{"id":4688,"date":"2014-02-13T09:50:43","date_gmt":"2014-02-13T08:50:43","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=4688"},"modified":"2014-02-13T09:50:43","modified_gmt":"2014-02-13T08:50:43","slug":"auf-einen-kaffee-mit-francesco-wilking","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/auf-einen-kaffee-mit-francesco-wilking\/","title":{"rendered":"Auf einen Kaffee mit Francesco Wilking."},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3164376333343134.jpg\" alt=\"Kaffee\" \/><\/p>\n<p>Ich bekomme eine Nachricht: \u201cSorry, 10 Minuten\u201c\u009d. Ich sitze und warte, der Kaffee und ich haben es warm, ich lese Max Frisch, da f\u00fchlt man sich eh immer ganz aus der Zeit gezogen. <a href=\"http:\/\/francescowilking.com\">Francesco Wilking<\/a> wollte sich im Haliflor in Mitte treffen, da kann man rauchen, ich wei\u00df aber auch nicht, ob das der Grund war. Noch einmal 15 Minuten sp\u00e4ter ruft er an: \u201cSag mal, k\u00f6nnen wir uns auch in der Weinerei treffen? Meine Katze sitzt im Hof und will nicht reinkommen.\u201c\u009d<\/p>\n<p>Als ich in die Weinerei komme, steht Francesco neben dem gro\u00dfen Topf mit der Suppe, einen Rucksack auf dem R\u00fccken, eine Schirmm\u00fctze auf dem Kopf. Wie ein kleiner Junge mit der Frisur von Helge Schneider. Meine erste Assoziation erschreckt mich, verfliegt aber mit der Zeit, er bestellt Espresso, ich Kaffee, wir setzen uns an einen Bartisch gegen\u00fcber. Und wo ist die Katze?<\/p>\n<p>Francesco Wilking hat eine neue Band, sie hei\u00dft die h\u00f6chste Eisenbahn und ich bin der Musik aufgrund des Namens aus dem Weg gegangen, bis meine Mutter anfing, von ihr zu schw\u00e4rmen. Diese Sache mit den deutschen Texten ist eine schwierige f\u00fcr mich, die eigene Sprache in Musik zu finden, stellt mich immer wieder vor Herausforderungen. Aber auf dem Album \u201cSchau in den Lauf, Hase\u201c\u009d der h\u00f6chsten Eisenbahn wurde ich \u00fcberrascht und war sogar von dieser \u00dcberraschung noch ganz durch den Wind. Jedenfalls sitzt da jetzt Francesco Wilking, der Rucksack liegt mittlerweile auf dem Barhocker neben ihm, und er klingt, wie man dem Klischee nach im Prenzlauer Berg irgendwie klingen muss. Es geht um die Schulsuche f\u00fcr die Kinder, das sei eine komplizierte Geschichte mit diesen Bewerbungen, Erstw\u00fcnsche, Zweitw\u00fcnsche. Ob es da Tricks g\u00e4be, frage ich. \u201cNaja, bestimmt. Aber stell dir vor, ich versuche einen Trick und dann funktioniert der nicht? Nein, das ist mir zu heikel\u201c\u009d, sagt Francesco.<\/p>\n<p>Die Katze sitzt im Hof und will nicht rein, er habe es eine halbe Stunde lang versucht. Sie w\u00fcrde ihn nur anmaunzen, aber nicht mitkommen. Ich sage, er m\u00fcsse Desinteresse heucheln, dann klappe das schon, als er mitten im Gespr\u00e4ch noch einmal aufsteht, um nach der Katze zu sehen. Klappt. Siehste. Ich mag eigentlich keine Katzen, aber der Vater aus Mitte hat ein Katzenfoto auf dem Telefon und das Flauschtier guckt so eigenwillig, dass ich kleine Sympathien in meinem Kaffeeherzen sp\u00fcre. Francesco sei eigentlich auch kein Katzentyp, aber die Kinder h\u00e4tten sie nun einmal angeschleppt und \u201cda kannste nix machen\u201c\u009d. Die Katze ist vielleicht schwanger. Francesco googelt, woran man erkennt, dass eine Katze schwanger ist. \u201cSchei\u00df Katzen\u201c\u009d.<\/p>\n<p>Wir reden wenig \u00fcber die Musik, das kommt mir entgegen, ich spreche mit Musikern nicht gern \u00fcber ihre Lieder, ich habe immer Angst sie zu langweilen und meine Fragen sind ja dann doch immer eher sehr pers\u00f6nlich gef\u00e4rbter Natur, das interessiert niemanden, deswegen reden wir \u00fcbers Schreiben, also das auf Papier und ohne Musik. Da kann ich mich reinf\u00fchlen. \u201cIch habe kein Vertrauen ins Schreiben. Ich h\u00e4tte Lust ein Buch zu machen, aber diese Branche ist mir unheimlich. Wer da alles dann drin rummacht, also in deinem Manuskript, das ist gruselig. Geschriebene Sachen haben au\u00dferdem diese Halbwertszeit. Ich lese meine Sachen sp\u00e4ter und denke: H\u00e4h?\u201c\u009d Ob das mit Musik und Liedern nicht \u00e4hnlich sei, frage ich. \u201cNein, da entwickle ich eine Gelassenheit gegen\u00fcber dem Produkt. Manchmal ist es so, dass ich im Nachhinein, auch wenn die Platte schon fertig ist, noch etwas \u00e4ndern m\u00f6chte, aber das kann ich dann live manchmal umsetzen.\u201c\u009d Aber irgendwie m\u00fcsse er ja auch zu den S\u00e4tzen in den Liedern kommen, schreibe er die nicht auch klassisch auf? \u201cVor allem singe ich sie. Ich singe nie Ladidabidubi. Ich singe immer S\u00e4tze.\u201c\u009d<\/p>\n<p>Francesco tr\u00e4gt eine Kette mit einem Jesus, der umgedreht aussieht wie ein Anker. Die habe er von seiner Mutter geschenkt bekommen. Er sei nicht wirklich gl\u00e4ubig. Ob er aus der Kirche ausgetreten sei? Nein, er glaube nicht. Das wisse er gar nicht so genau. Also auch nicht, wie man das \u00fcberhaupt mache. Kirchensteuer? \u201cWo steht eigentlich, wie viel das ist?\u201c\u009d Dieser Mann schreibt mit Moritz Kr\u00e4mer kleine, tiefe Lieder \u00fcber die gro\u00dfe Liebe, Smartphonel\u00e4cheln und verpasste Gelegenheiten. Francesco Wilking wei\u00df, was ihm wichtig ist und was nicht, die anderen Sachen blendet er, wenn sie ihn nicht interessieren, einfach aus, so scheint es.<\/p>\n<p>\u201cSerien finde ich gut. Was aber nicht geht, ist dieses \u201c\u02dcalles auf einmal sehen&#8216;. Man darf Serien nicht gucken, wenn man alle Folgen hat, das macht einen krank, es ist eh immer alles gleichzeitig, auch im normalen Leben, und am n\u00e4chsten Morgen schreit man die Kinder an, weil man nicht genug geschlafen hat. Das m\u00f6chte ich nicht\u201c\u009d sagt Francesco. Bei Mad Men und Breaking Bad war die Suchtgefahr zu gro\u00df. Ob er Kochsendungen schaue, frage ich, die harmlosen Geschwister der gro\u00dfen Serien, mit denen nie jemand spielt, die aber trotzdem ganz sympathisch sind, wenn man sich nur mal traut, sie anzusprechen. \u201cNein, ich komme ja nicht einmal mit Kochb\u00fcchern zurecht. Ich kann das nicht: Also erst lesen, was man alles braucht und das dann einkaufen und dann w\u00e4hrend des Kochens immer wieder lesen\u201c\u00a6 Nein. Aber so eine Echtzeitkochsendung, wo genau alles so lange dauert, wie es dauert, das w\u00e4re etwas f\u00fcr mich. Ich muss mitmachen k\u00f6nnen, dann schaue ich mir das auch an. Die Leute haben echt Nerven, wei\u00dft du. Ich verstehe nicht einmal, warum ich dieselben Nerven haben muss.\u201c\u009d<\/p>\n<p>Wir vergessen, ein Foto zu machen, aber laufen noch ein St\u00fcck in dieselbe Richtung, weil der Mittevater noch zum Lidl muss. Als wir dort ankommen, ist das Ladengesch\u00e4ft fahl beleuchtet, keine Regale mehr, alles leer. \u201cSamstag war ich hier doch noch einkaufen, die k\u00f6nnen mir doch nicht \u00fcber Nacht den Lidl klauen!\u201c\u009d Es ist Montagabend, die Kinder sind im Urlaub. Er kommt noch mit bis zum REWE. Die zweite Katze wurde heute kastriert, deswegen muss er sich beeilen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bekomme eine Nachricht: \u201cSorry, 10 Minuten\u201c\u009d. Ich sitze und warte, der Kaffee und ich haben es warm, ich lese Max Frisch, da f\u00fchlt man sich eh immer ganz aus der Zeit gezogen. 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