{"id":4782,"date":"2014-07-05T14:33:58","date_gmt":"2014-07-05T13:33:58","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=4782"},"modified":"2014-11-20T22:13:44","modified_gmt":"2014-11-20T21:13:44","slug":"faro-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/faro-iii\/","title":{"rendered":"Faro III"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3938643665356165.jpg\" alt=\"50 shades of blue\" \/><\/p>\n<p>C. ist 40, oder Anfang 40. Ihre Haut sieht aus wie ein frisch gegossener Teller. Sie ist klein und schmal und ihre Haare, von denen man nicht wei\u00df, welche grau und welche blond sind, weil sie so gut zueinander passen, liegen auf ihrem Kopf wie zu einem Schl\u00e4fchen. &#8222;Derzeit habe ich keine Wohnung, ich lebe als Nomadin&#8220; sagt sie und N. und ich sind so perplex, dass wir vergessen, die richtigen, anschlie\u00dfenden Fragen zu stellen. Sie benutzt Begriffe wie &#8222;here and there&#8220; and &#8222;back then&#8220;, sie besucht ihre Mutter und wir werden nicht herausfinden, wie genau sie ihren Tag verbringt, nur dass sie manchmal auch abends, wenn wir am gro\u00dfen Tisch sitzen und auf den Telefonen lesen und schreiben, still neben uns steht und dasselbe tut. Das einzige Mal, dass ich sie sitzen sehe, ist an diesem Abend auf der wei\u00dfen Treppe, die vom Hof in die zweite Etage f\u00fchrt. Sie sagt etwas, das ich mir merken will und dennoch vergesse, aber ich erinnere mich genau an das Gef\u00fchl danach, in dem ich dachte: Irgendwas hat sie, irgendeinen Knick, und ich w\u00fcsste gern, woher der kommt. Einmal steht sie im Hof neben der gro\u00dfen Palme und wischt mit einem gelben Lappen die Dr\u00e4hte des W\u00e4schest\u00e4nders ab. <\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnstreifen vor dem &#8218;N Coisas&#8216; wird jeden Morgen von denselben Hunden besucht. N. sagt, R. k\u00f6nne das besonders gut, die Gedanken von Hunden lesen. Manchmal \u00fcbersetze er f\u00fcr sie, wenn sie in Berlin einem Hund begegnen. Wir k\u00f6nnen das nicht, aber jeden Morgen kommt der kleine graue mit der lockigen Frisur und schn\u00fcffelt um den pinkfarbenen Strauch herum, danach besucht uns der schmale, d\u00fcnne, der nur oben auf dem Kopf ein B\u00fcschel Haare hat und setzt ebenfalls eine Marke. So geht das mehrmals hintereinander. Jede Snackbar hat ihren eigenen, struppigen Bewacher. Ich verliebe mich alle zehn Meter neu.<\/p>\n<p>Quiosque ist mein Lieblingswort. Handgeschrieben sieht es wundersch\u00f6n aus, ausgesprochen auch. Sp\u00e4ter sehe ich vom Bus aus dieses riesige Plakat: Rent an emotion. Autovermietungswerbung. Auf dem Kreisverkehr kurz vor dem Flughafen stehen wei\u00dfe, kastige Figuren. Mehrere Personen, die in die Luft schauen. Vielleicht aus Stein geschlagen, vielleicht aus Holz. Ihre K\u00f6rperhaltungen sind so authentisch und echt, dass ich aussteigen und mich dazwischen legen m\u00f6chte, ihre Blicken r\u00fchren mich so, dass ich schlucken muss, dabei haben sie nicht einmal richtige Augen.<\/p>\n<p>Am Strand dann 50 shades of blue. Ich erinnere mich wieder, warum Blau meine Lieblingsfarbe geworden ist, fr\u00fcher war es Gr\u00fcn, vielleicht wird Blau es bleiben. N. sagt, in der chinesischen Medizin habe man sogar Deutungen f\u00fcr die Farbe von Kleidung, die man in bestimmten Zeitr\u00e4umen kauft. Letztes Jahr vor allem Dunkelblau. Dieses Jahr Schwarz. Ich wei\u00df nicht, ob ich diese Deutungen kenne m\u00f6chte und bleibe innerlich lieber bei meiner ausgestreckten Hand. Manchmal, wenn ich l\u00e4nger in die Sonne schaue, flimmert es danach in blauen Blitzen in meinem Blickfeld, ich genie\u00dfe jedes einzelne Mal. Sowieso sauge ich das Licht hier auf, als h\u00e4tte ich jahrelang keines bekommen. Hinlegen, warten, warten, warten, warten, sp\u00fcren, wie Schwei\u00df sich bildet, warten, warten, warten, wie er austritt, warten, warten, wie er rinnt. In diesem Moment gibt es kaum Sch\u00f6neres. Dagegen das Wasser. Str\u00f6mung sp\u00fcren, Wellen sp\u00fcren, tauchen, nicht zu tief, aber tauchen, durch die Wellen hindurch und dazwischen. Anfangs direkt hineingehen, obwohl es arschkalt ist, einfach weiterlaufen, nicht z\u00f6gern, keinen Moment, einfach laufen, das h\u00e4lt man schon aus, die K\u00e4lte, die Wucht. Wenn man sich nicht umdreht, ist \u00fcberall Horizont. <\/p>\n<p>Wenn man Regener und Cole parallel liest, vermischen sich New York und Bremen zu einem wunderlichen Brei, in dem kleine Klumpen schwimmen. Zweimal erschrecke ich \u00fcber Parallelen. Die eine zum Wehrdienst und dass Verweigerer wohl zum Dilemma des Pazifisten gefragt werden, was sie t\u00e4ten, wenn jemand ihre Eltern mit einer Waffe bedrohen w\u00fcrde und sie selbst eine in der Hand h\u00e4tten. Und in beiden B\u00fcchern werden Protagonisten zu gutm\u00fctigen K\u00fcmmersachen, zu Charity-Arbeit, \u00fcberredet von Menschen, die ihnen irgendwie nahe stehen. Dabei haben sie dann Begegnungen, an die sie sich sp\u00e4ter erinnern. V allein kommen sie nicht auf die Idee, sich zu engagieren, das Dr\u00e4ngen dazu \u00fcbernehmen die Randfiguren f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Wir essen frischen Fisch mit Zitrone und viel Knoblauch, die Sonne steht tief. Als wir zum Bus gehen, steht hinter der Br\u00fccke ein alter Fischer allein in seinen Gummischuhen, er f\u00e4ngt nichts, die Str\u00f6mung ist schnell. Im Bus dann Halbstarke. Der eine h\u00e4ngt sich ein Handtuch \u00fcber den Kopf, w\u00e4hrend er ganz laut \u00fcber sein Handy Guns N&#8216; Roses h\u00f6rt. Runterkommen mit Axl Rose. Ich erkl\u00e4re N. den Unterschied zwischen &#8218;Trottel&#8216; und &#8218;Tollpatsch&#8216;. Der erste vergeigt&#8217;s mit dem Kopf, der zweite mit dem K\u00f6rper. Im Quiosque kaufen wir Schokolade, spielen dann Backgammon im Hof. Die Wangen gl\u00fchen nach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>C. ist 40, oder Anfang 40. Ihre Haut sieht aus wie ein frisch gegossener Teller. 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