Wir sind doch hier nicht zum Spaß

Ich weiß nicht, wo ihr sie herhabt, diese Geschichte von der Berliner Unfreundlichkeit. Ich weiß nicht, mit wem ihr redet, sprecht, wen ihr seht oder trefft, wer euch eine gelangt hat oder verlassen. Aber es ist mir ein Rätsel, wo ihr das her nehmt.

Vielleicht sind die alten Frauen in den Bäckereien rabiater als woanders, aber von denen gibt es eh nicht mehr viele, jetzt haben wir die Ketten wie Bäckerei 2000, in denen die Bedienungen die Augen zusammenkneifen und ihr gebrochenes Deutsch bis an die Ohrläppchen herausgrinsen und die Croissants nur aufgebacken sind. (Hast du jemals eine dieser guten Berliner Schrippen mit dickem, zähen Innenfutter gegessen?) Vielleicht sind die alten Männer, die im Erdgeschoss ihre Ellbogen auf ein Fensterbrettkissen stützen, ein bisschen mauliger als woanders, aber von denen gibt es eh nicht mehr viele dort, wo ihr euch rumtreibt, die haben jetzt Angst, die ziehen sich zurück in ihre Schrebergärten zwischen den S-Bahn-Gleisen und in die Eckkneipen.

Angeblich wird Berlin älter, aber meiner Beobachtung nach nur am Rand. Mit den Jahren rutscht man immer weiter in den Fahrkartenbereich B oder C, A ist was für die jungen, für die, die die Stadt repräsentieren sollen, weil das ja wichtig ist für die, die sie verkaufen müssen. Zugezogen und kreativ, nicht zu spießig, aber trotzdem mit Anhang. So hätte man sie gerne, die Stadt. Ein bisschen überpudert mit dem Glamour alter Tage, ein bisschen Exklusivität und die Flecken schnürt man gewaltig uncharmant zu Ornamenten zurecht. Und ich frage mich, wo ihr sie denn trefft, diese achso unfreundlichen Menschen? Wo es doch nur so wimmelt von touristischen Wahlberlinern auf der Durchreise, von Praktikanten, Studenten, Junior Irgendwas, weil sie so laut reden und lachen, dass man den Rest nur hört, wenn man ihn hören will. Und die alle ja immer so freundlich sind und aufgeschlossen mit ihrem global thinking, die dir ihren Lebenslauf in zwei Minuten erzählen, auch wenn du sie nicht danach fragst.

Wo sind sie denn noch, die mit den Geschichten, die die Stadt noch kennen aus den Zeiten, aus denen die Häuser sind, in denen die Zugezogenen das Parkett loben? Wo trefft ihr sie denn, die Kernbevölkerung, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe irgendwo, weil sie flüchtet vor dem neonfarbenen Mob? Ich fänd ein bisschen weniger Make Up ja eigentlich ganz gut.

(Zudem stellt sich mir im zweiten Atemzug die Frage, was denn so schlimm daran ist, wenn jemand einen nicht gleich mit seiner Freundlichkeit anspringt, sobald man ihn vielleicht nach dem Weg fragt? Was ist so schlimm daran, wenn man ein bisschen von der Stimmung spürt und der Wut und dem Groll, die sich auch in anderen Leuten regt und oft nicht ohne Grund?)

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. März 2008 um genau 11:52 Uhr.
Kategorie : Berlin

7 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. ar.  |  27. März 2008 um 12:01

    ich bin immer höflich und zu vorkommend.. meistens. : )

  • 2. Liz  |  27. März 2008 um 12:02

    @ar. Ich ja auch. Wo treibst du dich eigentlich rum die ganze Zeit? Ich seh dich gar nicht mehr…

  • 3. maike  |  27. März 2008 um 13:49

    Ich habe zuvor 15 Jahre im Rheinland gelebt und bemerke hier schon ab und an eine latente Ruppigkeit, die man zu interpretieren wissen muss.
    Darüber hinaus hatte ich schon in früheren Jahren ein eigenartiges Erlebnis mit gleich zwei Zeitungskioskverkäufern am Kudamm, die mir aufgrund von zu viel Kleingeld (Zweimarkstück, Fünfzigpfennigstücke, Zehnpfennigstücke) keine Zigaretten verkaufen wolltenn.
    Der erste meinte: Ick bin doch keeene Wechselstube.
    Da ging ich zum nächsten und schilderte mein Leid und bekam dort genau die gleiche Ansage.
    Ich weiss, dass mir zB in Köln der zweite gesagt hätte: Mädsche, hier hässe die Zijarette und nochn Feuerzeusch umsons dabei..

    Ich wohne aber sehr gerne in Berlin und werde oft genug vom Gegenteil der Ruppigkeit überzeugt.
    Ich bin allerdings der Meinung, dass man nicht jeden seinen Groll spüren lassen muss. Der multipliziert sich dadurch nur unnötig..

  • 4. Exilant  |  27. März 2008 um 22:34

    “… die die Stadt noch kennen aus den Zeiten, aus denen die Häuser sind, in denen die Zugezogenen das Parkett loben?”

    Für den Satz könnt ick dir ja umarmen Mädel, wa. :)

  • 5. bioadapter  |  30. März 2008 um 3:41

    Na, die alte, kranke, versoffene “Kernbevölkerung” ist noch da, bloß nicht aufgeputzt genug um vom neuen Berliner eines Blickes gewürdigt zu werden. Diese Suche nach irgendwelcher herbeiphantasierten Authentizität ist ohnehin symptomatisch für das, was da bei euch abgeht

  • 6. Sonya  |  4. April 2008 um 22:27

    Gibt es zu dem Stuhl auf dem Foto noch eine Sitzfläche? Jeder Midcentury-Süchtige würde sich die Finger danach lecken. Eine Schande, sowas auf die Straße zu stellen!

  • 7. Liz  |  5. April 2008 um 15:28

    @Sonya. Leider nicht. Ich hätte ihn sonst sofort adaptiert. Ist schließlich meine Haustür.

    @bioadapter. Achjee. Neidisch?

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