Wie viele Menschen passen in einen Kühlschrank?
Ich war vorher noch nie im Varieté. Ich hielt das für Schund und Zeitverschwendung. Einen schlecht gekleideten Moderator mit ein paar Hanseln anzuschauen, die sich in kurzen Showeinlagen mühen, betuchte Senioren und verirrte Touristen zu unterhalten, deren Lacher einsam im Raum verhallen, und dafür auch noch Geld zu bezahlen, das habe ich nicht eingesehen und mich dem bisher also erfolgreich und ohne große Anstrengung entzogen.
Gestern hat es sich aber doch ergeben, dass ich umsonst eine Show im Berliner Chamäleon zu sehen bekam. Ich setze also mich und meine Zweifel an einen dieser kleinen runden Tische, bestelle Rotwein und warte ab. Der Blick schwenkt einmal durch den Raum und meine Vorstellung von Publikum bestätigt sich. Das Licht macht sich auf und davon und ich stelle meine gestiefelten Füße nebeneinander und halte den Atem an. Ich denke an Dauergähnen und Rückenschmerz, als man die erste Frage stellt.
Kann ein Apfel, in den du nie reinbeißt, einen Traum verkörpern? Und wie viele Leute passen in einen Kühlschrank? Wer rettet dich vor schlechter Poesie und ist man ehrlich zu dir? Welche Sitzpositionen lässt eine Treppe zu und wer legt dir das Messer in die Hand? Bist du die Stimme im Radio oder lügt man dich an? Was ist Licht, was ist Schatten und verderben Videospiele wirklich den Geist?
Das packen sie in Körperkunst und Musik vom Mischpult. Hinter diesem steht Pocket, ein Mann in den Vierzigern, und holt aus seinem Mund jeglich erdenkbares Geräusch. Er scratcht und friemelt Beats und Ton zu jeder Bewegung, untermalt Biegen und Brechen mit Klang in Echtzeit.

Und der Rest der 7 Fingers gibt mir das Gefühl der Bühne zurück. Zwar finde ich den Stücktitel „Loft“ unglücklich gewählt und auch keinen roten Faden oder große Handlung, aber darauf liegt der Fokus auch nicht, das ist mir egal. Mir fällt aber wieder ein, wie das ist, wenn dir der Körper abhanden kommt. Tanz ist ein bisschen wie Oper. Du hast nur ein einziges Medium, um dem Gefühl Raum zu geben, das alles einnimmt. Den Rest spürst du nicht mehr; dein eigener Körper wird dir fremd, weil er dir so eigen ist wie sonst nie.
Mit den Menschen in Weiß auf der Bühne, die sich winden und rollen, die sich tragen und schieben, die sich fallen lassen und Spannung halten, kommt die Erinnerung zurück an die Zeit von Muskelkater und dem Gefühl des Bodens, wenn du nach drei Stunden Training nicht mehr weißt, wo oben und unten ist, aber sich im letzten Durchgang der Rücken so biegt, wie er soll, das Bein so hoch kommt, wie lange nicht.
Sie machen auch Zirkus da vorne, ich sehe das kaum, komme mit den Augen erst zum Wesentlichen zurück, als sich die eine nur am Kopf gehalten von der Decke zum Boden dreht. Das ist der Unterhaltungseffekt, da gucken die Leute und es geht ein Raunen durch die Menge. Danach dürfen sie wieder lachen bei dem Gescheiterten und seinem Gedicht über Einsamkeit, das offenkundig so schlecht ist und durch Gelächter der Schauspieler die lächerliche Farbe erhält, dass es einfach ins Publikum schwappen muss. Man muss dem Zuschauer ja helfen. Der Vortragende ist der Trottel, das ist die Show und was danach passiert, das wollen Oma Erika und Opa Heinz gar nicht verstehen. Da kommt der Dumme nämlich aus sich heraus, da ist es plötzlich wieder ganz Tanztheater und es wird dunkel, da kommen Video und Leinwand ins Spiel, die viele Facetten des eigenen Ichs und (Hoppla!) auch der Schmerz. Ich lache, als in der kleinen stillen Sekunde nach jeder Szene im Stück, die eigentlich für den Applaus reserviert ist, hier keiner klatscht und erst zögerlich applaudiert wird, als Madame Schöngesicht das Ruder rumreißt. Darauf waren sie nicht gefasst, die sonst so nett flanierenden Koffertouristen, die auf laute, bunte Unterhaltung getrimmten Föhnfrisuren.

Knappe zwei Stunden später merke ich zum ersten Mal wieder meinen Atem bewusst. Und es ist nichts anderes als Wehmut, als das Licht zurückkommt und die Musik dem munteren Brabbeln der Zuschauer gewichen ist. Ich bleibe noch sitzen, es gibt keinen Abspann. Um mich herum zieht man sich die Pelzmäntel an, die verschwitzten Gesichter der Akteure mischen sich unter´s Volk, man will ja greifbar sein. DJ Pocket steht am Piano im Garderobenbereich und schaut aus dem Fenster. Vielleicht denkt er an Montreal, vielleicht an den Schnee. Vielleicht ist er müde. Stellen Sie sich doch mal jeden Abend in der Hauptstadt in Unterwäsche auf die Bühne und gehen Sie an Ihre Grenzen. Ich möchte wissen, wie Sie dann aus dem Fenster gucken.
Ist das der Apfel, in den man nie hineinbeißt?
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Januar 2006 um genau 19:09 Uhr.
Kategorie : Berlin
1 Kommentar Kommentar hinzufügen
1. d/flt | 23. Januar 2006 um 2:16
und? wieviele menschen gehen nun in einen kühlschrank?
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