Dann wieder Regen.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Die Intensivstation erkennt man auch durchs Telefon. Ich bin erleichtert \u00fcber diese nette Schwester, die mir jede Frage geduldig beantwortet, im Hintergrund piepst es, sie schaut extra noch einmal nach ihm und nimmt den H\u00f6rer mit. Allein durch zwei Minuten erkl\u00e4ren beruhigt sie den Tag.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>An unserem Tisch sitzen noch zwei junge Frauen, die ununterbrochen l\u00e4stern, sie benutzen Vokabeln, bei denen A. und ich uns erschrocken in Augen sehen. So laut sprechen, dass wir sie nicht mehr h\u00f6ren, k\u00f6nnen wir nicht, aber noch einen Ros\u00e9 bestellen und dann die R\u00e4der durch die Nacht schieben. Manchmal m\u00f6chte man dort wohnen, wo dieses Schieben an einem gro\u00dfen Wasser endet. Die Schlachtfelder besprechen und sich dann hinlegen. Wir fahren an den See.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Mit der S-Bahn kurz vor dem Bahnhof Sch\u00f6nholz. Die riesigen Wolken und die Aprilsonne und dann fliegt ein Flugzeug hindurch auf Tegel zu. In Frohnau stehen zwei M\u00e4nner, die sich nicht kennen, im gleichen Moment von ihren Sitzen auf. Beide ziehen sich eine wetterfeste Jacke an und klappen ihr High-Tech-Klappfahrrad auseinander. Sie sind sehr besch\u00e4ftigt und sehen nicht, welcher Doppelg\u00e4nger da neben ihnen steht.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Das Krankenhaus ist immer noch genau so trostlos wie fr\u00fcher. Sagt man nicht sofort am Empfang seinen Namen und zu wem man m\u00f6chte, wird man angemault, das war damals schon so, aber sie haben neue St\u00fchle, neue Tische in der Cafeteria, jemand k\u00fcmmert sich um den Garten jetzt, also so, dass man es auch bemerkt. Man h\u00f6rt und sieht nicht viel von Menschen in den beigen G\u00e4ngen, den Geruch hatte ich schon wieder vergessen und auch das Ger\u00e4usch von den Desinfektionsmittelspendern. Wir h\u00f6ren ihn von drau\u00dfen schon schimpfen. Als wir reingehen, begr\u00fc\u00dfe ich ihn, dann \u00f6ffne ich das Fenster, jetzt h\u00f6rt man die V\u00f6gel. Er h\u00f6rt sie auch.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Es wird ein H\u00f6rbuch geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der Wand des Restaurants h\u00e4ngen Rennr\u00e4der und damit verbindet man ja immer schnell so eine sich festsetzende Jugendlichkeit, die nicht merkt, wenn ihr Tr\u00e4ger \u00e4lter wird, wie Mascara, die \u00fcber den Tag ein wenig verrutscht und irgendwann nicht mehr \u00fcber, sondern unter dem Auge liegt. 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