{"id":4854,"date":"2014-09-12T15:37:26","date_gmt":"2014-09-12T14:37:26","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=4854"},"modified":"2014-09-12T15:55:04","modified_gmt":"2014-09-12T14:55:04","slug":"essen-allein-unter-frauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/essen-allein-unter-frauen\/","title":{"rendered":"Essen allein unter Frauen."},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze zum ersten Mal in einem Women Only Caf\u00e9, weil das Men\u00fc auf dem Stra\u00dfenaufsteller so nett klang, und ich h\u00e4tte nicht \u00fcbel Lust jetzt zum Mittag schon ein Glas Wein zu trinken, allein unter Frauen, mein Leben ist ja sonst eher ein Gemischtwarenladen, aber gut, einfach machen. Mir wird ein bisschen schwindelig beim Blick auf die Wand vor mir, ein psychedelisches Ge\u00e4st rankt sich \u00fcber die gesamte Tapete, ich muss wieder auf die wei\u00dfen Tischdecken schauen, sonst werde ich nichts essen k\u00f6nnen, die Bedienung begr\u00fc\u00dft mich sehr nett und tr\u00e4gt eine Sch\u00fcrze. Aus irgendeinem Grund sind mir Menschen mit Sch\u00fcrzen immer erst einmal sympathisch, vielleicht bilde ich mir das aber auch ein, ich selbst habe noch nie eine Sch\u00fcrze besessen, weil ich glaube, ich w\u00fcrde sie immer vergessen zu benutzen. <\/p>\n<p>Ich bekomme eine kleine Karte und setze mich auf die mit Leder \u00fcberzogene Bank, die \u00fcber die gesamte Rauml\u00e4nge reicht, neben mir trinken zwei \u00e4ltere Damen Cocktails mit bunten Strohhalmen aus bauchigen Gl\u00e4sern, es ist halb zwei. Vor mir sitzt eine grauhaarig sch\u00f6ne Dame, isst einen Auflauf und liest Zeitung dabei, die Fahrstuhlmusik dudelt so vor sich hin und nervt dabei ein wenig, aber in auszuhaltendem Ma\u00dfe und auch nur f\u00fcr kurze Zeit, man dudelt sich ja selbst so hinein, wenn man erst einmal drinsteckt und nicht weg kann. Drau\u00dfen laufen gesch\u00e4ftig Touristen und Menschen herum, die sicherlich etwas mit Mode oder Kunst oder Darstellungsthemen zu tun haben, hier drinnen sitzen ganz andere Menschen und ich lehne mich zur\u00fcck. Vor mir auf dem Tisch steht ein kleiner Kaktus unter einer gro\u00dfen Glasvase, daneben ein Teelicht zwischen Kaffeebohnen.<\/p>\n<p>Ich bestelle Zucchini-Nudeln und mein Hirn denkt sofort, das seien Nudeln aus Zucchini, aber selbst das ist hier unpr\u00e4tenti\u00f6s gel\u00f6st, denn am Ende bekomme ich Nudeln mit Zucchini oben drauf auf einem Teller, der auf einem Unterteller steht. Ich kleckere das gr\u00fcne Pesto sofort auf die Tischdecke, nichts absichtlich, aber alle in diesem Raum scheinen mit kurzen Vollkornspaghetti besser zurechtzukommen als ich. Das Sch\u00f6ne ist: Es interessiert hier niemanden. Die Bedienungen schauen diskret auf ihre Limonadenflaschen, die anderen Damen haben einfach mit sich selbst zu tun. Das Mutter-Tochter-Gespann trinkt Latte-Macchiato, das Freundinnen-Cocktail-Duo erz\u00e4hlt sich aus der letzten Woche, ich schweige, schaue und horche. <\/p>\n<p>\u201eErnst ist jetzt zum zweiten Mal eine junge Frau ins Auto gefahren und der Trottel hat wieder nicht die Polizei gerufen, jedes Mal sag ich&#8217;s ihm wieder und er kriegt es dann nicht hin, ich wei\u00df nicht, wie die das machen, das die ihn dann so \u00fcberreden, aber die zweite, die nat\u00fcrlich auch Schuld war, die verklagt ihn jetzt und deswegen jammert er jeden Abend und ich sage, biste selbst schuld, jetzt haste den Salat, muss er halt lernen, nich? Findet er ja auch nich gut, dass wir hier sind, aber wei\u00dfte, ich koch doch jetzt nicht jeden Tag f\u00fcr ihn, dann m\u00fcsste ich ja v\u00f6llig umplanen, der ist jetzt im Ruhestand, da hat er doch genug Zeit f\u00fcr sich zu kochen, ich hab auch meine Dinge zu tun, ich bitte dich.\u201c<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte beinahe gar nicht mehr weg, der Tisch wackelt und ich sollte mir vielleicht Notizen machen, stelle aber zum Wohle des Moments fest, dass ich keinen Stift, daf\u00fcr aber drei R\u00f6llchen Klebeband mit mir herumtrage, also keine Notizen sondern Nudeln auf die Gabel schaufeln, die H\u00e4lfte auf dem Weg zum Mund verlieren und noch einmal von vorn. Das Essen schmeckt, wie ich in letzter Zeit manchmal versuche zu kochen. Wenig Gew\u00fcrz, denn wenn man es mal aush\u00e4lt, dass es nicht sofort knallt im Mund, folgt nach der kurzen Verwunderung das Hinschmecken und ich will wissen, was Lebensmittel so f\u00fcr sich allein k\u00f6nnen, ohne st\u00e4ndig noch daran herum zu optimieren und allerlei Zeug drauf oder dazu zu sch\u00fctten. Pure Sahne, puren Joghurt, pure Nudeln, sanftes Pesto, manchmal etwas Pfeffer, kaum Salz. Nur um es zu wissen und mich dann noch einmal zu entscheiden.<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden h\u00e4ngen eingerahmte Urkunden, ich schaue nicht so genau hin, in einem Hinterraum stehen Sofas mit Decken und Kissen, wieder kommt eine \u00e4ltere Dame herein, bestellt sofort eine gro\u00dfe Apfelschorle und l\u00e4sst sich in einen dieser Rundledersessel fallen, in die man gar nicht so richtig fallen kann, weil sie so steif sind, das sp\u00fcrt sie auch und guckt ganz verwundert und sitzt dann etwas gerade auf ihrem Sessel herum, w\u00e4hrend sie in der Karte bl\u00e4ttert. Alle sprechen relativ leise, aber ungehemmt, sie sehen einander kaum an, die Bedienungen sind zur\u00fcckhaltend, wirklich sehr freundlich, etwas unsicher vielleicht, aber sehr akkurat in der K\u00f6rperhaltung, keine Bewegung zu viel, die H\u00e4nde immer gefaltet und wenn man sie anl\u00e4chelt, schauen sie verschmitzt zur Seite, aber l\u00e4cheln auch, als w\u00e4ren sie das nicht gew\u00f6hnt. <\/p>\n<p>Die Rechnung bekommt man auf einer kleinen Untertasse mit Serviette und Kaffeebonbon. F\u00fcr eine ordentliche Portion Nudeln und eine gro\u00dfe Apfelschorle bezahle ich 5,60 Euro, mir dudelt der Kopf, die Damen neben mir bestellen noch einmal Cocktails, ich kann durch eine Durchreiche in die K\u00fcche schauen, eine \u00e4ltere Frau steht dort in wei\u00dfer Arbeitskleidung und lacht, redet angeregt, aber lacht wieder, ich kann sie nicht h\u00f6ren, aber sehen, sowieso sehe ich sie hier alle gerne an, weil der Rest drau\u00dfen so anders funktioniert, weil sich dort alle so abm\u00fchen und glatt geb\u00fcgelt durch die Mittagspause staksen, hier drin stakst niemand, die drei, die einzeln das Caf\u00e9 betreten, w\u00e4hrend ich esse, seufzen alle erst einmal nach dem Hinsetzen und schnaufen aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze zum ersten Mal in einem Women Only Caf\u00e9, weil das Men\u00fc auf dem Stra\u00dfenaufsteller so nett klang, und ich h\u00e4tte nicht \u00fcbel Lust jetzt zum Mittag schon ein Glas Wein zu trinken, allein unter Frauen, mein Leben ist ja sonst eher ein Gemischtwarenladen, aber gut, einfach machen. 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