{"id":4757,"date":"2014-07-03T20:34:16","date_gmt":"2014-07-03T19:34:16","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=4757"},"modified":"2014-11-20T22:13:45","modified_gmt":"2014-11-20T21:13:45","slug":"faro-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/faro-i\/","title":{"rendered":"Faro I"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3531313663393664.jpg\" alt=\"Farotiles\" \/><\/p>\n<p>Es regnet in Berlin, es regnet so sehr, dass man denkt &#8222;Jetzt kann ich ja auch gehen&#8220; und das in so einem leicht bockigen Unterton, also ich meine, wenn es Untert\u00f6ne gibt beim Denken. Ich radle zum Buchladen, kaufe Teju Cole und Sven Regener. Regener eigentlich nur, weil&#8217;s so dick ist und ich doch so schnell lese im Urlaub, das wei\u00df ich mittlerweile und das Schlimmste ist, wenn man sich z\u00fcgeln muss aus Angst, dann nach zwei Tagen dazuliegen und nicht lesen zu k\u00f6nnen. Der Buchh\u00e4ndler hat soeben eine gr\u00fcne Trillerpfeife von jemandem geschenkt bekommen, und ich schreibe &#8222;jemandem&#8220;, weil ich vergessen habe, welchen Begriff er verwendet hat, irgendjemand, der regelm\u00e4\u00dfig zu ihm kommt und mit dem er gesch\u00e4ftlich zu tun hat. Auch wieder so etwas, ich betrete diesen Buchladen, vor dem ich schon so oft stand, heute zum ersten Mal. &#8222;Die schicken \u00f6fter mal was, Aufkleber, Postkarten, Sie wissen schon&#8230; Aber die Trillerpfeifenidee ist neu&#8220; sagt er und bl\u00e4st in die kleine gr\u00fcne Pfeife. &#8222;M\u00f6chten Sie eine Trillerpfeife?&#8220;, er betont das &#8218;Sie&#8216; in dem Satz, er h\u00e4lt mir die Pfeife entgegen, ich verneine, aber bedanke mich, wir \u00fcberlegen kurz, wem man die Pfeife schenken k\u00f6nnte, denn er hat ja nun wirklich keine Verwendung daf\u00fcr, Kinder, nein, das w\u00e4re unfair den Eltern und Nachbarn gegen\u00fcber, den Eltern die Pfeife schenken vielleicht, nein, das w\u00e4re noch unfairer. Vielleicht, so verbleiben wir, kommt heute noch jemand passendes in den Laden. Er gibt mir eine Plastikt\u00fcte f\u00fcr den Weg, &#8222;Ihre Jackentaschen sind ja zu klein, nicht wahr&#8220;, ja, meine Jackentaschen sind zu klein.<\/p>\n<p>N. hat Angst, dass wir zu fr\u00fch am Flughafen sind. Ich habe Angst, dass wir zu sp\u00e4t kommen. Damit k\u00f6nnte man jetzt eigentlich einen Roman beginnen und die zwei Charaktere loserz\u00e4hlen, aber das tun wir ja nicht, wir machen ja Urlaub, wir schreiben keinen Roman, jedenfalls nicht jetzt. Wir sind p\u00fcnktlich, das kann man sagen, und treffen am Flughafen mit dieser stillen Hibbeligkeit ein, die fr\u00fcher noch eine laute Hibbeligkeit war und nun im Daumennagelhautkauen endet. Wir sind jedenfalls so fr\u00fch, dass wir es schaffen, Verpflegung zu besorgen und sie so an uns zu befestigen, dass wir nur ein Handgep\u00e4ckst\u00fcck haben und trotzdem Wasser und Lebensmittel und etwas zu lesen und Kopfh\u00f6rer und einen Schal und einen Pullover. <\/p>\n<p>Wir bekommen noch einen Sitzplatz im Wartebereich des Gates. Ich habe keinen Computer dabei und \u00fcbe das Tippen auf dem quergelegten Handy, das ist fummeliger als die Playstation, deren Controller mich auch immer sehr herausfordert, aber die Autokorrektur hat gute Laune und schon nach ein paar Zeilen werde ich besser. Die Menschen sprechen miteinander, die meisten hier haben einen Urlaub vor sich, glaube ich. Die \u00e4ltere Dame neben mir zischt ein &#8222;Pssscht&#8220; in alle Richtungen, weil sie die Durchsage der Flughafenmitarbeiter nicht versteht, ich erkl\u00e4re ihr, dass sie nichts verpasst hat und auf ihre aufgeregte Frage, wer wann das Flugzeug besteigen d\u00fcrfe, antworte ich, wir d\u00fcrfen alle gemeinsam einsteigen. Pl\u00f6tzlich ist sie wieder freundlich und schaut aus dem Fenster. Als wir zum Flugzeug gehen, hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen und N. summt leise &#8222;Guantanamera&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Oh hallo!&#8220; sagt der Flugbegleiter etwas \u00fcberrascht ins Mikrofon und erkl\u00e4rt die Situation. Die Fluglotsen in Frankreich streiken.  Das Flugzeug steht also noch eine Stunde in Sch\u00f6nefeld herum, wir sitzen darin und lesen. Es gibt Wasser aus durchsichtigen Plastikbechern. Das Wasser ist umsonst, das sorgt beinahe f\u00fcr helle Aufregung im Flugzeug, &#8222;denn bei Easy Jet ist ja wenig umsonst, da muss man ja beinahe noch f\u00fcrs Reden d\u00fcrfen bezahlen&#8220;. Die Flugbegleiterinnen tragen die Wasserbecher auf einem durchsichtigen Tablett durch den Gang, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, wenn jetzt eine Tanzemariechenparade durch den Gang k\u00e4me oder jemand vom Zirkus, also eigentlich w\u00e4re das ziemlich schrecklich, aber die Reaktionen w\u00e4ren so sch\u00f6n, wie all jene gucken w\u00fcrden, die eigentlich genervt sind ob des Wartens, sich aber die Genervtheit noch nicht ganz erlauben, weil sie ja jetzt in den Urlaub fahren und am Anfang des Urlaubs hat man sich ja gef\u00e4lligst zu freuen und schlie\u00dflich gibt es ja Wasser umsonst, also bitte. Aber es gibt keine Parade. Immer wenn Flugbegleiter die Schwimmweste mit der Pfeife erkl\u00e4ren, muss ich unweigerlich an Titanic denken, an die Szene, in der sie alle im Wasser schwimmen und es irgendwo leise tr\u00f6tet. Es ist Trillerpfeifentag, N. sitzt am Fenster und lacht, der Platz zwischen uns ist frei. Jetzt regnet es wieder.<\/p>\n<p>Um 18:23 Uhr gibt es eine Durchsage vom Kapit\u00e4n. Wir fliegen \u00fcber Paris und den Charles-de-Gaulle mit seinen vier Landebahnen, alle K\u00f6pfe neigen sich, die H\u00e4lfte sieht nichts. Im Gang des Flugzeugs spielen Kinder mit Eimern und Schaufeln. Ich habe die Dummy mit dem Titelthema &#8222;Abenteuer&#8220; fertig gelesen, kann jetzt also losgehen. Ein junger Mann sitzt neben uns, dazwischen liegt noch der Gang. Er hat sich ein Glas Kokos\u00f6l mitgebracht und l\u00f6ffelt davon mit einem Umr\u00fchrst\u00e4bchen mehrere Portionen in seinen Beutelkaffee. Beutelkaffee ist Kaffee, den man wie Tee aufgie\u00dft. Hier oben ist es still, die Sonne scheint. Ich erkl\u00e4re N., was das Wort &#8222;rumpeln&#8220; bedeutet.<\/p>\n<p>Teju Cole im Flugzeug zu lesen, die ersten Seiten der Streifz\u00fcge seines Protagonisten durch New York, ist fast, als fl\u00f6ge ich direkt dorthin. Ob das am Strand immer noch da sein wird, das Gef\u00fchl, das er jetzt hinbekommt in mir? Das Flugzeugklo stinkt. Eine Familie hat extra einen kleinen Toilettensitz f\u00fcr die Kinder dabei. Alle 30 Minuten holt Papa das Ding aus der gr\u00fcnen Plastikt\u00fcte, das er im Gep\u00e4ckablagefach \u00fcber sich verstaut hat, und schleppt es samt Kind aufs Klo. Danach wieder einpacken und verstauen, also nur den Deckel. Sind Reisen nicht auch Zeiten, in denen Dinge mal anders sein sollten als Zuhause? Der Kokos\u00f6lmann programmiert eine Website auf dem Laptop, seine Freundin schl\u00e4ft auf zwei Sitzen. Als er vor dem Start einnickte und sein Kopf nach hinten fiel, faltete sich seine Hinterkopfhaut zu kleinen Rollen an der Kopfst\u00fctze zusammen.<\/p>\n<p>In Faro bekommen wir eine Willkommenszeremonie, die \u00f6rtliche Feuerwehr w\u00e4scht das Flugzeug mit einem gro\u00dfen Spritzauto, wir fahren direkt durch den Strahl zum Gate. Die Prozedur wird von einem Regenbogen dekoriert. Wieder sieht die H\u00e4lfte der Leute nichts, das ist dann schon dieses Touristendilemma, man hat immer Angst, dass man was verpasst oder falsch steht, den falschen Ausgang nimmt, sich die falsche Uhrzeit gemerkt hat, dass man dies, dass man das. Ein Regenbogen jedenfalls, ein portugiesischer. Es riecht sofort nach Urlaub, als wir aus dem Flugzeug treten, die Luft ist feuchter, die Sonne w\u00e4rmer, das Licht so grell, dass ich die Augen zusammenkneife. Das ist hier sch\u00f6ner als Zuhause, das Augen zusammenkneifen, bilde ich mir ein. Der erste Taxifahrer erkl\u00e4rt uns sofort ungefragt und freundlich den Bus, er versucht nicht einmal uns zu einer Taxifahrt zu \u00fcberreden, sondern grinst nur breit. Das Licht so golden, ich kann es gar nicht anders sagen, wir sitzen auf der Bank und gucken in den Himmel, davor die gewellten D\u00e4cher des Flughafengel\u00e4ndes, dahinter irgendwo Palmen. Im Bus l\u00e4uft die Klimaanlage. Neben dem Jumbo Supermarkt tanzen Sch\u00fclerinnen in roten T-Shirts einem HipHopper auf einer gro\u00dfen B\u00fchne hinterher. Das gro\u00dfe Ding daneben ist das Einkaufszentrum, aber das wissen wir noch nicht.<\/p>\n<p>Wir wohnen in einem Haus, dessen Fliesen an der Au\u00dfenwand wir fotografieren, bevor wir wissen, dass wir in diesem Haus wohnen. Darin lebt T., der man ansieht, dass sie viel gesehen hat, vielleicht ist das nicht gut ausgedr\u00fcckt, das klingt ja so nach Furchen und Augenringen, aber ich meine eher die Geschichten im Ganzen ohne Wertung. Sie serviert uns Minizwieback und Feigenmarmelade am gro\u00dfen Holztisch im Wohnraum des Hauses, von dem der Flur, die K\u00fcche, der kleine Hof und ein Rumpelzimmer abgehen. Wir sind vom Flug so m\u00fcde und von dem sch\u00f6nen Haus so gepl\u00e4ttet, dass wir nur ganz still sitzen und zuh\u00f6ren. Ich starre permanent auf ihre H\u00e4nde, T. hat nebenan ein Atelier und arbeitet mit Keramik.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter stehen wir mit in den Nacken gelegten K\u00f6pfen vor dem Arco da Vila, auf dessen T\u00fcrmchen St\u00f6rche nisten. Die Kakerlake im Bad taufen wir Gimmie und entlassen sie mit Hilfe eines Glases und eines Zugfahrplans in den zweiten, kleinen Hof. Dass T. ihn am liebsten sofort zerstampft h\u00e4tte, w\u00e4re sie dabei gewesen, wissen wir auch noch nicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es regnet in Berlin, es regnet so sehr, dass man denkt &#8222;Jetzt kann ich ja auch gehen&#8220; und das in so einem leicht bockigen Unterton, also ich meine, wenn es Untert\u00f6ne gibt beim Denken. Ich radle zum Buchladen, kaufe Teju Cole und Sven Regener. 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