{"id":5381,"date":"2015-10-11T10:41:13","date_gmt":"2015-10-11T09:41:13","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5381"},"modified":"2015-10-11T10:41:13","modified_gmt":"2015-10-11T09:41:13","slug":"chesters-haus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/chesters-haus\/","title":{"rendered":"Chesters Haus"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3539303033326333.jpg\" alt=\"Isle of Lewis\" \/><\/p>\n<p>Wenn man mit dem Auto vor Chesters Haus parkt, riecht es sofort nach Meer, man braucht nicht einmal die Autot\u00fcr \u00f6ffnen und bemerkt es schon. Direkt nebenan liegt der kleine Flughafen der Insel, die Lichter an der Landebahn leuchten den ganzen Tag und die ganze Nacht, auch noch wenn die Stra\u00dfenlaternen abends um elf ausgeschaltet werden, manchmal sieht man tagelang kein Flugzeug starten oder landen, doch Chester sagt, der Flughafen werde noch benutzt. Er habe sich das Haus hier nur gekauft, um zu Fu\u00df zum Flughafen laufen und die Insel schnell verlassen zu k\u00f6nnen, \u201edie gottverdammte Insel\u201c. Chester lebt allein und sein Haus riecht nach Meer. Doch das liegt nicht am Ozean, den man von der schmalen Stra\u00dfe aus sehen kann, es ist das Seegras in Chesters Vorgarten, das den Geruch verstr\u00f6mt. Die kleine Mauer um zwei zimmergro\u00dfe Fl\u00e4chen ist wei\u00df angestrichen und hat einen dunkelblauen Rand, das kleine Tor ist nicht verschlossen und schwingt lose, wenn man es mit dem Bein wegdr\u00fcckt, um eintreten zu k\u00f6nnen. In der Mitte des einen Beetes hat er ein Viereck mit Steinen abgetrennt, in diesem Viereck w\u00e4chst leuchtend gr\u00fcner Rasen, drumherum liegt das dunkelbraune Seegras in dicken B\u00fcscheln, \u201edas sch\u00fctzt den Boden und hat viele N\u00e4hrstoffe\u201c, sagt Chester, der Winter kommt, die empfindlichen Pflanzen holt er jetzt rein. In Joghurtbechern und Blument\u00f6pfen, ausrangierten Gef\u00e4\u00dfen und Plastikverpackungen von Supermarktkuchen zieht er Keimlinge, jedes Gef\u00e4\u00df ist beschriftet, alle haben einen Sinn, obwohl manche nicht so aussehen wie ein Zuhause f\u00fcr etwas Neues. Im Wohnzimmer klettern orange bl\u00fchende Pflanzen den Fensterrand entlang, darunter eine kleine Saat-Kolonie, daneben einer von Chesters Laptops, insgesamt hat er drei, alle sind schwarz, der eine funktioniert mittlerweile nur noch, wenn das Stromkabel angeschlossen ist, an jeder Wand h\u00e4ngt etwas, h\u00e4ufig gerahmte Fotos von Chesters Wanderungen, manchmal Landkarten von der Welt, den Inseln, Indonesien. Auf dem Kamin stehen hohe CD-Stapel, auf der anderen Seite des Sofas der Stereoanlagenturm, daneben Platten, auf dem kleinen Sofatisch liegen die zwei Inselzeitungen, in denen steht, dass der Clan nun den lokalen Metzger aufgekauft hat. Es gab ein Abschiedsfest, hundert Leute sind gekommen, der Metzger stellte sich noch einmal in seiner alten Sch\u00fcrze hinter den Tresen und grillte f\u00fcr die Besucher. Der letzte Absatz des Artikels besteht aus Gr\u00fc\u00dfen von der Facebook-Page, \u201e<em>Farewell, Bill, thank you<\/em>\u201c.  <\/p>\n<p>Man wei\u00df nicht genau, ob die Bilder dort h\u00e4ngen sollen, weil das ihr vorgesehener Platz ist, oder ob einfach noch ein Nagel frei war oder eine ramponierte Stelle, die es zu \u00fcberdecken galt. \u00dcberall im Haus hat Chester irgendwann angefangen etwas zu tun, man sieht jeden Anfang, und auch das Ende jeden Anfangs, damals lebte hier ein \u00e4lterer Herr im Rollstuhl, deswegen ist die Dusche ebenerdig, deswegen hat die Dusche eine Saloon-T\u00fcr, nur halbhoch, deswegen lassen sich die Fenster im Bad nicht \u00f6ffnen, wozu. Wenn Chester l\u00fcftet, l\u00e4sst er Bad- und Haust\u00fcr offen, \u201edas gen\u00fcgt\u201c. Auch im Flur wurde die eine Wand irgendwann einmal gestrichen, das Bad lange nicht, alles ist hellbraun, beige, gelb, man wei\u00df nicht genau, welche Farbe es ist, das h\u00e4ngt auch vom Licht ab und vom eigenen Befinden. Chester hat, was er braucht, einen W\u00e4schest\u00e4nder, eine Zahnb\u00fcrste, Zahnpasta. Die Utensilien, die seine G\u00e4ste da lassen, wirft er nicht weg. Herbal Essences Shampoo und Sp\u00fclung stehen in der Dusche, das geh\u00f6rt ihm nicht, das benutzt er nicht. Alles steht an dem Platz, an dem es gebraucht wird. Das Reinigungsmittel in der Dusche, die T\u00f6pfe und die Pfanne auf dem Herd, die Packung Eier direkt daneben, dann die K\u00fcchenrolle, das Sp\u00fclmittel, der Schwamm, der Kaffee, die Kaffeem\u00fchle, die gro\u00dfe Plastikbox f\u00fcr den Papierm\u00fcll und das Glas direkt daneben, jedes Mal, wenn etwas in der Box liegt, tr\u00e4gt er es kurz darauf nach drau\u00dfen in die M\u00fclltonne, im K\u00fchlschrank hat er Blaubeer-Joghurt, Milch in der gro\u00dfen Plastikkanister, Chili-So\u00dfe. Auch auf dem K\u00fchlschrank stehen Plastikdeckel mit Keimen, in der Ecke die Keimling-Farm. Den kleinen Backofen benutzt er selten, er hat ein Set Geschirr, ein Set Besteck, das alte seiner Mutter, ein paar Messer, drei T\u00f6pfe. <\/p>\n<p>Das mit dem Streichen des Hauses musste schnell gehen, die Farbe klebt noch immer an all seinen Jacken, an all seinen Schuhen, an allen Fenstern im Erdgeschoss, die zwei kleinen Zimmer im oberen Stockwerk wurden lange nicht benutzt, \u00fcberall liegt unterschiedlicher Teppich, in Chesters Schlafzimmer stehen neben dem Bett noch seine Kleiderstange und sein Schreibtisch, das Licht l\u00e4sst er immer an, bis er ins Bett geht, in der K\u00fcche, im Flur, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Bad. Die Lampe im Badezimmer strahlt W\u00e4rme ab wie ein Heizpilz und manchmal steht Chester deswegen l\u00e4nger dort als n\u00f6tig, durch seine rotblonden Haare sieht man die Kopfhaut schon, das ist mehr geworden in den letzten Jahren, seine Haut ist makellos, all seine Pullover haben einen Rei\u00dfverschluss am Ausschnitt, \u201edas ist gut zum Wandern\u201c. Im Flur stehen zwei B\u00fccherregale, eines davon hat zwei F\u00e4cher voller Wanderkarten, die pinkfarbenen \u201ehaben sich \u00fcber die Jahre so angesammelt\u201c. Er passe nicht in die britische Gesellschaft, sagt Chester von sich, seine f\u00fcnf Jahre in Indonesien als Englischlehrer waren aufregend, dann starb seine Mutter, dann kam er zur\u00fcck und kaufte sich das Haus, \u201eum das Geld anzulegen, wo ich die Gesetze kenne und dem System vertraue\u201c. Jetzt wohnt er neben dem Flughafen. Vom Bett im rechten der zwei kleinen Zimmer im oberen Stockwerk kann man sehen, wenn ein Flugzeug dar\u00fcber fliegt, eine Gardine hat Chester nicht, es gibt eine Rucksackplane, \u201edie kann man ins Fenster klemmen, falls es einem zu hell ist\u201c. An der Wand ein kleines Foto von den Steinkreisen im Norden der Insel, eine Korkpinnwand mit dem WLAN-Passwort und Flyern f\u00fcr Bootstouren. <\/p>\n<p>Chester arbeitet nicht, er macht Musik, er singt nicht, aber spricht seine Texte \u00fcber die T\u00f6ne, vor zehn Jahren hat er eine Vinylplatte aufgenommen, \u201eheute w\u00e4re die mehrere hundert Dollar wert\u201c. Konzerte spielt er nicht, \u201ees ist zu teuer, ein passendes Ensemble zusammenzustellen\u201c, sagt er, davon lebe aber seine Musik. Ohne mache es keinen Sinn. Der hohe Ton im Hintergrund des einen Liedes sorgt bei Chester noch immer f\u00fcr G\u00e4nsehaut, obwohl es schon zehn Jahre alt ist, obwohl er den Ton schon so lange kennt. Manchmal macht er sich ein wenig lustig \u00fcber die Leute im Ort, dar\u00fcber, wie sie sich vermutlich \u00fcber ihn lustig machen, er macht sich lustig \u00fcber England, das System, die Erwartungen der Gesellschaft, er macht sich lustig \u00fcber die Kunst, \u00fcbers Arbeiten, \u00fcber sich selbst. \u201eIch bin eine negative Person\u201c, sagt er, \u201evielleicht sollte ich sterben, ich habe geh\u00f6rt, das hilft dabei ber\u00fchmt zu werden\u201c. Chester ist 34. Seine Mutter ist tot, sein Vater lebt noch. \u201eWenn mein Vater stirbt, kaufe ich mir noch ein zweites Haus\u201c, wo, wei\u00df er noch nicht. \u201eAber ich lebe ja nah am Flughafen\u201c. <\/p>\n<p>Wenn es nicht zu stark regnet, geht er raus und sammelt Samen. Das G\u00e4rtnern ist sein neues Hobby. Neben dem Wein. Den lagert er unter der Sp\u00fcle, \u201eder meiste ist noch nicht alt genug, solange muss ich noch welchen kaufen\u201c. Wenn er steht, hat er die H\u00e4nde in den Hosentaschen. Wenn er sitzt, faltet er sie \u00fcber dem Bauch. Wenn er spricht, macht er viele Pausen oder rudert im Satz zur\u00fcck, um noch einmal neuen Anlauf zu nehmen. Manchmal geht er in Pubs, am liebsten in den \u201eCriterion\u201c. Sein Schreibtisch steht zum Fenster hin, auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Stra\u00dfe steht genau und nur dort ein kleines, verfallenes gr\u00fcnes Haus, das die Sicht auf die Landebahn verdeckt. Wenn man an Chesters Haus vorbeif\u00e4hrt, sieht man ihn abends dort sitzen und in den Laptop schauen, man kann von drau\u00dfen die laute Musik h\u00f6ren und wenn man langsam genug f\u00e4hrt, h\u00f6rt man ihn summen oder singen oder seufzen, wenn der Wind nicht zu laut ist, wenn kein Flugzeug kommt. Doch die landen selten, die Chancen sind gro\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man mit dem Auto vor Chesters Haus parkt, riecht es sofort nach Meer, man braucht nicht einmal die Autot\u00fcr \u00f6ffnen und bemerkt es schon. 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