{"id":4802,"date":"2014-07-08T19:03:01","date_gmt":"2014-07-08T18:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=4802"},"modified":"2014-11-20T22:13:44","modified_gmt":"2014-11-20T21:13:44","slug":"faro-v","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/faro-v\/","title":{"rendered":"Faro V"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3463616632653663.jpg\" alt=\"door\" \/><\/p>\n<p>Die kleinen Dinge, die man wiederholt, machen ein fremdes Land weniger fremd. Man kennt und erkennt pl\u00f6tzlich etwas. Auch wenn es nur die Speisekarte einer Snackbar ist. Im Bus zum Strand sitzt vor uns die alte Dame, ihre schwarzen Haare hat sie sich \u00fcber die bereits grauen gelegt und mit Haarspray und kleinen Spangen fixiert. Vor dem Aussteigen richtet sie die Gardine und nickt. Der Strand ist wieder leer, das Wochenende vorbei, in den Zwischenstr\u00f6men von Insel und Festland arbeiten die Fischer und kontrollieren die Reusen. Ihre Autos stehen vor der kleinen Br\u00fccke direkt neben der Strasse, nicht auf dem Parkplatz dort, wo die Strandbesucher ihre Wagen abstellen. Weiter hinten ein kleines, zerfallenes Holzhaus. Neulich bei Ebbe watete daneben ein Mann nur in Unterhose in kniehohem Wasser und wusch sich darin. Woher pl\u00f6tzlich mein Bed\u00fcrfnis nach Farbe und einer Leinwand kommt, wei\u00df ich nicht. Viel Blau und Rotbraun, dazwischen kleine wei\u00dfe Sprenkel. Ich hab das seit Jahren nicht gef\u00fchlt. Wenn das Wasser hoch steht, ist der Wind st\u00e4rker. <\/p>\n<p>Das Forum Algarve, ein riesiges Einkaufszentrum in Terrakotta. Die Dekoration davor und um das Haus herum ist f\u00fcr Menschen in Autos gemacht, hier kommt man direkt von der Autobahn, um in die Stadt zu fahren oder hinaus. Als Fu\u00dfg\u00e4nger daneben auf dem schmalen Gehsteig sieht man nur Steinmauern, laufen ist hier nicht vorgesehen. Nach dem zweiten Fu\u00dfballspiel verlassen die paar G\u00e4ste ihre Sitze, die Algarve Big Band spielt auf einem leeren Platz. Morgens h\u00f6rt man aus dem Zimmer von T. als erstes Schniefen und Husten, danach das Piepsen des Laptops. Dann ist sie wach. Im Hof pl\u00f6tzlich aufgeregtes Gackern von H\u00fchnern, aber kein Tier zu sehen. Es klingt, als s\u00e4\u00dfen hunderte unter dem Tisch.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es kaum etwas besseres als Schlafen im Zug. Ich meine, sicherlich gibt es besseres, zuhauf, aber an manchen Tagen eben nicht. Das flackernde Licht und wie die Ger\u00e4usche mit dem Schlie\u00dfen der Augen anfangs lauter und dann erst sp\u00e4ter wieder leiser werden. Das leichte Ruckeln, die Stimmen und die Gedanken, die kommen, wenn man sie kommen l\u00e4sst &#8211; stellvertretend f\u00fcr alles Vorbeifliegende, das man gerade nicht sehen kann. Manchmal kurz die Augen \u00f6ffnen, sich vergewissern, weiterschlafen und irgendwo anders wieder aufwachen. <\/p>\n<p>Am Bahnhof treffen wir S., wir kennen ihn von Weitem vom Strand und aus der Stadt. Hier lachen wir einander an und als der Zug einf\u00e4hrt, kommen wir ins Gespr\u00e4ch. Er ist aus Mailand angereist, arbeitet eigentlich als Radiologe. Es ist unser erster Tag mit grauwei\u00dfen Wolken am Himmel. Sp\u00e4ter malt S. eine Schnecke in sein Notizbuch, weil ihm das englische Wort daf\u00fcr nicht einf\u00e4llt, gestern hatte er welche als Abendbrot. Wir verabschieden ihn in Lagos irgendwo zwischen den Touristenmassen, die einem den Weg nehmen, den man zumindest in Faro einfach sp\u00fcrt und nicht einmal auf der Karte suchen muss. Es scheint, als habe dieser zerw\u00fcrfelte Ort alles auf Zugereiste ausgelegt, jedes Gesch\u00e4ft, jeden Putzlappen, jedes Wort. Man kann beobachten, wenn man es schafft ruhig zu bleiben, irgendwo im Schatten eines Balkons vielleicht: Kaufentscheidungen, Familienleben, Ehekrisen, Liebesgeschichten und wie sich Menschen etwas zu eigen machen wollen, das ihnen fremd ist, in dem sie alles daf\u00fcr tun, ihr Zuhause mitzubringen, auch wenn sie genau davon wegfahren. Sie m\u00fcssen auch immer alles anfassen, jeden Zaun, das 15. Kleid, das auf einem B\u00fcgel baumelt, einander. Der Strip Club hei\u00dft Aplauso. <\/p>\n<p>Auf der Heimfahrt kommen pl\u00f6tzlich die Farben heraus. Alles, was auf dem Hinweg noch grau und vernebelt schien, ist jetzt in sattes Braun, Rot und Gr\u00fcn gefallen, so geht Leuchten. Zwischen den Plantagenb\u00e4umen immer wieder \u00e4ltere Herren mit ihren Hunden, sie sehen dem Zug nach, die Hunde neben oder hinter sich, dann stapfen sie langsam weiter. Mittendrin steht ein graues Pferd auf einem H\u00fcgel mit aufrechtem Kopf, es bewegt sich keinen Zentimeter, zuckt nicht einmal. Als habe es all seine Sinne verloren. Und ich hab all meine wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die kleinen Dinge, die man wiederholt, machen ein fremdes Land weniger fremd. Man kennt und erkennt pl\u00f6tzlich etwas. Auch wenn es nur die Speisekarte einer Snackbar ist. Im Bus zum Strand sitzt vor uns die alte Dame, ihre schwarzen Haare hat sie sich \u00fcber die bereits grauen gelegt und mit Haarspray und kleinen Spangen fixiert. 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