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Die Augenbrauen schieben sie einen Zentimeter nach oben, die Langzeittouristen, um die Mundwinkel kann man dann die ersten Fältchen erkennen, die bleiben, wenn noch ein paar Jahre dazukommen in der Stadt. Bis in die Augenwinkel schiebt sich das verwunderte Lächeln der Zugezogenen: “Du bist hier wirklich geboren?”. Man findet uns kaum noch, ich weiß. Als die Schule vorbei war, gingen 70% des Jahrgangs in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land und wenn man jetzt zufällig jemandem begegnet, der auf Heimatbesuch ist, könnte man sie fast neben einen Zugezogenen stellen und man würde den Unterschied nicht erkennen: “Du bist immer noch hier?”.

Ja. Und wenn ihr von Sehnsucht und Heimatgefühlen lamentiert, baue ich mir meine Landkarte in Bezirkgröße. Laufe ich ein paar Schritte, bin ich zuhause. Laufe ich ein paar Schritte weiter, schon nicht mehr. So hat diese Stadt genug von dem, was ich noch nicht kenne. Und gerade genug, um nicht verloren zu gehen. Ich habe meine Liebsten an der Seite, meine Familie im Rücken und genau so einen Flashback in Mitte, wie ihr in eurem Heimatdorf bekommt, wenn ihr zu Weihnachten mal wieder dort seid. Meine Grundschule steht noch dort, wo sie immer war. Die Kinder scheinen jetzt woanders zu Mittag zu essen, im alten Speisesaal ist nun eine Eckkneipe eingezogen. Zu meinem Gymnasium hat mich nach dem Abitur nichts mehr getrieben, aber selbst die U-Bahnlinie dorthin löst bei mir nostalgisches Seufzen aus. Und ich war ebenso neu in Friedrichshain wie ihr. Nur, weil man in dieser Stadt geboren wurde, heißt es nicht, dass man sie Zentimeter für Zentimeter abgelaufen und verinnerlicht hat.

Aber es macht solchen Spaß euch zuzuschauen. Wie ihr ein bisschen aus Versehen und ein bisschen absichtlich Redewendungen aufschnappt und in eure Sammlung aufnehmt, um sie hin und wieder fallenzulassen, damit man merkt, ihr seid angekommen. Wie ihr euch hier einrichtet, aber abends immer mit der Hand auf den Tisch haut, weil es euch selber unheimlich ist, dass ihr jetzt da seid und das kein Urlaub ist. Wie euch diese Stadt verschluckt und ihr noch mitschwimmt und strampelt und mit großem Tamtam trinken geht. Soviel trinken, damit es nicht auffällt, dass ihr das wirklich brauchen könnt. Ihr denkt, das macht man hier so, das muss so sein, ihr könntet was verpassen. Wie ihr euch erst jeglicher Kultur verweigert, weil ihr denkt, man könnte euch das Touristentum ansehen und es nach ein paar Jahren einfach “Ich werde erwachsen, ich interessiere mich jetzt für Kultur” nennt, obwohl ihr euch schon seit Jahren gefragt habt, wie der Dom eigentlich von innen aussieht. Und dann streut ihr es ein und wir sollen denken, dass ihr eure Zeit nicht vergeudet, sondern feuilletonistisch gebildet seid, obwohl ihr wie das Gegenteil ausseht. Schon irgendwie niedlich, wie ihr euch anstrengt, hier hinein zu passen und in eurem Bemühen wie bunte Hunde durch die Stadt lauft.

Dabei ist es nicht schlimm, hier nicht geboren zu sein. Vielleicht solltet ihr euch mal eine Runde zurücklehnen. Ich kann das ja verstehen, man will sich nicht einreihen in diesen Klopps, der nach Berlin gezogen ist, “weil das so günstig ist” oder “wegen des Jobs”. Aber ihr könntet ruhig mal zugeben, dass ihr dazu gehört, dass ihr es mal ausprobieren wolltet, dass ihr neugierig wart. Und ihr könnt es auch sagen, wenn ihr enttäuscht seid. Mein Gott, Blöße, was ist das hier schon? Ihr habt euch doch sonst nicht so. Enttäuscht? Weil die Gesichter nur halb so schillernd sind wie versprochen, weil die Menschen doch mehr allein sind als gedacht, weil alle krampfhaft die größte Party ihres Lebens suchen und es so verpacken, dass man sie für solche hält, die nicht zu gut angezogen sind, aber stilvoll, nicht zu ordentlich aber ohne Dreck. Und dabei morgens viel zu viel Zeit vor dem Spiegel verbringen, damit sie die Reste des Abends verstecken und trotzdem ein bisschen verlebt aussehen, so “wie es sich gehört”, anstatt mal ordentlich zu frühstücken.

Würdet ihr diese stillen Ecken der Stadt so genießen, wie ihr sagt, müsstet ihr nicht soviel saufen. Wärt ihr angekommen, müsstet ihr nicht so hetzen. Wärt ihr so heimatverbunden, müsstet ihr es nicht jedem erzählen. Wärt ihr nicht so allein, wärt ihr nicht hergekommen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. September 2007 um genau 9:47 Uhr.
Kategorie : Berlin

10 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. gtz  |  5. September 2007 um 16:34

    sehr schön. ich lese ihr blog seit einiger zeit sehr gerne. herzlichen dank.

  • 2. Liz  |  5. September 2007 um 17:14

    @gtz. Besten Dank ebenfalls und zurück.

  • 3. leser  |  5. September 2007 um 20:36

    berlin kann sich aber auch irgendwann furchtbar eng anfühlen. und wenn man weg ist und merkt, dass sich woanders viel mehr oder für einen besseres bewegt, dann ist das auch nicht schlecht. und jedes jahr am ende des jahres trifft man dann daheim in berlin unfreiweillig einige leute von früher und fühlt sich jedes jahr meilenweit fremder. aber hat das gefühl, dass man die richtige bewegung gemacht hat. die anderen im besten fall die falsche, im schlimmsten keine. immer auf den horizont, immer auf die gratwanderung achten. darf nicht zu bequem werden. aber die guten schaffen das eh. berlin nimmt sich ein bisschen zu wichtig. und ich wünsche mir zugezogene, die nach spandau oder treptow gehen.

  • 4. Rationalstürmer  |  5. September 2007 um 21:27

    Etz mach halt amal ein Bild rein, auf dem du lachst, zefix!

  • 5. nath  |  6. September 2007 um 3:39

    hugo deep red.

  • 6. Liz  |  6. September 2007 um 10:21

    @leser. lustig sind zudem diese universitätszuzieher, die keine ahnung von der stadt haben, dann nach lankwitz oder dahlem ziehen, dort nach drei wochen ein bisschen verrückt werden und dann krampfhaft versuchen, ihr kleines zimmerchen am stadtrand wieder loszuwerden und berlin dann irgendwann so sehr hassen, weil sie dort festgenagelt sind.

    @ratze. ich geh doch zum lachen immer in den keller, aber ich such mal eben im archiv. nur für dich.

  • 7. Li Ann  |  6. September 2007 um 11:11

    Jeder Ort, an dem man zu lange ist, beginnt sich eng anzufühlen. Bewegung entsteht vor allem durch das Sich-Bewegen. Neue Räume betreten. Von Berlin weg, innerhalb von Berlin oder nach Berlin oder ganz woanders, hin oder her.
    Es gibt verschiedene Gründe, den Ort zu wechseln oder eben nicht. Im besten Fall stimmt die äußere Bewegung mit der inneren überein. Dann ist man auch nicht enttäuscht von einem neuen Ort, weil man davon nicht erwartet, dass er alles verwandelt. Weil man die Bewegung in sich trägt.

    Grüße aus Karlsruhe von Julia
    9to5-Helferin (Referentenbetreuung), du erinnerst dich vielleicht

  • 8. Liz  |  6. September 2007 um 18:54

    @Li Ann: Das mit der inneren Bewegung sind wahre Worte.

  • 9. sunny  |  10. September 2007 um 23:20

    solange das maria weiterhin x-mal umzieht - ist mir alles recht. :-D

    (ist man eigentlich berlinerin, wenn man seit seinem vierten lebensjahr hier wohnt?)

  • 10. bartynova  |  24. September 2007 um 9:40

    Meine Frau Freundin, ebenfall Gebürtige aus Lichterfelde, hat ordentlich geschmunzelt :-)

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