Wie Urlaub vielleicht

Irgendwie liegt in mehreren Blogs grad so ein Heimatduft in der Luft. Die höheren Semester besinnen sich auf ihre Wurzeln, beschimpfen den momentanen Standort und blicken ein bisschen zurück. A weng rappeln, a weng poltern, aber zumindest wird mal ordentlich in der Herkunftstrommel gerührt und am Ende sind alle ein bisschen melancholisch. Ich lese so Texte ja immer wahnsinnig gern.
Weil ich immer noch da bin, wo ich herkomm. Weil ich nicht weiß, wie das ist, wenn man “zu seinen Eltern fährt”. Weil ich zuhause kein Zimmer mehr habe, in das ich einkehren und mich wieder wie zwölf fühlen kann. Weil mein heimatlicher Berg nur ein Hügel ist und noch vor meiner Nase steht. Ich muss zwar auch fahren, um auf den Spielplätzen und Ferienzielen meiner Kindheit anzukommen, aber da steht kein Haus, in das ich schon gestiefelt bin, als ich noch nicht einmal richtig laufen konnte. Ich muss meine Fotoalben immer mitnehmen, weil ich einmal damit angefangen habe, nichts daheim zu lassen. Und dann ist daheim auch umgezogen und so kam es, dass dieser kleine Balkon in Mitte nun nicht mehr so grün ist, wie er immer war. Dass es plötzlich Bäume in dieser Straße gibt. Dass die Mauer seit gefühlten hundert Jahren schon weg ist und die Touristen immer noch kommen, um die Reste an der Bernauer Straße und in den herumliegenden Köpfen zu begaffen.
Berlin und ich, wir sind zusammen, seit ich denken kann. Wir sind miteinander aufgewachsen, haben uns an die Hand genommen, uns aneinander gewöhnt, uns angebrüllt und zeitweilig so sehr gehasst, dass wir den jeweils anderen verfluchten und hoffte, wir würden uns nie wiedersehen. Aber wir sind uns auch nah gewesen. So nah, dass wir immer wieder zurückgekehrt sind, uns nie wirklich aufgegeben haben. Wir kennen einander. Wir wissen, wann der andere besser den Mund zu und wann die Arme aufhält. Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist, wenn man sich getrennt hat nach all den Eintönigkeiten und den wilden Jahren, nach den Veränderungen und den neuen Lieben. Das ging immer irgendwie Hand in Hand, das lief immer parallel und hautnah. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, nach Jahren zurückzukommen, mit freier Zeit im Rücken und ohne Alltag, der einem an der Backe klebt. Ich weiß nicht, wie man sich dann ansieht, denn das mit uns ist noch lange nicht vorbei.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. März 2007 um genau 8:11 Uhr.
Kategorie : Berlin
6 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. Ole | 28. März 2007 um 12:15
Ich weiß umgekehrt nicht mehr, wie es ist, sich so gut mit der Stadt zu verstehen, aus der man kommt, dass man ihr sein ganzes Leben lang treu geblieben ist und immer wieder neu sich an ihr freut und spannende Facetten an ihr entdeckt. Nun sind die Voraussetzungen ganz unterschiedliche. Ich komme aus keiner Großstadt, vielmehr aus einem kleinen Dorf am Stadtrand von Leer in Ostfriesland. Ich bin mit vierzehn das erste Mal in meinem Leben U-Bahn gefahren. In Minsk. Es war irrsinnig spannend. Dann das nächste Mal erst wieder mit sechzehn - in Berlin. Ich liebe meine Heimat, ich komme immer wieder gern dahin zurück, aber dort Leben? Nein danke. Zuweilen begegne ich zu Hause alten Freunden, die noch immer in Leer undUmgebung wohnen, und sie können nicht verstehen, was mir dort denn fehlen würde, wieso ich mir nicht vorstellen kann, in Bälde zurück zu kehren. Doch mir ist es - trotz aller landschaftlichen Weite - zu eng dort. Es gibt nur wenig spannende Konzerte, nur wenig neue Menschen, die man noch nicht kennt, aber die zugleich so reizvoll erscheinen, dass man sie gern kennen lernen würde. Es gibt eine Menge Idylle, viel Schönheit, aber auch viel Kleingeistigkeit, eingefahrene Strukturen, wenig Neugier auf Neues. Ostfriesland bleibt gern, wie es ist. Und das darf es auch gern, und deshalb komme ich gern zurück. Für kurze Zeit. Da ich selbst aber noch den Wunsch habe, mich selbst weiter zu entwickeln und Neues kennen zu lernen, wird es wohl noch dauern, bis ich mich entscheiden könnte, dorthin zurück zu ziehen, woher ich komme.
2. Christoph Ramke | 28. März 2007 um 15:40
Ja, ich denke, es liegt wirklich daran, wie groß der Ort ist, aus dem man kommt.
Ich komme aus Hamburg, bin hier geboren und kann mir zzt. nicht wirklich vorstellen wegzuziehen. Ich denke, es wird erstmal reichen, umzuziehen. Dank der Größe fühlt man sich manchmal, wie in einer anderen Stadt oder gar Dorf, wenn man in den verschiedenen Stadtteilen verweilt. Mal ganz davon abgesehen, dass ich noch nichtmal alle kenne.
Es gibt also immer noch was zu entdecken.
3. Liz | 28. März 2007 um 20:38
@Ole. Auch Berlin kann ein Dorf sein.
@Christoph. Ich hab auch meine Straßen und Gegenden. Andere widerum habe ich noch nie gesehen, obgleich sie vielleicht fast um die Ecke sind.
4. sunny | 29. März 2007 um 8:56
wunderschön - gelungen. darin kann ich mich auch wiederfinden.
ps: ich bin neulich mit diesem zahlenspiel durcheinander gekommen. aber jetzt ist der groschen gefallen.
5. Liz | 29. März 2007 um 19:16
@sunny. Zahlenspiel?
6. sunny | 29. März 2007 um 20:05
ich hatte vergessen was acht mal acht ist - also bestimmt nicht 16 und nicht…
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