We must hold steady to the ones who light our mornings.

Ich hatte fast vergessen, wie das ist. Ich gebe zu, obwohl ich immer der Meinung war, ich sei auf der Hut gewesen, ich hätte mich darauf eingestellt, irgendwann wieder jemanden verlieren zu können und mir eine Art dicke Haut zugelegt, indem ich zu jeder Zeit damit rechnete, hatte ich den Faden anscheinend doch irgendwie verloren, was das angeht. Den Schatten hatte ich abgestreift in der festen Überzeugung, mich noch gut genug an den einen Tag vor zwölf Jahren zu erinnern, an dem er mir in den Knöchel biss. Das tat lange weh, das hinterließ eine Narbe und ich hatte mir angewöhnt, Kniestrümpfe zu tragen, damit niemand sie sieht.

Seit letzter Woche weiß ich jedoch, ich werde das verdrängt haben müssen. Losgelassen und irgendwie auch nicht sonderlich vermisst. Weil es unangenehm ist. So unangenehm, dass es sich anfühlt, als würde dir nicht nur jemand die Luft abdrücken, sondern jegliche Aussicht auf erneute Sauerstoffzufuhr völlig verdunkeln. Das ist der Biss ins Bein, wenn demjenigen, der dir in deinem Leben am wichtigsten ist, am nächsten, etwas passiert, sodass er dir zwar vielleicht noch sehr wichtig, aber vielleicht bald nicht mehr in deinem Leben sein könnte. Ich hatte das Gefühl vergessen, wenn sich der Rest der Welt ausschaltet. Automatisch. Mit diesem leisen, kleinen Geräusch, das der Fernseher macht bei gezieltem Drücken des Knopfes auf der Fernbedienung. Als ginge einem die Luft aus. Scheuklappenartig. Und automatisch rattern all die Momente durch das Blickfeld, die man gemeinsam hatte, wenn die Hand, die da auf der Bettkante liegt, plötzlich aufhören könnte, im komatösen Betäubungsschlaf die deine zu suchen.

Ich hatte vergessen, wie das ist in diesen Kitteln, die man nur hinten zumacht. Und wie all die Apparate an den Enden der Schläuche klingen und fiepsen, die von allen Seiten unter der Bettdecke hervorkriechen. Wie man selbst auch zusammenzuckt, wenn die Regelmäßigkeit der Abstände plötzlich unterbricht und die Pausen zu lang oder zu kurz werden, und das Geräusch der Gummisohlen von Ärzteschuhen. Das Rascheln der grünen Anzüge und Mützen mit den Bändchen dran, alle sehen gleich aus, nur die Patienten nicht. Und dass am Himmel Gewitter aufziehen, sobald man das Krankenhaus verlässt. Die Raserei im Brustkorb bei jedem Telefonklingeln, obwohl es nachts direkt neben dem Kopf liegt, damit man sofort zur Stelle sein kann, wenigstens so. Und der Puls auf der Zunge, wenn sie dann wirklich anrufen. Der Kopf wie ein Schwellkörper, wenn jede Bahn zu spät kommt, jede Ampelphase zu lang ist, jeder Weg zu weit und die Stadt ein Moloch, weil du nicht weißt, was dich erwartet hinter den Glastüren, die sich nur öffnen, wenn man ein paar Meter vorher einen Knopf drückt. Du weißt nicht, ob da überhaupt noch jemand wartet.

Ich hatte wirklich vergessen, wie das ist mit der Angst, die dich ins Bein beißt. Kampfhundartig. Und du versuchst, sie abzuschütteln und so cool wie möglich weiterzugehen. Es dir nicht anmerken zu lassen. Aber eigentlich funktioniert gar nichts und du machst dich zum Volltrottel, wenn du versuchst, dieses hässlich sabbernde Ding loszuwerden, indem du es ignorierst. Eigentlich sollte man kann es nur in die Tasche stecken und verwundert gucken, sobald Leute fragen, was da so tropft. Und zwickt es hier und da aus der Tasche heraus jemanden in die Hand, sollte man die Schuld auf sich nehmen, nicken und einsehen, dass man das noch nicht so drauf hat mit der Routine. Dann erst zuhause mit der Tür knallen, damit es sich für drei Sekunden erschreckt und die Klappe hält. Damit man das Telefon hört, falls es klingelt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 24. Juli 2007 um genau 23:36 Uhr.
Kategorie : Moi

2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. ajku  |  25. Juli 2007 um 1:04

    Ja. Das hat was.

  • 2. ajku  |  25. Juli 2007 um 1:06

    Einmal mehr.

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