{"id":5208,"date":"2015-04-13T17:16:24","date_gmt":"2015-04-13T16:16:24","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5208"},"modified":"2015-04-14T17:01:10","modified_gmt":"2015-04-14T16:01:10","slug":"what-you-see-is-what-you-see","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/what-you-see-is-what-you-see\/","title":{"rendered":"What you see is what you see."},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6665386434333636.jpg\" alt=\"Hearts\" \/><\/p>\n<p>Morgens stand ich vor dem Spiegel, vorher kein besonderer Tag, und ich k\u00f6nnte nun nachschauen im Buch, weil ich ihn danach im Kalender markierte, aber das war ein Morgen wie immer, danach auch noch und trotz Markierung, und dann sah ich das wei\u00dfe Haar. Ich bin jetzt 30 und dies ist mein erstes. Es war relativ kurz und richtete sich manchmal auf und um es mir genauer anzusehen, rupfte ich es aus. Vielleicht auch einfach aus Reflex, weil man das so beigebracht bekommt, jedenfalls bereute ich es ein paar Sekunden sp\u00e4ter schon wieder, als es auf meiner Handfl\u00e4che lag und ich nicht wusste, wohin damit. Schmei\u00dft man weg, so ein graues Haar, aber auch das erste? Die Babyhaare heben wir auf. Ich jedoch eigentlich nicht, weil sich in mir irgendetwas gegen das Sammeln und Verpacken in Boxen von K\u00f6rperextensionen wehrt. Schon die Aufbewahrung der Milchz\u00e4hne war nur so mittel meins, was ich merkte, als mir einer davon mal in der Hand zerfiel und damit auch jegliche Vorstellung seiner Beschaffenheit. (F\u00fcr Konsistenz hat man immer wenig Gef\u00fchl, bis man sie am eigenen Leib sp\u00fcrt, die Vorstellung von Konsistenz ist meistens so vage, dass es m\u00f6glich ist, sie an den Rand des Schlimmstm\u00f6glichen zu treiben.) Am Ende lag der Zahn zerfallen auf meiner Lebenslinie, viele Jahre sp\u00e4ter sp\u00fcrte ich noch einmal einen Milchzahn direkt in meinem Mund brechen. Auch so ein Konsistenzmoment, den man nicht mehr vergisst. Aber das hier war nur ein Haar, ein schneewei\u00dfes, ein paar Zentimeter langes Haar. Ich warf es weg. Notgedrungen. Fingern\u00e4gel hebe ich auch nicht auf. Aber dieses Haar h\u00e4tte ich dann doch lieber einfach dort gelassen, wo es gewachsen war. Auf der rechten Scheitelseite, vordere Mitte. <\/p>\n<p>Ich dachte auf dem Weg in die Arbeit dar\u00fcber nach, \u00fcber meinen Reflex, das Haar auszurei\u00dfen, das Gef\u00fchl, von dem ich immer eine Vorstellung hatte, \u00fcber k\u00f6rperliche Ver\u00e4nderung und was man eigentlich erwartet. Ich bin aufgewachsen mit dem Grundgef\u00fchl einer Angst vor dem \u00c4lterwerden, ich begegnete in Gespr\u00e4chen und in Magazinen Cellulite und Anti-Falten-Cremes lange bevor ich mich als Zielgruppe daf\u00fcr eingestuft h\u00e4tte. Und welche Chance haben wir denn? \u00dcber k\u00f6rperliche Ver\u00e4nderung zu reden, wie sie nicht passiert? Ich sp\u00fcre jetzt, wie gro\u00df dieses mediengewordene Unbehagen war, bevor ich es am eigenen Leib erfuhr, wie man reingeredet wird in diese Komplexe, in das Hinterfragen des eigenen Fleisches und ob es die richtige Form und Temperatur hat, wie man nicht best\u00e4rkt, sondern vor allem ver\u00e4ngstigt wird von Medien, Umfeld und Gesellschaft. Doch nun (ist mir neulich aufgefallen) und mittlerweile vor allem scheine ich von mir als Person ein anderes Bild zu haben als alle Spiegel dieser Welt. Dazu muss man sagen: ich besitze keinen Ganzk\u00f6rperspiegel. Das war zum einen eine architektonische, zum anderen eine K\u00f6rpergef\u00fchlsentscheidung. Ich wollte mich nicht mehr jeden Tag im Spiegel sehen. Nicht, weil ich den Anblick so schrecklich fand, sondern weil ich mich lieber wieder mehr sp\u00fcren wollte. Was f\u00fchlt sich f\u00fcr mich gut an? Was m\u00f6chte ich tragen? Und wie egal ist es eigentlich, wie das im Spiegel aussieht? Was daraus geworden ist: der Wunsch, keinen Ganzk\u00f6rperspiegel mehr zu besitzen, also nie wieder. Und manchmal sehe ich mich in Schaufenstern und erkenne mich nicht. Da steht eine Frau, die, so glaube ich, so alt aussieht, wie sie ist. Eine Frau, die Falten um die Augen hat und Cellulite am Hintern (so sagen die selten besuchten Spiegel in Umkleidekabinen von Klamottenl\u00e4den, nicht weil ich mich nicht sehen will, sondern weil ich mich von diesem Bild nicht mehr so abh\u00e4ngig machen m\u00f6chte), eine Frau, die mittlerweile zwei Gr\u00f6\u00dfen gr\u00f6\u00dfer kauft als noch vor drei Jahren. Eine Frau, die nicht ganz so aussieht, wie die Frau in meinem Kopf. Sie sieht \u00e4lter aus. Sie hat mehr Falten. Anscheinend hat sie auch demn\u00e4chst ein paar graue Haare. Aber sie grinst. <\/p>\n<p>(Und deswegen werde ich immer fragen \u201eWieso nicht?&#8220;, wenn jemand besch\u00e4mt wegsieht und murmelt. dass er oder sie nicht \u00fcber sein erstes graues Haar reden m\u00f6chte. Ich werde es respektieren, aber vielleicht werde ich einfach von meinem erz\u00e4hlen und dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Vielleicht ist es sogar irgendwann einfach normal.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgens stand ich vor dem Spiegel, vorher kein besonderer Tag, und ich k\u00f6nnte nun nachschauen im Buch, weil ich ihn danach im Kalender markierte, aber das war ein Morgen wie immer, danach auch noch und trotz Markierung, und dann sah ich das wei\u00dfe Haar. Ich bin jetzt 30 und dies ist mein erstes. 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