{"id":1578,"date":"2010-01-25T22:47:21","date_gmt":"2010-01-25T21:47:21","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=1578"},"modified":"2015-05-16T20:30:13","modified_gmt":"2015-05-16T19:30:13","slug":"retrospektive-wien-plane-crash","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/retrospektive-wien-plane-crash\/","title":{"rendered":"Retrospektive Wien: Pl\u00e4ne Crash."},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_3734346665616261.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wann wir es das erste Mal dachten. Als im Taxi zum Flughafen &#8222;I swear&#8220; von All 4 One lief. Als ich mein Handy ausschaltete, und nicht mehr in der Lage war, es wieder anzuschalten. Als wir uns entgegen unserer Natur beschwerten. Und das auch noch bei einem Hotelmitarbeiter. Als wir das dritte Zimmer dann einfach nahmen, weil wir m\u00fcde und alles andere irgendwie kalt und dunkel war. Als wir hungrig auf die Suche nach Nahrung gingen und uns in menschenleeren Kulissenstra\u00dfen wiederfanden, ohne eine Chance auf etwas Essbares. Als wir uns am Ende mit schlechtem Gewissen bei McDonalds sa\u00dfen und Eis a\u00dfen, das eher wie M\u00fcsli war. Als wir im Morgengrauen nicht wussten, wie man die Heizung abstellt. Als wir in der Sorte St\u00fchle sa\u00dfen, bei denen man sofort Lust bekommt, einen Haufen Vertr\u00e4ge mit einem F\u00fcllfederhalter und einer ausladenden Handbewegung zu unterzeichnen. Wir dachten: Die Welt kann froh sein, dass wir nicht permanent Webzugriff haben. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_3332393163663939.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Die Frauen tragen Pelz. So viele tragen Pelz in allen erdenklichen Formen und Farben. Von hinten sehen sie manchmal aus wie dressierte B\u00e4ren mit ihren schweren Halsketten und den haarlosen F\u00fc\u00dfen. Wir verlieren uns nachts zwischen den heruntergelassenen Gittern vor den Edelgesch\u00e4ften, ganze Stra\u00dfenz\u00fcge lang l\u00e4uft uns niemand \u00fcber den Weg, nur orange Laternen und der pfeifende Wind. Und manchmal lege ich eine kalte Hand an eine kalte Hauswand, um zu schauen, ob sie nicht aus Pappe ist. Ob sie nicht umf\u00e4llt, wenn ich mich dagegen lehne. In unserem Hotel findet im Tagungssaal etwas statt, das man mit einem Schild beschreibt, auf dem steht: Politische Kindermedizin. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_3331353836373238.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Im Fahrstuhl l\u00e4uft Stummfilmmusik. Man m\u00f6chte sich lautstark und absolut tonlos zu streiten und mit Geschirr zu werfen. Wir laufen herum und versuchen unseren Augen zu vertrauen, den Stadtplan zu meiden, auch weil es so kalt ist und in die H\u00e4nde kneift, wenn man das Papier zu lange faltet. Wir laufen viele Wege mehrmals, aber fr\u00fchst\u00fccken Marillenpalatschinken und Apfelstrudel. Wir knistern bei angenehm warmem Licht im Cafe Central, ich schaue mich um und sehe nur Touristen. Allein die Damen am Fenster mit den Frisuren aus Miami Vice von letzter Nacht und die Kellner scheinen, sich hier auszukennen, sie taxieren nicht die ganze Zeit und bef\u00fchlen mit den Fingern nicht das Holz der Tische. In einer Vase steht ein Strau\u00df mit riesigen Tulpen, so riesige Tulpen habe ich noch nie gesehen. Ich lese im Feuilleton den Text \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/lovelyskizze\">Hegemanns<\/a> Axolotl Roadkill und \u00e4rgere mich, kein Gedicht ausw\u00e4ndig zu kennen. Ich glaube, es w\u00e4re ein gutes Gef\u00fchl, ein paar Zeilen rezitieren zu k\u00f6nnen, anstatt von der Kaputtheit zu lesen, von der wir schon soviel wissen. (Vielleicht h\u00e4tte ich Helene gern kurz f\u00fcr ein paar Minuten aus der Zeitung raus und mit in dieses Caf\u00e9 genommen. Denn die Kellner behandeln jeden gleich. Das tun die Journalisten nicht.)<\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_3365333736363863.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Am Stephansdom klebt ein Plakat, das f\u00fcr die Akzeptanz spontaner Natur wirbt. Wir lachen noch Tage sp\u00e4ter dar\u00fcber, ich nehme mir vor, das nicht zu vergessen. Bei H&#038;M warte ich vor den Umkleidekabinen, da treffe ich William Fitzsimmons, oder jemanden, der sein Zwillingsbruder sein k\u00f6nnte. Er tr\u00e4gt das Kleid, das ich mir im Sommer von Katinka geliehen habe, als ich bei ihr in Leipzig zu Besuch war. Wir l\u00e4cheln nicht, jedenfalls nicht so, dass man es sieht. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_3466343732353933.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Wien schwankt. Es gibt Stellen, da wird man umgerannt, \u00fcberfallen, da schwirrt einem alles, weil es so viele Menschen und Stimmen sind und zwei Stra\u00dfen weiter h\u00f6rst du schon nichts mehr. Du machst eine T\u00fcr auf und dahinter ist ein anderes Land, diese Stadt hat Grenzen, st\u00e4ndig und \u00fcberall, so f\u00fchlt es sich an. Wir gehen in das Restaurant essen, das Erwin Wurm empfohlen hat, uns wird Brot mit Kr\u00e4uterbutter in kleinen T\u00f6pfen hingestellt, jeder drei Scheiben, sp\u00e4ter finden wir es auf der Rechnung f\u00fcr beinahe zehn Euro. Aber der Kellner sagt &#8222;Die Dame&#8220; und &#8222;Der Herr&#8220; und dieser Ton entsch\u00e4digt f\u00fcr vieles. In der Nacht auf dem Weg zum Veranstaltungsort laufen wir an einem Haus vorbei, auf dem steht: Drahtgitter Holly. Auf der Stra\u00dfe ist niemand, in der Stra\u00dfenbahn sitzt auch beinahe niemand, zwei M\u00e4nner trinken Bier in einem erleuchteten Schaufenster neben einer riesigen Eist\u00fcte aus Plastik. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_3161386663343436.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>In Wien macht  man ein Open Air Konzert im Januar und 4000 Leute kaufen alle Karten weg, die es daf\u00fcr gibt. Man h\u00f6rt Death Reggae And Glitchy Doom Dub sowie Digital Epileptic Breaks Metal. Im Taxi nach Hause l\u00e4uft &#8222;Strangers In The Night&#8220; und der Taxifahrer erkl\u00e4rt uns die Benennung der Bezirke. Ich muss an eine Rosinenschnecke ohne Rosinen denken. Den Sonntag verbringen wir im MuMoK, irgendwann schwirrt mir der Kopf, aber als ich in dem riesigen Raum im Untergeschoss stehe, stockt mir der Atem. Ich w\u00e4re gern ein bisschen f\u00fcr immer dort geblieben. Kapit\u00e4n Strohschneider fliegt uns zur\u00fcck nach Hamburg. Als ich wieder zuhause bin, erinnere ich mich an das Gef\u00fchl von vor ein paar Stunden. Aus &#8222;plane crash&#8220; macht das Telefon ohne zu fragen &#8222;Pl\u00e4ne Crash&#8220;. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/foto.arcor-online.net\/palb\/alben\/73\/763473\/1280_6661316632666261.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Manchmal sind so Kurzreisen wie der Wind, wenn du ohne Jacke \u00fcber den Museumsplatz l\u00e4ufst. Du frierst und sp\u00fcrst beinahe nichts mehr, so sehr sp\u00fcrst du alles, und dann fragst du dich, was du da eigentlich tust, weil es in diesem Moment nat\u00fcrlich gerade dunkel wird. Und dann kommst du wieder ins Warme. Das ist, wenn du feststellst, dass der Wind es war, der dich wach gemacht hat. Ja, ich bin mir ganz sicher, der kalte Wind war&#8217;s. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df nicht, wann wir es das erste Mal dachten. Als im Taxi zum Flughafen &#8222;I swear&#8220; von All 4 One lief. 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