{"id":5058,"date":"2014-12-02T20:07:59","date_gmt":"2014-12-02T19:07:59","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=5058"},"modified":"2017-04-08T22:19:45","modified_gmt":"2017-04-08T20:19:45","slug":"eftir-%c3%bevi-sem-eg-man","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/eftir-%c3%bevi-sem-eg-man\/","title":{"rendered":"eftir \u00fevi\u00ad sem \u00e9g man"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3862383333333235.jpg\" alt=\"Leaves\" \/><\/p>\n<p>Was einem ein Gl\u00fcck sein kann. Das Raketenbuch ganz aus Versehen und ohne Hast f\u00fcnf Sekunden vor Ausstieg zu Ende lesen, und auch noch das rote B\u00e4ndchen wieder zwischen den Einband und die letzte Seite legen k\u00f6nnen, das sonst immer beim Lesen hinter den Seiten herumbaumelt wie so ein Bungeeseil f\u00fcr K\u00e4fer, jedenfalls Zeit zu haben, es zu retten, das B\u00e4ndchen, und einzupacken, beinahe noch ein beruhigtes Seufzen zu h\u00f6ren, auch Zeit zu haben, das Buch noch in die Tasche zu stecken, auch das ohne Beeilen und dann genau im richtigen Moment fertig zu sein mit dem Zuklappen und dem Wegstecken, um hinauszutreten und die H\u00e4nde tief in den Taschen zu vergraben. Denn das beim ersten Aussteigen ist die erste K\u00e4ltestufe, oben auf der Zwischenetage mit dem Kiosk und dem B\u00e4cker, der, glaube ich, gar kein B\u00e4cker sondern irgendein Essenverkaufsladen ist und wegen seines orangefarbenen Schildes von mir als B\u00e4cker gemerkt wird, dort beginnt die zweite K\u00e4ltestufe. Die dritte k\u00fcndigt sich an mit jeder Treppenstufe, in die zweite kann man sich noch per Rolltreppe fahren lassen, kurz, aber hey, doch in die dritte muss man selbst laufen, auf dem zweiten Treppenabsatz dann legt sich die Luft auf einen ohne Wind, wenn man Gl\u00fcck hat und gerade kein Zug ein- oder ausf\u00e4hrt, dann sp\u00fcrt man nur die K\u00e4lte ohne das Harte der Bewegung an der Haut. Ich bin ja auch davon \u00fcberzeugt, dass der Wind weh tut, wenn er kalt ist, weil irgendetwas in ihm spitze Kanten hat und gar nicht die Temperatur sondern etwas mit Konsistenz Schuld ist, wenn die Haut rei\u00dft oder schmerzt, etwas, das wir nicht sehen k\u00f6nnen, das aber trotzdem da ist und mit angerissenen Fingern\u00e4geln an den Hautschuppen und H\u00e4rchen kratzt. Was einem ein Gl\u00fcck sein kann, auch oben noch, sind Momente ohne Eile, wenn die eine Bewegung so in die n\u00e4chste gleitet, als h\u00e4tte jemand es geschrieben, wenn man sich nicht bem\u00fchen muss, sich nicht strecken zum Beispiel sondern die eigene Arml\u00e4nge genau passt, der Schritt so gemacht wurde, dass der K\u00f6rper sicher gesetzt wird und voran kommt, wenn die angenehme Geschwindigkeit genau die ist, mit der man den Bus erreicht und zwar nicht knapp sondern genau so, als h\u00e4tte man schon gewartet. In der dritten K\u00e4ltestufe wird der mit dem R\u00fccken zum U-Bahnhof gewandte Engel wieder wei\u00df angeleuchtet, vermutlich herrscht auf dem Sockel, auf dem er steht, K\u00e4ltestufe vier, das Licht macht daraus beinahe noch K\u00e4ltestufe f\u00fcnf. Sonst werden die B\u00e4ume um ihn herum immer lila angestrahlert, gestern waren sie pl\u00f6tzlich rot, ich habe mich im Gehen noch einmal umgedreht, um das zu pr\u00fcfen, man vertut sich ja manchmal, aber die waren rot gestern und heute sind sie wieder lila und ich frage mich, ob sich da jemand am Hebel einen Scherz erlaubt hat oder ob da wieder irgendein k\u00fcnstlerisches Konzept dahinter steht, was ich nicht verstehe. Was einem ein Gl\u00fcck sein kann, ist, dass Gr\u00fcn wird, wenn man ankommt, beziehungsweise eigentlich schon kurz davor, damit sich die tr\u00e4ge Masse bereits in Bewegung gesetzt hat und man nicht bremsen muss sondern einfach weitergehen kann, wie man auch vorher gegangen ist mit dem Blick auf das in Versalien geschriebene Wort auf dem Haus mit den vielen Fenstern. Gedenkbibliothek. Und obwohl an der Ampel immer brave Studenten mit durchsichtigen T\u00fcten stehen, denke ich nie, nicht ein einziges Mal an das Bibliothek in dem Wort sondern immer nur an Gedenk. Jeden Tag, wenn ich zur\u00fcckkomme, bleibe ich am Gedenk h\u00e4ngen, an der Erinnerung, an der Bettung eines guten Gedankens, so stelle ich mir Gedenken vor, wie ein weiches Kissen f\u00fcr etwas Gutes, nicht zu weich nat\u00fcrlich, da sind die Dinge eigen, aber jedes Mal h\u00e4nge ich an diesem Wort bis zur n\u00e4chsten gro\u00dfen Kreuzung, w\u00e4hrend ich die Menschen im Lesesaal sehe und trotzdem nicht auf B\u00fccher komme, ich frage mich immer nur, ob sie einander wiedererkennen, ob ich einen von ihnen irgendwann wiedererkenne, weil ich ja beinahe jeden Tag vorbeilaufe, und dann sch\u00fcttle ich den Kopf, nicht um zu verneinen sondern um die Kurve zu nehmen, denn eigentlich war ich ja beim Gedenken und jeden Tag sp\u00fcre ich, dass ich noch nicht angekommen bin in meinem Umgang damit, in meiner Definition und wie es sich anf\u00fchlen sollte, das Wort. In K\u00e4ltestufe f\u00fcnf bis sechs vorne, dort wo die mittlerweile beleuchtete Kirche steht, nehme ich mir vor, am n\u00e4chsten Tag ein St\u00fcck weiter zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was einem ein Gl\u00fcck sein kann. 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