Vokuhila oder Pudel
Meine Haare und ich verstehen uns ganz gut. Ab und an nerven sie, meistens morgens, aber wir haben eben auch schon schwierige Zeiten miteinander durchgestanden und waren uns dabei eigentlich nie wirklich spinnefeind. Anders geht es da meiner besseren Hälfte Frau Lindemann. Sie und ihre Haare können nicht so richtig miteinander. Schlimmer noch: Ihre Haare und Friseurgeschäfte können nicht miteinander.
Mit Freude betritt Frau Lindemann jedes Mal solche Geschäfte, schaut mit großen, blauen Augen in der Weltgeschichte herum, wackelt im Scheren-Klapper-Takt mit den bestiefelten Füßen und hibbelt herum, dass es eine Freude ist. Dies ist jedoch meist vorbei, sobald sie beumhangt auf diesen drehbaren Rollstühlen vor einem Spiegel sitzt und jemand neben ihr die Schere zückt. Räkelte sie sich vorher noch bei einer Kopfmassage zufrieden schnaufend unter den flinken Händen des Frisörs, schaut sie ihn jetzt an, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Frau Lindemann ist skeptisch geworden. Nicht ohne Grund.
Da war es also gestern wieder soweit. Frau Lindemann scharwenzelte so durch die große Stadt und ging vergnügt ihres Weges in einen Friseurladen. Die erste Skepsiswelle überrollte sie, als sie sah, dass der Stuhl, auf den sie sich zu setzen hatte, extrem weit vom Spiegel entfernt war. Frau Lindemann ist jedoch unerschrocken und bestellt erst einmal: „Ja also, die Länge bitte beibehalten, vorne etwas kürzer und den Pony auch ein bisschen kürzer. Sonst nicht so viel abschneiden. Die sollen wachsen!“. Es nahte jedoch die zweite Welle, als die gute Frau Dienstleisterin am Hinterkopf begann zu schneiden. Frau Lindemann meint, das ist kein gutes Zeichen: „Das zwingt den halbblinden Kunden noch mehr, Vertrauen in eine wildfremde Person mit geschätzten 100 Scheren stecken zu müssen. Man ist hilflos!“ So hilflos saß sie also und sah ihren Haaren beim Herunterfallen zu. Man darf jedoch nicht vergessen zu erwähnen, dass Frau Lindemann noch folgendes zum Besten gab: „Vielleicht sind die Haare etwas zu dick und ich fühle mich wie mit Hundeohren“. Frau Haarschneidemaschine meinte dann nur: „Ja, ich verstehe. Ich schneide es dir auch ein bisschen weicher, damit sie runder fallen, ok?” - “Ok“, sagt Frau Lindemann und überlässt sich den Händen der Dame… Und nun der Text einer Kurzmitteilung, die mich kurz nach Verlassen des oben erwähnten Etablissements erreichte: „Ich stürze mich gleich vom Balkon. Vokuhila oder Pudel, was ist schlimmer? Ich bin es.“
Ist sie nicht. Weiß jeder, sieht jeder. Aber die eigene Wahrnehmung ist ja doch eine andere und meistens die wichtigste. Jedenfalls macht sie sich in diesen Sekunden auf, um sich zu beschweren. Wir wünschen Ihr alles erdenklich Gute. Und der Friseurfrau wünsche ich, dass sie die Mütze, die sie nach Angaben Frau Lindemanns über ihren kurzen Haaren trug, in die Hand nehmen und rennen kann.
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Foto: Thomas Kastning, Portugal 2006
Model: Frau Lindemann mit Mütze
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Februar 2007 um genau 13:37 Uhr.
Kategorie : Zeug
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