{"id":5502,"date":"2016-02-11T22:58:20","date_gmt":"2016-02-11T21:58:20","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5502"},"modified":"2016-02-11T23:19:43","modified_gmt":"2016-02-11T22:19:43","slug":"die-sechste-woche-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/die-sechste-woche-jahr\/","title":{"rendered":"Die sechste Woche Jahr"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3732373462353839.jpg\" alt=\"Monsters Ronson\" \/><\/p>\n<p>Stadtteile wechseln wie ein Transportmittel. Der andere ist pl\u00f6tzlich so weit weg, alles sieht anders aus, funktioniert anders, riecht anders, jeder nimmt einen neuen Bus nach Hause. Menschen, die nachts \u00fcber den Ku&#8217;damm stolpern, alle f\u00fcr sich zwischen den hell erleuchteten Schaufenstern, in denen die Puppen mit den Plastikhaaren stehen in ihrer eingefrorenen Zerzausung.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>In einem Chat gemeinsam \u00fcberlegt, wo eigentlich die Kollegialit\u00e4t im Internet wohnt und wie viel davon wir brauchen, br\u00e4uchten daf\u00fcr, dass es friedlicher wird, nicht diskussionsfreier, aber so, dass man nicht sofort zusammenzuckt, so dass man nicht im Vorfeld schon Beschimpfungen und Hass einkalkulieren muss, sich nicht von anderen st\u00e4rken lassen muss, um alles auszuhalten, nicht weggehen muss, um sich auszutauschen. Ausloten, wer bereit ist (acht) zu geben, wer nicht in der Lage und wer einfach zu faul.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Es gibt sie noch immer, die N\u00e4chte die sind wie in einen Berlinfilm hineingeschrieben, <del datetime=\"2016-02-07T20:29:00+00:00\">nur ohne die cheesy Dialoge<\/del>. Mit den Menschen und den Drinks und den Lichtern und dem lauten Singen, dem Laufen nach Hause, wenn die Stra\u00dfen sich langsam leeren, man das Licht des n\u00e4chsten Tages schon erahnen kann, einem auch im Februar nicht kalt ist und vor allem immer so, dass die Nacht l\u00e4nger ist als eine Nacht. Sie ragt unauff\u00e4llig bis in die n\u00e4chste hinein.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Sowieso: Konstellationen ausloten. Mit dem Kopf im Nacken, mit dem Blick zur\u00fcck, mit Bedachtsamkeit nach vorn. Welches Patchwork funktioniert? Wie r\u00fccken Menschen nebeneinander, um so zu bleiben oder zumindest sich nicht sofort wieder zu verlieren? Wie viele Eltern kann man eigentlich haben? Und wie viele will man? Wer geh\u00f6rt noch dazu? Kann man noch einmal neu anfangen und wann ist es zu sp\u00e4t? Wie adoptieren wir Freunde?<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Durch die Weserstra\u00dfe rannten gerade schwarz vermummte Menschen und br\u00fcllten irgendwas, als D. und mir Karate wieder einfiel. Die \u201eUnsolved\u201c\u00c2\u00a0ist und bleibt diese eine Platte, die immer noch viel mehr Literatur als Musik ist, diese eine Geschichte, derer ich nicht m\u00fcde werde, sie wird als Geschenk immer g\u00fcltig sein. Etwas, das man von Wohnung zu Wohnung mitnimmt, ohne es auszupacken, man kennt diese Kiste, man wei\u00df genau, was darin sich an welcher Stelle befindet, manchmal sch\u00fcttelt man sie sanft, um sich zu vergewissern, aber man muss sie nicht mehr \u00f6ffnen, das Ger\u00e4usch ist immer und immer wieder dasselbe, aber ohne die Kiste w\u00e4re alles anders.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>In Berlin h\u00f6rt man selten Wasser, obwohl welches da ist. Wenn man es doch wahrnimmt, b\u00fcgelt einem das Ger\u00e4usch am Morgen die Stirn.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>\u201eKleine Lichter\u201c hatte ich damals gelesen in diesem Hotel in Taiphe, als die Erde bebte, ich hatte es mitgenommen, weil es so praktisch war, so klein, ohne gro\u00dfe Erwartungen an die Lekt\u00fcre, und dann flogen mir doch so viele S\u00e4tze davon durch den Kopf, als ich mich durch die Stadt schieben lie\u00df, ohne Smartphone, nur mit Stadtplan, denn sie erz\u00e4hlt im Buch ja auch immer von ihren Reisen. Und ich wei\u00df noch, dass mich immer nicht entscheiden konnte, ob ich mich auf den Kitsch zwischen den Seiten, diese blumig beschriebene und so geradeheraus erz\u00e4hlte Liebesgeschichte wirklich einlassen wollte (keine Scheu vor keinem Gef\u00fchl), dieses Buch war mir suspekt, weil die Beschreibungen nicht schwankten. Dieses opulente Bild von einem gro\u00dfen Gef\u00fchl trug ich die ganze Zeit mit mir herum, ber\u00fchrt, ergriffen, weil die besten B\u00fccher ja sind, die dich von innen heraus in verschiedene Richtungen dr\u00e4ngen und kleine Beulen hinterlassen. Direkt danach trat ich in kleinen Sicherheitsabstand zu dieser Geschichte (und halte ihn immer noch), weil sie so eng verbunden ist mit der hohen Luftfeuchtigkeit und diesem gro\u00dfen Gef\u00fchl Anfang 20, das so nicht mehr wiederkam. Manchmal l\u00e4sst man ja Platz zwischen sich und den Dingen vor allem aus Respekt. <em>\u201eKein gro\u00dfer Bahnhof n\u00f6tig.\u201c<\/em><br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Mit dem Gro\u00dfvater Schnitzel essen. Er verzehrt den Kartoffelsalat zuerst, dann das Kraut. Vom gro\u00dfen Schnitzel schneidet er die R\u00e4nder ab, sodass ein akurates Rechteck zur\u00fcckbleibt. Anschlie\u00dfend holt er eine Brotdose aus seiner Tasche und packt das begradigte Schnitzel ein f\u00fcr sp\u00e4ter. \u201eIch bin doch nicht bl\u00f6d.\u201c<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>In diesem Laden auf der Potsdamer Stra\u00dfe stehen ein rotes Pl\u00fcschsofa, ein Klavier und so gro\u00dfe Tische, dass Menschen ohne Probleme miteinander daran sitzen k\u00f6nnen, ohne einander auf die Nerven zu gehen. Die Fensterfronten sind so riesig, dass man sie gar nicht mehr bemerkt. Neben uns direkt am Fenster sitzt ein \u00e4lterer Herr, er kommt sp\u00e4t, vielleicht gegen Mitternacht. Den Rucksack legt er auf dem zweiten Stuhl ab, er setzt sich, bl\u00e4ttert nerv\u00f6s den Kulturteil des Tagesspiegels durch. Man kennt ihn hier, dem Barkeeper wirft er mit Blicken eine Begr\u00fc\u00dfung zu, manchmal spricht er nicht h\u00f6rbar mit sich selbst, schaut nach drau\u00dfen. Er trinkt ein Glas Wei\u00dfwein, das erste sehr schnell aus. Dem zweiten dann gibt er etwas mehr Zeit, w\u00e4hrend er in Druckschrift Notizen in das kleine gr\u00fcne Buch kritzelt, das er mit einem Schnipsgummi verschlie\u00dft. Kurz bevor ich mich zur\u00fccklehne, treffen sich unsere Blicke, ich l\u00e4chle, er wei\u00df nicht genau, er l\u00e4chelt dann doch. Am Ende sagt er mir auf Wiedersehen, als ich mich noch einmal umdrehe, bevor wir den Laden verlassen. Dann trinkt er aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stadtteile wechseln wie ein Transportmittel. Der andere ist pl\u00f6tzlich so weit weg, alles sieht anders aus, funktioniert anders, riecht anders, jeder nimmt einen neuen Bus nach Hause. 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