Wie sie die Form verlieren

Die Unterarme kleben immer so schön an der Tischplatte fest. Man will sich alle drei Minuten die Hände waschen und eigentlich ist es aber doch egal, weil es allen so geht. Man dreht sich eher noch pikiert um, wenn jemand in dicker Parfumwolke auf der Straße an einem vorbeiläuft. Die Luft ist wie Grießbrei, dick und warm. In kleinen Klumpen hängt der Stadtmief darin, während wir auf der Arbeit den Kopf zum Friedhof rausstrecken. Die Kaffeemaschine und der Drucker brummeln vor sich hin, der Rest schweigt, vermeidet jegliche unnötige Bewegung. Im Schatten ist es immer voll, der Restplatz ist wie ausgestorben. Mein Gewissen beißt arg, wenn mir einfällt, dass ich vergessen habe, die Blumen zu gießen. So ein Wetter ist gut, um sich auszuklinken und in Langsamkeit zu sein. Träge, matt und niemand wirft es dir vor. Ich glaub, ich stelle meine Badewanne auf den Balkon.

Beim Lesen des Blogs vom Schweizer kippt mein Berlingefühl wieder zu der Sehnsucht, die mich in den letzten Tagen oft begleitet. Den Wunsch nach Fremde. Durch neue Straßen gehen, sich nicht sorgen um Uhrzeiten und Abmachungen. Die Sprache nicht verstehen und mit Hand, Fuß und Blick kommunizieren. Mein Leben hier ist ja doch ein sehr eingerichtetes. Das, was hier ist, ziehe ich nun durch, das schließe ich ab. Währenddessen strecke ich die Fühler aus und höre auf den Bauch, der sagt: Geh in den Norden. Oder grabe dich zu den Wurzeln nach Polen oder Österreich. Ich habe noch ein bisschen Zeit das zu entscheiden und alles wird richtig sein.

Der Schweizer lebt dieses Leben aus den Filmen und sagt zurecht, dass die Klischees meist an der Wahrheit kleben wie Briefmarke auf Umschlag. Hin und wieder frage ich mich, ob ich was verpasse, wenn ich die Nächte nicht durchsaufe, nicht all die Bars und Clubs der Stadt kenne und nach vier Bieren unmöglich betrunken bin. Wenn ich nicht versuche, alle Strecken auszuloten, sondern schon genug damit zu tun habe, im Zug sitzen zu bleiben und nicht rausgeschmissen zu werden. Die Zeit ist reif, die Dinge zu beenden, abzuschließen. Dass alles auf einmal nicht funktioniert, habe ich gelernt. Dass alles nicht sofort geht, weiß ich jetzt. Nach und nach, gemach gemach.

Man machte mich gestern schon wieder auf meine angebliche Ähnlichkeit mit französischen Schauspielerinnen aufmerksam. Jeden Morgen im Spiegel versuche ich, sie zu finden und scheitere elendig. Vielleicht hat wirklich jeder ein verklärtes Bild von sich selbst oder die anderen gucken nie genau hin.

Liz hat es verfasst, und zwar am 7. Juli 2006 um genau 13:09 Uhr.
Kategorie : Moi

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