Wer hat Angst?

Ich glaube, das Manolo ist das neue St. Oberholz. Beim Betreten strahlen einem ungelogen 8 Äpfel entgegen. Man muss nicht einmal suchen, sondern nur den normalen Weg zur Theke auch mit den Augen beschreiten. Es leuchtet auf Grau und Weiß, dahinter sieht man meist nur ein Augenpaar, ein bisschen erhellt, ein wenig flackernd. Daneben meist Handy, Kippen und Kaffee. Mit Rundrücken und wahrscheinlich irgendwann Arthrose in den Handgelenken sitzen sie da und tippen und lesen oder gucken einfach nur herum, während vor ihnen der Rechner seinen Mittagsschlaf hält. Und ich frage mich: “Traut man sich mit anderen Rechnern nicht aus dem Haus oder haben nur Apple-Benutzer kein Internet daheim?“.
Wenn diese Leben so prekär sind, warum haben sie dann alle die Kohle für ein solches Gerät und fünf Kaffee an einem Tag? Wenn diese Leben so prekär sind, warum grinst und gurkt es dann so durch diese Cafés, dass es wahrlich eine Freude ist, ihnen zuzuschauen, diesen gestylten Jacketheinis, diesen Rockmädchen mit Rüschen im Gesicht, diesen oft unglaublich schönen Gesichtern mit den Ponys in der Stirn?
Ich dachte immer, prekär sieht anders aus. Aber vielleicht geht es da um ein Gesicht, das man hochhalten muss. Wie so oft. “Apple und Kaffee. Dafür morgen nicht warm essen.” Sollte man sich jetzt eventuell erst recht mit einem PC dort platzieren? Als Mini-Revolution mit einem Schild um den Hals: “Ihr seid nicht die Einzigen auf der Welt!”? Oder werde ich eventuell verprügelt, wenn ich mich mit meinem Gerät in so ein Café setze und Orangensaft trinke? Das Risiko gehe ich nicht ein, mein Internet bleibt da, wo es hingehört: zuhause. Sonst hätte ich ja auch gar keinen Blick mehr für diese Gestalten und ihre Spleens. Würden die wenigstens mal aufschreiben, was sie da die ganze Zeit erleben.. Aber nein, es wird nur geklickt und geguckt, geschlürft und geschmatzt und am Ende das Gerät abgestaubt und wieder nach Hause getragen. Hochproduktiv. Genau. Ihr mich auch.
(Und sie sitzen ja auch immer allein.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Dezember 2006 um genau 18:22 Uhr.
Kategorie : Berlin
14 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. Burnster | 11. Dezember 2006 um 18:53
Exzellenter Diskurs, den ich als HP Depp ja auch gerne führe. Und ich kann euch versichern, ihr Epple-Depples: Ja, es ist der Neid und es ist gleichzeitig auch der Hohn. Das geht beides in einer modernen Welt: Auslachen und anhimmeln simultan.
Und jetzt haltets Maul und klappert einsam weiter eure Runden im Galao und weiß der Geier wo. Ich will in Ruhe auf meinem Widescreen Nazis wegballern.
2. Burnster | 11. Dezember 2006 um 18:58
Und Fuck nochmal, das St. Oberholz ist ja wohl ein Laden, der so dumm ist, dass er noch nicht mal in negativer Form Erwähnung verdient. Geschweige denn eine umständliche Syntaxkonstruktion wie meine eben.
3. Liz | 11. Dezember 2006 um 19:42
@Berni. Ein bisschen mehr Contenance, junger Mann.
4. Dumpinglohnempfänger | 12. Dezember 2006 um 3:01
Also, ich breche meine Lanze. Für die wenigen mir bekannten UND sympathischen Appelbesitzer dieser Welt. Alle anderen sind, man mag es hinter den Stylofassaden kaum vermuten, ja schließlich nur ansatzweise humanoid. Von Mensch zu sprechen erscheint mir bei manchen zu gewagt, sind sie doch so sehr eins mit ihrem Gerät. I is my Apple. Warum ist da noch kein Werbemensch drauf gekommen? Weil die ja auch Apple sind, vermutlich.
Ansonsten: sehr feine Beobachtung. Hätte in den St.Oberholz-Text eines Mac-Users sicher gut reingepasst, um das Ding rund zu machen. Rund wie einen Apfel.
5. Martin Jordan | 12. Dezember 2006 um 5:37
Das ist im Mir in Kreuzberg so gar nicht anders. Als wir es im Sommer wagten uns dort zu einem etwas diskussionsfreudigerem Arbeitstreffen zu versammeln, fühlten sich die ganzen einsamen Äpfelchen ganz unwohl, weil es jemand wagte mal nicht allein an einem Tisch zu sitzen und tatsächlich seinen lauten Mund anstatt die weißen oder silbernen Klimpertasten zu benutzen.
Ich weiß nur, dass ich an solch einem Ort so gar nicht arbeiten könnte — schon gar nicht dauerhaft. Ist das ein absurder Geiz zu Hause auf einen Netzanschluss zu verzichten und dann mindestens das gleiche Geld in die Latte-Unmengen zu investieren oder wirklich nur der Exhibitionsdrang?! Ich jedenfalls mag lieber einspannt mit Wohlfühlklamotten und ungeduscht zu Hause äppeln … und einen anständigen Latte mit viel Schaum kann der € 2-Ikea-Milchwirbler auch zaubern.
6. Liz | 12. Dezember 2006 um 12:40
@Dumpinglohndominik. Ich habe nicht gesagt, dass mir Apple-Besitzer unsympatisch sind. Dazu haben zuviele, die mir wichtig sind, auch so eins (siehe Herr Burnster, der sich ja auch reichlich intensiv aufgeregt hat). Und es geht hier ja auch nicht darum, dass der Apple als Produkt schlecht ist. Aber dieses Zur-Schau-Gestelle ist mir doch reichlich suspekt. Da tätschel ich doch nochmal meinen Asus.
@Martin. Ein Hoch auf die IKEA-Milchwirbler!
7. Liz | 12. Dezember 2006 um 12:43
@Dumpinglohndominik. Ach ja, wie bricht man denn seine eigene Lanze? Tut das weh?
8. Dumpinglohnempfänger | 13. Dezember 2006 um 0:55
Wer heißt hier Dominik?
9. Paul | 13. Dezember 2006 um 12:48
Ach.
Gäbe es mal so Cafes mit eingebautem Rauchverbot, würde ich da mit meinem Thinkpad auch sitzen. Aber nicht zum Arbeiten, und auch nicht zum Gesehen werden, sondern zum andere anschauen.
10. Liz | 13. Dezember 2006 um 14:03
@Dumpinglohn: Du :)
@Paul. Und wieso muss ich meinen Rechner mitnehmen, wenn ich andere Leute angucken will? So´n Schwachsinn.
11. Stefan | 13. Dezember 2006 um 20:53
Gut find ich auch Leute, die während Vorlesungen ständig ihr Gerät beäugen (auch hier häufig von besagter Obstfirma). Hier sieht man dann aber die andere Seite des Geräts und dass nur irgendwas und eigentlich nichts damit gemacht wird. Sieht ja auch so gut aus…
12. dissident | 14. Dezember 2006 um 10:11
Danke für Inspiration.
Die Schweizer Unterschicht lehnt Apple-Produkte ebenso entschieden ab, wie ich es bei euch mutmasse.
Siehe:
“Apple als Synonym des Snobismus”
13. dissident | 14. Dezember 2006 um 10:14
PS: Du wurdest im übrigen noch verlinkt!
14. Liz | 14. Dezember 2006 um 17:00
@dissident. Besten Dank.
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