{"id":5345,"date":"2015-09-10T22:05:17","date_gmt":"2015-09-10T21:05:17","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5345"},"modified":"2015-09-10T22:23:24","modified_gmt":"2015-09-10T21:23:24","slug":"der-dieb-in-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/der-dieb-in-der-nacht\/","title":{"rendered":"In der unm\u00f6glichen achten Faltung"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3337306237376530.jpg\" alt=\"Der Dieb in der Nacht\" \/><\/p>\n<p>Es gibt einen Punkt im Leben (interessant wird es, wenn man sich wie ich vertippt ((oder verliest)) und das t im Punkt vergisst, and sometimes it&#8217;s funny cause it&#8217;s true), vielleicht sogar manchmal mehrere, da kapiert man pl\u00f6tzlich, wovor man die ganze Zeit Angst hatte. Meistens liegt dieser Punkt dort, wo die Angst unwiderruflich vorbei ist. Diese z\u00e4he Angst, die sich nicht zerkauen und runterschlucken l\u00e4sst, die zu gro\u00df ist, um sie verschwinden zu lassen und zu diffus, um sie zu fassen, die einhergeht mit einem schlechten Geschmack im Mund und einer randalierenden Faust im Bauch, diese Angst, die sich in den Kiefer setzt und ihn zum Knirschen bringt und vor der man solche Ehrfurcht hat, weil sie macht, dass man vergisst, wie es ist, ohne sie zu sein. Und ja, irgendwann ist man so weichgeklopft, dass man mitunter sogar denkt: Lieber diese Angst als gar nichts. Wenn man Gl\u00fcck hat, f\u00e4llt genau in diesem Moment ein Klavier vom Himmel und man erschreckt sich so sehr, dass man die Angst einfach ausspuckt. Wenn man sie dann pl\u00f6tzlich von au\u00dfen anschauen, umrunden, der Witterung aussetzen, von oben sehen und in Relation setzen kann, \u00e4ndert sich alles, das Gef\u00fchl im Zahnfleisch, die F\u00e4higkeit sich klar zu artikulieren, der Blick aus dem Fenster, der Schlaf. Als h\u00e4tte jemand nachts ohne zu fragen die Fenster geputzt und man kann pl\u00f6tzlich wieder sehen und jemand anders fragt an der Haltestelle, ob alles okay ist, weil man erst so gehustet hat und dann so geschaut, und man sagt ohne dar\u00fcber nachzudenken \u201eJa, es ist alles okay\u201c und erst sp\u00e4ter merkt man, wie ernst das eigentlich gemeint war, wie sehr es stimmt. Und ein paar Tage sp\u00e4ter wird man mit dem Bus noch einmal an der Stelle vorbeifahren, sich immer noch sicher, in Gedanken mit Bleistift umranden, wo man stand, wo man noch einmal auf die Uhr gesehen hat, an welcher Stelle man noch nicht wusste, was gleich passieren w\u00fcrde, aber man wird nicht den Stein markieren, an dem der Rest von der Faust klebt, denn man wei\u00df, er wird in ein paar Tagen ohnehin den Dreck der Stadt angenommen haben und die Temperatur der Jahreszeit und vor allen Dingen wird er sich festtreten und irgendwann einfach keinen Unterschied mehr machen, irgendjemand wird \u00fcber ihn dr\u00fcber fahren, auf ihn kotzen, die Sonne wird scheinen und nach ein paar St\u00fcrmen wird er einfach vergangen sein. Denn <em>\u201edie Wahrheit ist, dass man eine Vorstellung (gleich wie gro\u00df sie ist) nur so und so oft falten kann, daf\u00fcr gibt es ein physikalisches Gesetz, das hat etwas mit Dichte zu tun und Widerstand.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Was mitunter passieren kann, ist, dass genau dann neben einem im Bus woandershin ein Buch liegt, das von der Ent-T\u00e4uschung, von Wahrnehmung und Parasiten erz\u00e4hlt, von der Angst und dem Sich-Davon-Losmachen, dem Ausspucken, dem Weggehen, und zwar so, dass es jeder versteht.<\/p>\n<p><em>\u201eEr war ein \u201c\u201c ein zuversichtlicher Mensch. Ich meine nicht, dass er die Dinge leichtnahm. Er machte sich oft Sorgen, um mich, um Louise, auch um Paul. Aber er war zuversichtlich, und wenn man genug Zeit mit ihm verbrachte, dann wurde man es auch. Er war niemand, der glaubte, dass alles gut werden w\u00fcrde, aber er glaubte, dass immer etwas gut werden w\u00fcrde, ein Teil des Ganzen. Und pl\u00f6tzlich schien es nicht l\u00e4nger wichtig, dass der Rest vor die Hunde ging. Es war auszuhalten, wenn er da war, man glaubte daran, es aushalten zu k\u00f6nnen. Ich wei\u00df nicht, von wem er das hatte, von mir nicht. Und auch nicht von seinem Vater.&#8220; (&#8230;) \u201eHabe ich jetzt genug erz\u00e4hlt?&#8220; Als er sieht, dass sie Anstalten macht aufzustehen, schnellt sein Arm vor, seine Hand legt sich auf ihre. Anders als bei der letzten Ber\u00fchrung ist sie auff\u00e4llig kalt und w\u00e4chsern. Es f\u00fchlt sich an, als tr\u00fcge er Einmalhandschuhe. \u201eNein, eins fehlt noch\u201c, sagt er. \u201eDas Wichtigste. Ich will verstehen, warum du dir so sicher bist. Warum du keine Angst hast, dich zu irren \u2013\u00a0in mir.\u201c Agnes presst die Lippen zusammen. Weil Sie nicht aussehen wie mein Sohn, will sie sagen. Weil Sie nicht sprechen wie mein Sohn, sich nicht bewegen wie mein Sohn, nicht riechen wie mein Sohn. \u201eWeil ich hier mit Ihnen sitze und Ihnen zuh\u00f6re und Sie ansehe und mich nicht zuversichtlich f\u00fchle\u201c, antwortet sie.<\/em><\/p>\n<p>(Der Roman <a href=\"http:\/\/www.berlinverlag.de\/buecher\/der-dieb-in-der-nacht-isbn-978-3-8270-1279-1http:\/\/www.berlinverlag.de\/buecher\/der-dieb-in-der-nacht-isbn-978-3-8270-1279-1\">\u201eDer Dieb in der Nacht\u201c <\/a>von Katharina Hartwell, aus dem die kursiven Textstellen stammen und den ich hiermit ausdr\u00fccklich empfehle, erschien am 31.08. im Berlin Verlag)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Punkt im Leben (interessant wird es, wenn man sich wie ich vertippt ((oder verliest)) und das t im Punkt vergisst, and sometimes it&#8217;s funny cause it&#8217;s true), vielleicht sogar manchmal mehrere, da kapiert man pl\u00f6tzlich, wovor man die ganze Zeit Angst hatte. 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