{"id":4752,"date":"2014-06-23T19:32:28","date_gmt":"2014-06-23T18:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=4752"},"modified":"2014-06-23T19:46:05","modified_gmt":"2014-06-23T18:46:05","slug":"zurich-vii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/zurich-vii\/","title":{"rendered":"Z\u00fcrich VII"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6366393966316662.jpg\" alt=\"Idaplatz\" \/><\/p>\n<p>Das Licht des Sommeranfangs legt sich auf den See wie eine Hand auf warme Haut, die sie zwar kennt, aber noch nicht ganz so lange. Am fr\u00fchen Abend noch hell und etwas pl\u00f6tzlich, aber man kann schon ahnen, wann die Nacht kommt, wie sie wird und dass die Stimmen dann kurz noch etwas lauter werden vor Euphorie und Oxytocin. Auf dem Bellevue so viele Hinterk\u00f6pfe, denn sie \u00fcbertragen den Rigoletto in neuer Inszenierung, der Herr mit dem grauen Haar vor mir wippt mit und man erkennt an seiner Bewegung, dass er, w\u00e4re er allein, vielleicht ausschweifender w\u00e4re, vielleicht lauter summen w\u00fcrde. Hier sitzen sie dicht an dicht, die blauen Klappst\u00fchle kann man kaufen (sie kommen in handlichen Taschen zum \u00fcber die Schulter werfen), und so sitzen sie alle und lauschen (sie lauschen wirklich, nur an den R\u00e4ndern des Platzes, wo man steht, wird geredet zwischendurch, aber auch das leise), manche haben sich Decken mitgebracht, viele H\u00fcte, dazwischen immer wieder ein paar ausgezogene High Heels auf dem Valser Quarzit. Bei der einen Arie bewegt der Herr die H\u00e4nde in den Hosentaschen, die Fersen hebt er im Takt, ob er dirigiert oder mitspielt oder ob genau so wirkliches Lauschen geht, vermag ich nicht zu sagen.<\/p>\n<p>In Z\u00fcrich kann man von der einen Sekunde auf die andere allein sein. Aus dem gr\u00f6\u00dften Trubel heraus gen\u00fcgen manchmal schon zwei, drei Schritte und alles ist wieder still, niemand bleibt zur\u00fcck, nur Fensterl\u00e4den und gelbe Fahrbahnmarkierungen und Malven, \u00fcberall Malven an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern. Und das helle Chopfab passt in diesen Abend, weil es hinten nach genau diesem Licht schmeckt, das am sp\u00e4teren Abend neben den nackten F\u00fc\u00dfen und dem Klirren der Gl\u00e4ser liegt. Wir fallen nach dem Spiel aus der Nebenstra\u00dfe wieder ans Ufer, und hier dr\u00fcben ist es laut, die Jugend hat sich versammelt und liegt und hockt neben den Wasserpfeifen, es pfeift und lacht und kreischt an jeder Bank, wir laufen Slalom um die kleinen Gr\u00fcppchen, ich verstehe keine Wort, aber die Gesten kenne ich noch, die zur\u00fcckgeworfenen K\u00f6pfe, die zusammengesteckten, die nach innen gedrehten F\u00fc\u00dfe und die Artikulation, die man dann ja auch noch f\u00fcr sich finden muss neben dem ganzen Rest. <\/p>\n<p>Am Fluss wird um Mitternacht getanzt, die K\u00e4fer sammeln sich beim Licht. Die Betonstufen sind noch warm vom Tag und man kann die Augen schlie\u00dfen und kurz aufh\u00f6ren zu existieren zwischen all denen, die sich hier auskennen, die nicht drauf achten m\u00fcssen, auf etwas zu achten, man kann sitzen und nicht gesehen werden und vielleicht noch ein Bier trinken und sich vorstellen, so k\u00f6nnte der Sommer sein und bleiben, es aber nicht aussprechen sondern nur kurz denken und dann weiter beobachten. \u00dcber uns flattern bunte B\u00e4nder im Wind, den man erst sp\u00fcrt, wenn man aufsteht, um sich zu strecken und nach Hause zu finden. Am Sonntag gibt vielleicht keinen ruhigeren Ort in der Stadt als die eine Wiese auf dem Friedhof Sihlfeld, und wir laufen neben den geordneten Gr\u00e4bern, deren Steine alle dieselbe H\u00f6he haben, auch die Kreuze sehen beinahe gleich aus, Quadrat an Quadrat und die verr\u00fcckteren Steine au\u00dfer der Norm stehen hinten auf einer eigenen Fl\u00e4che. Unter manchen B\u00e4umen darf das Gras wachsen, dort legt es sich schr\u00e4g und man sieht, von wo meistens das Wetter kommt, ein Baby lernt stehen. Was passiert eigentlich mit Namen, wenn sie niemand mehr vergibt? <\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckkomme nach Berlin, ist es 15 Grad k\u00e4lter, aber auf der anderen Stra\u00dfenseite ein paar Meter nach links stehen rosa Malven. Mir fehlt auch das i an den Worten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Licht des Sommeranfangs legt sich auf den See wie eine Hand auf warme Haut, die sie zwar kennt, aber noch nicht ganz so lange. 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