{"id":3260,"date":"2011-11-01T20:34:18","date_gmt":"2011-11-01T19:34:18","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=3260"},"modified":"2016-03-21T23:29:56","modified_gmt":"2016-03-21T22:29:56","slug":"the-future","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/the-future\/","title":{"rendered":"The Future"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6437393561663035.jpg\" alt=\"Movie Poster\" \/><\/p>\n<p>Ich habe neulich <a href=\"http:\/\/mirandajuly.com\/\">Miranda July<\/a>s neuen Film &#8222;<a href=\"http:\/\/thefuturethefuture.com\/\">The Future<\/a>&#8220; in den Tilsiter Lichtspielen gesehen. Und als wir herauskamen, hatte ich zuerst diese kurze Yay-Gef\u00fchl, eine kleine Euphorie gepaart mit der seltsamen Wahrnehmung, die man hat, wenn man aus dem Theater oder einer Inszenierung kommt, einem Film, der mehr war als Unterhaltung, und nach dem man das Gef\u00fchl hat, jede Bewegung, jedes Wort, jeder Blick w\u00fcrden aufgezeichnet, spielten eine Rolle und h\u00e4tten eine Bedeutung, die \u00fcber ihren Selbstzweck hinausgeht. (Kennt man das? Darf ich hier &#8222;man&#8220; benutzen oder geht das nur mir so?&#8220;) Ich jedenfalls &#8211; ich bewege mich vorsichtiger nach solchen zwei Stunden, meist bin ich recht still, laufe langsamer, schaue und kurz ist es, als w\u00e4re alles um einen Zentimeter verschoben. Aber das Gef\u00fchl tritt sich meist schon hinter der n\u00e4chsten H\u00e4userecke fest. Jedenfalls: Auch nach &#8222;The Future&#8220; ging es mir kurz so, als wir auf die gelb bebl\u00e4tterte Stra\u00dfe hinaustraten zwischen die Laternen. Und als wir w\u00e4hrend der zweiten Runde um den Block leise \u00fcber den Film sprachen, wurde das Yay-Gef\u00fchl zu einer kleinen Entt\u00e4uschung. As some would say, I think she played it save. Und um der ganzen Abfeierei etwas entgegen zu setzen, habe ich versucht, die Gr\u00fcnde f\u00fcr das leichte Missfallen in meinem Kopf zu ordnen. Alles subjektiv, alles ohne Hintergrundlekt\u00fcre, alles Momentaufnahme.<\/p>\n<p>\/ Wie mochte ich den Anfang, die Inszenierung der Paarbeziehung auf engem Raum, wie sehr gefiel mir das abgeklebt bunte Fenster, das das Licht \u00fcber dem Bett von Sophie und Jason abf\u00e4ngt, man schaut nicht nach drau\u00dfen von dort, man bleibt im Raum und konzentriert sich auf alles, was sich dort abspielt. Und ja, ich mochte es, wie die beiden Mitdrei\u00dfiger sich eine Aufgabe suchten, die Adoption einer Katze als Schritt in ihrer gemeinsamen Beziehung deklarierten, f\u00fcr den sie nun bereit seien. Wobei der Betrachter durchaus schmunzeln mag, weil man eigentlich wissen kann, dass das weniger ein Schritt ist, der so geplant im Kochbuch steht, als mehr der Ausweg aus der Ein\u00f6de, der muntere Versuch einer Abwechslung, die man eben als bewusste Entscheidung deklariert, weil man sich die Langeweile selten eingesteht.  <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3234623666333832.jpg\" alt=\"The Couple\" \/><\/p>\n<p>\/ Womit wir bei der Katze sind, die sie aus einem Tierheim holen m\u00f6chten, von einer Krankenstation, auf der Tiere wohnen, die nicht mehr so lange zu leben haben. Sie suchen sich also eine Abwechslung, von der sie wissen, sie ist zeitlich begrenzt. Verantwortungsmanagement im Sinne von: &#8222;Das legt uns nicht fest, zumindest nicht dauerhaft, nur auf 5-6 Monate verbleibende Lebenserwartung eines Tieres.&#8220; Die Katze spricht und auch hier muss ich lachen, weil ich sofort Mirandas Stimme erkenne, sie scheint einen Hang dazu zu haben, spielte sie doch in &#8222;Me and you and everyone we know&#8220; ebenfalls verteilte Rollen mit sich selbst, nur dass man ihr damals direkt dabei zusehen konnte. Der unge\u00fcbte July-Zuschauer mag sie nicht sofort erkennen, ich selbst erkannte in der Vermenschlichung der Katze sofort ein July-Element. Und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es davon viele geben w\u00fcrde. Und sie mich langweilten. Ist die Katze also am Anfang Mittel zum Zweck einer Auflockerung, wird sie im Laufe des Films zur knallharten Metapher, ganz ohne Augenzwinkern. Und wo man am Anfang noch dachte &#8222;Och lustig&#8220;, f\u00e4hrt es einem sp\u00e4ter kalt \u00fcber den R\u00fccken, weil die Plattit\u00fcde auf die \u00c4sthetik dr\u00fcckt und zwar so, dass man es beinahe nicht aush\u00e4lt. Nat\u00fcrlich wartet die Katze vergeblich auf die beiden, nat\u00fcrlich stirbt sie und Seele trennt sich von K\u00f6rper, nat\u00fcrlich f\u00e4hrt sie hinaus in glei\u00dfend helles, warmes Licht und eine Ewigkeit, in der sich jedes Warten, jede Sehnsucht und jeder Ich-Bezug aufl\u00f6st und man einfach nur noch ist. Aua. (In der<a href=\"http:\/\/www.du-magazin.com\/\"> aktuellen Ausgabe der &#8222;Du&#8220;<\/a> wird \u00fcbrigens Miranda Julys Suche nach sich selbst thematisiert, betrachtet man den Film unter diesen Aspekten findet das Eine zum Anderen und macht die Katze zum Fokus der (haha) Katharsis. Aua.)<\/p>\n<p>\/ Um bei diesen Gott-Afterlife-Metaphern zu bleiben, kommt mir direkt das Bild von Jason in den Sinn, der sich in seiner Wut auf die aus dem Alltag ausbrechende Sophie in einen Zeitstillstand fl\u00fcchtet, \u00fcber den er dann die Kontrolle verliert. Wie er aber am Meer steht und es pl\u00f6tzlich doch schafft, die Zeit weiterlaufen zu lassen und sich nicht in der Unendlichkeit verheddert, wie er die Arme hebt, sich die Wellen f\u00fcgen und auf ihn zurollen, wie er macht, dass die Gezeiten wieder funktionieren, in seiner Abh\u00e4ngigkeit und seinem Zwiegespr\u00e4ch mit dem Mond, erinnert er mich an den kleinen H\u00e4velmann. Und das auf eine ungute Art und Weise, obwohl ich das Bild von Gezeiten eigentlich mag. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/6465613737373039.jpg\" alt=\"Sophie\" \/><\/p>\n<p>\/ Und so kommen wir noch einmal kurz zur\u00fcck zu einer mir doch sehr angenehmen Szene, weil sie die N\u00e4he zwischen Jason und Sophie, die sie sich \u00fcber Jahre aufgebaut haben, direkt am Anfang des Films wunderbar zeigt. Sie haben ein Spiel, die beiden, wenn Jason ein Signal gibt, h\u00e4lt er die Zeit an und Sophie f\u00fcgt sich, das hei\u00dft, sie bewegt sich nicht und beide verharren in einer Stille und der jeweiligen Position. In ihrem Alltag funktioniert diese Geste als liebevolle Eingespieltheit, im sp\u00e4teren Verlauf des Konflikts wirkt sie wie der erste Einfall, den man haben kann, wenn man \u00fcberlegt: &#8222;Okay, was k\u00f6nnte Jason tun, um Sophie nicht gehen zu lassen? Na gut, h\u00e4lt er halt wieder die Zeit an.&#8220; Sie f\u00fcgt sich diesem Spiel ohne einen Mucks und er wei\u00df weder vor noch zur\u00fcck. Als Bild: Schwierig, weil platt.<\/p>\n<p>\/ Ebenso flach waren meiner Meinung nach die Kamerafahrten, die hier und da und vor allem in Momenten der Unsicherheit dem Blick von Sophie folgten und recht offensichtlich ihre Entscheidungsschw\u00e4che ausdr\u00fcckten. Blick auf die Vase, Blick auf den Teppich, Blick zur\u00fcck auf die Vase, Blick auf die eigenen F\u00fc\u00dfe, zitterzitter, wohin wohin. War man ihr doch in ihrem Tanz (denn ja, Sophie ist Tanzlehrerin f\u00fcr Kinder und versucht sich selbst an einem YouTube-Marathon, bei dem sie an 30 Tagen 30 T\u00e4nze aufnehmen will &#8211; und scheitert) viel n\u00e4her. So gibt es eine Szene, in der sie in einem Zimmer im Haus ihres Geliebten an einem Abend, als die Sehnsucht sie \u00fcberkommt, anf\u00e4ngt zu tanzen, sich an den W\u00e4nden zu reiben &#8211; und man bekommt das Gef\u00fchl, sie versuche, die Sehnsucht loszuwerden, die sie immer wieder an zuhause denken l\u00e4sst, sie versucht, sich das Neue zu eigen zu machen. Was durch den entsetzten Blick ihres Geliebten, als er sie dabei ertappt, gest\u00f6rt und unterbrochen wird. Ebenso sch\u00f6n dazu im Vergleich der Alltag, den sie mit Jason hatte &#8211; und in dem es v\u00f6llig normal war, dass sie in eine Alltagsbewegung eine Tanzgeste mit einbaute oder sich hier und da etwas anders fortbewegte. <\/p>\n<p>\/ Was ich an Julys Geschichten mag, ist die Rolle des Kindes und der Versuch, Kinder etwas vermeintlich erwachsenes tun zu lassen. Oft bleiben in Julys Geschichten die Kleinen relativ unbeeindruckt von Umst\u00e4nden, die den Gro\u00dfen zu schaffen machen, sie f\u00fchren ihre Handlungen fort und begeben sich in Situationen, die jeder andere f\u00fcr absurd hielte, f\u00fcr die Kinder jedoch das Selbstverst\u00e4ndlichste von der Welt scheint. Im ersten Moment f\u00e4llt es dem Betrachter leicht, die Kinder f\u00fcr weise zu halten, sie \u00fcbernehmen schnell die Rolle des unaufgeregten allwissenden Gro\u00dfvaters im Sessel in der Ecke. Auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich diese Weisheit als simple kindliche Rationalit\u00e4t, die wir so gern als Weisheit begreifen, weil sie sich auf Wesentliches beschr\u00e4nkt. Am Ende bleiben Kinder immer Kinder und dem Erwachsenen f\u00e4llt das erst auf, wenn sie zur\u00fcckkommen auf der Suche nach Hilfe oder simpel gescheitert sind in ihrem Vorhaben. Dass man selbst erst denkt &#8222;Woah, Superkind, superschlau&#8220; mag an der Sehnsucht nach angeborener Weisheit liegen, bei der wir oft \u00fcbersehen, dass wir uns Weisheit durch Erfahrung erarbeiten m\u00fcssen. Aber auch in &#8222;The Future&#8220; kam mir das Kind zu kurz, es wurde in seiner Entwicklung nur angeschnitten, genauer gesagt die Tochter von Sophies Geliebten vergr\u00e4bt sich eines Abends im Garten und m\u00f6chte in der Erde schlafen, w\u00e4hrend der Vater sie in dem Glauben der Sicherheit einfach gew\u00e4hren l\u00e4sst. Nachts kommt das Kind weinend und angstvoll zur\u00fcck und wird von Sophie in die Badewanne gesetzt, eine m\u00fctterliche Geste, obwohl die beiden sich eigentlich fremd sind. Was ich h\u00e4tte wissen wollen: Was hat sie erlebt, und wie erkl\u00e4rt sie das am Morgen dem Vater? Bereut er, das nicht vorausgesehen zu haben? <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/3231386534656334.jpg\" alt=\"Floor\" \/><\/p>\n<p>\/ Apropo N\u00e4he-Distanz-Problem. Ein weiteres July-Element ist meiner Meinung nach ihre Konfrontation von Fremden mit sich selbst. Hauptfiguren haben bei July den Drang dazu, sich fremden Menschen ins Leben zu werfen und zu sagen &#8222;Hallo, hier bin ich. Und jetzt mach was damit. Reagiere bitte.&#8220; Ob dahinter die Verarbeitung der Beziehung zwischen Schicksal und Zufall steckt, vermag ich nicht zu sagen, gleichzeitig merke ich jedoch, dass es mich jedes Mal f\u00fcr einen Moment verst\u00f6rt, weil damit alle pers\u00f6nlichen Schutzr\u00e4ume aufgehoben werden, also wenn jemand kommt und sich vor dich stellt und dann dort nicht weggeht, oder ob er anruft und dich Sachen fragt und wieder anruft und noch einmal Sachen fragt. July lotet hier jedes Mal ebenfalls die Gef\u00fchle des Fremden aus, der pl\u00f6tzlich jemanden vor der Nase hat und zwischen Misstrauen, Neugier, Faszination und Unbehagen hin und her gerissen ist. <\/p>\n<p>Was ich sagen wollte: Ich bin entt\u00e4uscht ob der sich wiederholenden Motive ihrer Geschichten, ob der Plakativit\u00e4t ihrer Metaphern und der augenscheinlichen Aufgabe, die dieser Film hat als Teil eines Puzzles im Projekt der Inszenierung einer Suche nach sich selbst und dem Verlassen der eingefahrenen Bahnen. So sehr ich mich \u00fcber die Erz\u00e4hlweise zu Beginn des Filmes freute, so entt\u00e4uscht war ich bei der Aufl\u00f6sung dieser Erz\u00e4hlstruktur in ein Bildergewitter, das \u00fcberfrachtet war mit ausgelatschten Anspielungen und sich vermengenden Ebenen. <\/p>\n<p>Ach Miranda. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe neulich Miranda Julys neuen Film &#8222;The Future&#8220; in den Tilsiter Lichtspielen gesehen. 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