Wie Sonntag um dich

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Macht man das nicht so? Man geht zu einer Filmpremiere und dann schreibt man darüber. Vielleicht sogar mit dem Kugelschreiber, den man auf einem dieser Stehtischchen gefunden hat, an denen man wartet, dass sich die Meute in Bewegung setzt, denn man geht ja nicht als Erste da in diesen Kinosaal, sondern wartet und hält sich an den vielen Sektgläschen fest, die sich einem immer wieder vor die Nase gestellt werden. Ich war also bei “Peer Gynt“, die Prominenz war auch bestellt und es sprudelte an allen Ecken und Enden. Ich war noch nicht oft auf solchen Festivitäten, ich werde mitunter etwas verlegen, weil ich nie weiß, ob der- oder diejenige, die ich da gerade anschaue, irgendwas wichtiges zu tun hat oder irgendjemand ist, den man kennen sollte, und man will ja nie starren oder auffallen. Es funktioniert ganz gut, wenn man so tut, als gehöre man dazu. Nur ein bisschen, nur ganz wenig. Wenn man den Blick eben nicht senkt oder mit großer Entschuldigung beiseite geht, sobald sich jemand nähert. Wenn man es hinbekommt, den Blick wach und offen zu halten, aber nie lange genug in anderen Augen, um jemanden zu erkennen, dann kann man sich ganz gut durch die Menge mogeln und herumstehen ohne sich seltsam deplatziert zu fühlen. Vielleicht ist das aber auch eh alles egal, wenn man zwanzig Mal auf Premieren, Feiern, Galen und anderen Schmonz gegangen ist, sich mit Küsschen begrüßt und nicht mehr darüber nachdenken muss, wie man einen guten Sitzplatz, das nächste Getränk oder einfach nur das Klo findet.

Die Reihennummer habe ich mir nicht gemerkt, wir saßen recht weit vorn. Zwei Reihen davor der Hauptdarsteller Stadlober. Und während ich darüber nachdachte, ob es sich da auf seinem Hinterkopf eventuell etwas lichtet, hielt der Produzent Siegfried E. Kamml eine Rede. Und die Seltsamkeit setzte sich fort, denn dieser Mensch schwankte vom einen Bein auf´s andere, er redete und redete, bedankte sich und ich wurde das Gefühl nicht los, dass diese Rede einfach keine gute war. Und es schien, als wolle er den anwesenden Journalist(inn)en ei bisschen das Denken abnehmen, als er am Ende noch ein paar den Film beschreibende Worte wie “poetisch” und “nachdenklich” in die Runde warf. “Lassen Sie ihren Gedanken freien Lauf“, wirkt einfach blöd als Aufforderung vor einem Film. Macht man eh. Und natürlich nahm ich das nicht wirklich ernst, fragte mich aber doch, ob ihm nichts besseres eingefallen ist, was er über seinen eigenen Film hätte sagen können.

Peer Gynt ist ein Lügner. Peer Gynt schliddert und wankt und stampft dabei immer nochmal ein bisschen mit dem Fuß auf, er reißt den Mund auf und brüllt und setzt sich Kronen auf, die es nicht gibt. Peer Gynt lebt im Märchen. Männer mit großen Worten finden Frauen toll. Erst recht, wenn sie noch ein bisschen nach Junge und Kindheit, nach Traum und Überschwang schmecken. Es geht um Seelenheil und Selbstsuche, um Du und Ich und Liebe und Lüge und Betrug, um Zickzack und Verwirklichung. Und um das eigene Zuhause.

Gedreht wurde auf Usedom und mit dieser Insel kann man nicht viel falsch machen. Ebensowenig wie mit Nahaufnahmen, mit gut und versteckt geschminkter Haut, mit Bilder von Feld und Meer, mit Schiffswracks und durch und durch schönen Menschen. Das ist die sichere Seite des Films, auf die man sich von der ersten Sekunde an verlassen kann. Das sieht schön aus, das fühlt sich gut an und klingt auch angenehm. Wind und Wasser, summende Bienen und fliegende Röcke. An Haut und Haare geht es erst, wenn man es hinbekommt, sich von dieser konsequenten Ästhetik nicht ablenken zu lassen. Natürlich unterstreicht die Musik und Ibsens Text allein reicht ja schon, da braucht es nicht einmal Bilder dazu, denn “Es ist wie Sonntag um dich herum” kann man sagen, ohne dass man dazu ein Gesicht braucht, das zwinkert und klimpert. Das wirkt von ganz allein.

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Von einer Komposition kann man mehr erwarten. Muss man aber nicht. Man nickt, wenn jemand sagt: “Sich Ibsen vorzunehmen ist schon mutig genug”. Und doch fühlt es sich brav an. Ich weiß noch, wie ich darauf wartete, dass Robert Stadlober als Peer Gynt wirklich mit sich hadert und kämpft. Er trägt seine Mutter zu Grabe, er verlässt seine Liebe, er trifft den Teufel und bleibt dabei aber irgendwie sehr im Rahmen. Und obwohl das an das eigentliche Thema von Gynt stößt, würde ich fast sagen: Er bleibt zu sehr in sich, zu sehr er selbst. Mir hat der Grenzgang, der Schrei gefehlt, den ich im Theater vielleicht bekommen hätte. Ja, wenn sie sich im Bauch des Schiffes anbrüllen, Gynt aufschneiden wollen, da wird es zwar laut. Und doch gruselt es mich erst wirklich, wenn die Grüne ihn verfolgt. Weil sie nicht in das Bild passt und ihre Stimme nicht in den Klang, in dieses sanfte Hin und Her des Seegrases. Ich glaube, ohne Kathi Angerer hätte das Konstrukt nicht gehalten.

Natürlich will man sich die Zitate merken. Natürlich nimmt man sich vor, wieder genauer hinzusehen, wenn man das Kino verlässt. Man fässt sich an die Wimpern und wünscht sich Sommersprossen, man setzt die Schritte ja immer anders in diesem Nach-dem-Film-Gefühl und wünscht sich ans Meer. Und ab und an erinnert man sich vielleicht auch und überlegt, wer einem Peer ist und wer einem Solveijg. Und ob man nicht auch sich selbst genug ist, ohne wirklich man selbst zu sein. Das bleibt ja im Rahmen, das kennen wir schon. Und das Plakat erinnert an Huckleberry Finn.

(Bild vom ZDF Theaterkanal: “Vor über 800 Gästen wurde […] die Theaterverfilmung “Peer Gynt” von Uwe Janson - eine Produktion im Auftrag des ZDFtheaterkanal in Zusammenarbeit mit 3sat/arte - auf insgesamt drei Leinwänden in einem Screening gezeigt. Das weitgehend aus Fachleuten bestehende Publikum zeigte sich von der Poesie und Bildkraft des assoziativen Filmes beeindruckt. Der Film wird am 13.12. um 22:40 Uhr auf ARTE erstausgestrahlt und kommt am Folgetag in über 50 digitale Kinos deutschlandweit.”)

P.S.: Der Header dieses Blogs besteht übrigens auch aus einem Usedom-Grün. Jawoll.

Liz hat es verfasst, und zwar am 7. Dezember 2006 um genau 21:02 Uhr.
Kategorie : Filme

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