{"id":5220,"date":"2015-04-27T22:14:07","date_gmt":"2015-04-27T21:14:07","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5220"},"modified":"2015-04-27T22:40:31","modified_gmt":"2015-04-27T21:40:31","slug":"kiesbett","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/kiesbett\/","title":{"rendered":"Kiesbett"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6338656138616163.jpg\" alt=\"Strand\" \/><\/p>\n<p>\u201eMan kann sich nicht einfach umdrehen, weil es beim Menschen ja nicht einmal so ein richtiges Oben und Unten gibt, man kann sich nicht einfach andersherum legen, damit heraus l\u00e4uft, was wie ein Steinchen in einem herumschwimmt, weil in einem vielleicht das Blut umzieht, aber das Blut nimmt auch nicht immer alles mit, nicht weit genug jedenfalls. Man kann sich nicht einfach umkrempeln, man wird auch nicht einfach so zu einem Grobstrickpullover, durch den alles f\u00e4llt, Regen und Wind und Fluggeschwindigkeit und eben diese Steinchen, die nebeneinander so aussehen, als d\u00fcrfe nie eine Welle kommen oder der Plastikeimer einer Urlaubsfamilie, ein Rentner mit einem besonderen Hobby oder einfach nur ein alter Hund. Wenn man sie einzeln findet sp\u00e4ter in Jackentaschen, nachdem sie durch das nicht mehr warme Jahr getragen wurden, wenn man sie dann findet, gl\u00e4nzen sie nicht mehr, die sind eher v\u00f6llig stumpf dann, haben andere Farben und kleben einem unsouver\u00e4n in der Handfalte, es ist nichts anders und eben doch alles, die wurden nicht einmal abgeschmirgelt, denn Taschent\u00fccher und Kaugummipapier und Schl\u00fcsselb\u00e4nder sind relativ untalentiert, was das angeht, also die Schmirgelei von Strandgut, meine ich, und das Strandgut hat sich nicht ver\u00e4ndert, aber wurde verkr\u00fcmelt und diese Verkr\u00fcmelung macht wirklich nur bei Teigwaren Sinn und dort ist sie zumindest meistens von wirklich kurzer Dauer. (&#8230;) Ich bin sogar noch einmal hingefahren, wei\u00dft du, ich habe versucht, alles zur\u00fcckzubringen dorthin, wo alles richtig war, aber ich hab nichts mehr wiedergefunden, nur einen zerfledderten Zettel, eine Fahrkarte und eine Ahnung. Ich bin im Krebsgang \u00fcber den schei\u00df Strand gerobbt und hab versucht, alles wiederzuerkennen, der Stein in der Tasche und der in der Faust sind nicht einmal beim Kopfstand an den richtigen Platz gefallen, obwohl ich reichlich d\u00e4mlich mit den Beinen gestrampelt habe und mir Sand aus den Schuhen ins Nasenloch gerieselt ist, stundenlang hab ich da gestanden und mir lief das Meer in die unteren Wimpern hinein, oder halt das, was der Wind vom Meer r\u00fcbertr\u00e4gt, und sp\u00e4ter irgendwann klebten mir die getrockneten schwarzen Algen in den Hautrillen unter dem Knie. Es bringt halt auch nichts sich umzudrehen und zu sch\u00fctteln, das habe ich ja kapiert jetzt, also auch, dass es ein Irrglaube ist, dorthin zur\u00fcckzufinden, wo einen der Zufall ausgespuckt hat. Konnte der ja nicht wissen, dass das was bedeutet. Konnte der ja nicht wissen, dass ich doch noch einmal dorthin zur\u00fcck will, haha, ich bin jedenfalls wirklich noch einmal hingefahren, aber ich hab die Stelle nicht gefunden, an der wir sa\u00dfen, als alles richtig war, also habe ich mir den Kiesel in den Mund gesteckt, ich hab mich nicht getraut zu schlucken, aber ich wollte ihn aufbewahren, man soll sich ja auch aus Versehen oder mit Absicht abgeschnittene Finger in den Mund stecken, wenn man vorhat, sie wieder anzun\u00e4hen oder ann\u00e4hen zu lassen, ich hab den Kiesel also unter der Zunge vergraben und dann war er irgendwann weg und ich hab gedacht, voll gut, einfach verschwunden, soll es ja geben, ist mir zwar noch nie passiert, aber soll es ja geben und selbst wenn man die Hoffnung an sowas schon aufgegeben hat, wei\u00df man ja noch, wie sie aussah und schwups glaubt man wieder dran. Jedenfalls dachte ich erst: Soll es ja geben, der Stein ist weg! Aber er ist nur diffundiert, denn sp\u00e4ter als ich am Ufer sa\u00df, konnte ich ihn in meinem Ohrl\u00e4ppchen sp\u00fcren, ich sa\u00df am Wasser, wei\u00dft du, und hab gedacht, das kann ja jetzt nicht sein, dass der einfach verschwunden ist, aber gut, manche Sachen will man ja auch gar nicht in Frage stellen und dann merkte ich, wie das warm wurde und fasste mit der Hand hin und da hab ich ihn gesp\u00fcrt und der ist nicht mehr weggegangen seitdem und jetzt steh ich da und bin die Frau mit dem Stein im Blut, der wandert in mir herum wie son Wei\u00dfnichtwas und manchmal merke ich ihn besonders, wenn er in die Fingerkuppe rutscht, er reagiert nicht magnetisch, aber wenn ich ihn morgen zu nah an den F\u00f6n halte, den Finger, dann pulsiert die Kuppe mit dem Stein und das ist dann wie damals, ich wei\u00df noch die Sonne und ich wei\u00df, wie l\u00e4cherlich es ist, wenn ich morgens zu sp\u00e4t komme wegen einem schei\u00df F\u00f6n, ich wei\u00df, wie sehr mein Nachbar das hasst, ich wei\u00df, er schl\u00e4ft lang, aber da muss er durch, der Nachbar, wei\u00dft du, manchmal sp\u00fcre ich noch, wo der Stein ist, der schwimmt ja auch rum, und ich bin froh, wenn er im Finger sitzt, ich will den da am liebsten festketten, weil dann rutscht er mir nicht in die Lunge oder so, nicht unter die Fu\u00dfsohle, ich will, dass der da bleibt, das sage ich ihm jedes Mal, wenn ich ihn erwische, aber er bleibt da nicht, er wandert rum, als w\u00fcrde er immer noch suchen \u201c\u201c aber jetzt wo ich ihn verschluckt hab, immer mitnehme, ich werd den ja nicht mehr los, wei\u00dft du, jetzt muss wenigstens ich das nicht mehr.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMan kann sich nicht einfach umdrehen, weil es beim Menschen ja nicht einmal so ein richtiges Oben und Unten gibt, man kann sich nicht einfach andersherum legen, damit heraus l\u00e4uft, was wie ein Steinchen in einem herumschwimmt, weil in einem vielleicht das Blut umzieht, aber das Blut nimmt auch nicht immer alles mit, nicht weit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[26],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5220"}],"collection":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5220"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5224,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5220\/revisions\/5224"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}