{"id":5560,"date":"2016-03-10T22:23:17","date_gmt":"2016-03-10T21:23:17","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5560"},"modified":"2016-03-10T22:32:43","modified_gmt":"2016-03-10T21:32:43","slug":"die-zehnte-woche-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/die-zehnte-woche-jahr\/","title":{"rendered":"Die zehnte Woche Jahr"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6336653663386239.jpg\" alt=\"Blue\" \/><\/p>\n<p>Jeden Tag stehen Gefl\u00fcchtete vor dem Hotel, in kleinen Gruppen, mit scheuen Augen. Nur selten steht jemand allein davor. Manchmal sitzt jemand unter dem kleinen Dach auf der Treppe und telefoniert leise, oder tippt etwas ins Mobiltelefon. Das ist aber selten. Die meisten haben die H\u00e4nde in den Taschen irgendeiner Jacke, die Arme an den K\u00f6rper gepresst, sich sch\u00fcchtern umschauend. Nur die kleinsten Kinder laufen manchmal r\u00fcckw\u00e4rts, breit lachend, bis gegen andere Beine oder einen Poller. Man kann den anderen Passanten ansehen, dass sie nicht wissen, wie sie schauen sollen. Dass ihnen etwas widerf\u00e4hrt, wenn sie die kleinen Gruppen Menschen von Weitem sehen, die Gedanken sieht man ihnen nicht an, aber dass sich etwas in ihrem K\u00f6rper ver\u00e4ndert, weil sie \u00fcberall von Menschen lesen, die jetzt kommen, aber selten welche sehen. Da sind sie.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Manchmal geht das Handy aus, w\u00e4hrend ein Podcast oder ein Song l\u00e4uft. Dann stoppt es einfach f\u00fcr f\u00fcnfzehn bis drei\u00dfig Sekunden. Als wolle es einem Platz zum Denken lassen. Manchmal bin ich entt\u00e4uscht, wenn es wieder angeht.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Ich komme sp\u00e4ter nach Hause, das dunkle Blau ist gerade erst zu einem dunklen Grau geworden, in dem noch ein Rest h\u00e4ngt, alle L\u00e4den bis auf den Sp\u00e4ti haben geschlossen, das Alibi-Casino auch. Am Anfang der Stra\u00dfe liegt ein Briefumschlag zwei schwarzen Punkten auf der R\u00fcckseite. Erst beachte ich ihn nicht wirklich, doch ein paar Meter weiter liegt noch einer, und weiter vorn unter der ersten Laterne der Stra\u00dfe liegen sechs. Alle aufgerissen, alle leer, die Punkte wurden mit Filzstift auf die R\u00fcckseite gemalt, alle liegen verteilt, ich erkenne weitere hellgraue Rechtecke am Boden die Stra\u00dfe hinunter. Irgendjemand wollte etwas sagen.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Es ist gegen acht, als ich an der Stra\u00dfenecke warte, von der aus man direkt in die orange gestrichene K\u00fcche schauen kann. Die K\u00fcchenzeile ist aus hellbraunem Holzimitat, an der Wand h\u00e4ngt eine wei\u00dfe Uhr, die stehen geblieben sein muss, auf dem Fensterbrett steht eine dieser gummiartigen dunkelgr\u00fcnen Zimmerpflanzen mit den lacken Bl\u00e4ttern, auf die ich als Kind immer die Murmeln gesetzt und runterrollen lassen habe. In der K\u00fcche steht eine \u00e4ltere Frau in einem beigen Pullover, blonde, kinnlange Locken. Sie r\u00e4umt herum, vielleicht schneidet sie etwas oder w\u00e4scht ab, jedenfalls schaut sie angestrengt auf das, was da vor ihr geschieht und was ich nicht erkennen kann, ihre Schultern bewegen sich, manchmal schaut sie fl\u00fcchtig durch den Raum, die Gardinen verdecken hin und wieder ihr Gesicht, sie schwitzt im Nacken. Dann greift sie nach einem Handtuch, f\u00e4hrt sich damit \u00fcber den Hals, trocknet sich die H\u00e4nde, zieht sich die Haare von ihrem Kopf. Mit dem Handtuch wischt sie sich \u00fcber die Kopfhaut, die Per\u00fccke legt sie beiseite. Dann macht sie weiter.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Am Sonntag begegne ich einem Dackel im Regenmantel. Man kann die Feuchte riechen, ein sehr kleiner Wald.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Ein Paar macht seine Hochzeitsfotos in der Abendsonne auf dem kleinen St\u00fcck Rasen am Halleschen Tor. Vor der Amerikanischen Gedenkbibliothek steht ein Mann in Jeans vor dem kleinen Baum und macht Yoga, hinter ihm der gro\u00dfe Lesesaal. Alle warten, der Winter geht.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Sie haben das Haus gegen\u00fcber der rot gestrichenen Polizeistelle abgerissen. Ich kannte es, seit fr\u00fchester Kindheit, vor allem den kleinen Spielzeugladen. Er hatte ein kleines Schaufenster und alles war \u00fcber und \u00fcber mit Zeug vollgestopft, sodass es dunkel wurde, sobald man den Laden betrat, der kleine Raum war bis zur Decke hin zugestellt, Kuscheltiere, Puppen, Autos und Schreibwaren. Ich liebte diesen Ort, obwohl ich selten etwas kaufen konnte, man trat durch die T\u00fcr und alles war m\u00f6glich, man atmete den Duft von Plastik und Farbe, Holz und S\u00fc\u00dfigkeiten, Staub und Schwei\u00df, die M\u00f6glichkeit der Auswahl und der Entscheidung, das Ansehen des \u00dcberflusses gen\u00fcgte mir schon, ich saugte ihn ein und hielt die Luft an, solange es ging.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Es gibt diese zwei \u00e4lteren Leute, die jeden Tag in ihrem immer leeren Burgerladen sitzen. Als der Laden neu war, standen sie gemeinsam am Tresen in der hinteren Ecke. Nach und nach r\u00fcckten sie weiter nach vorn. Jetzt stellen sie das Schild nach drau\u00dfen und sitzen direkt hinter der Scheibe daneben. Mit wild gemusterten Tassen vor sich, immer schweigend, die Arme verschr\u00e4nkt, die Haut leicht grau, ich sehe sie nie reden. Sie sitzen so nah an der Scheibe, dass man sich manchmal erschreckt, wenn man vorbeigeht.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Vor dem Fu\u00dfballplatz stehen ein Korbsessel, eine kleine Kommode, zwei gro\u00dfe Zimmerpflanzen und einige Platten in einem Pappkarton herum. Alle sind blau angemalt. Nicht nur ein bisschen blau, sondern deckend mattblau, sodass man nichts mehr von der eigentlichen Farbe der Gegenst\u00e4nde erkennt, an einigen Stellen platzt das Blau bereits ab und liegt in kleinen Schuppen auf dem Pflaster. Dabn di da da.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Tag stehen Gefl\u00fcchtete vor dem Hotel, in kleinen Gruppen, mit scheuen Augen. Nur selten steht jemand allein davor. Manchmal sitzt jemand unter dem kleinen Dach auf der Treppe und telefoniert leise, oder tippt etwas ins Mobiltelefon. Das ist aber selten. 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