Verhalten im Brandfall

Man wundert sich beinahe selbst über die eigene Ruhe, mit der man nach dem Aufwachen und dem Bemerken von starkem Brandgeruch den Blick durch’s Zimmer schweifen lässt, ein zwei drei Sachen in die Hand nimmt und in die Tasche steckt, dann kurz und leise Adieu sagt und für einen Moment damit rechnet, dies könne das letzte Mal sein, dieses Zimmer in diesem Zustand zu sehen. Ich wundere mich nicht, als ich die Sirenen kommen höre, aber das Herz pocht, als nur weißer Rauch im Hausflur zu sehen ist und man dann doch die Tür wieder schließt, durch die Küche geht, das Fenster öffnet, aber keine Flammen sieht. Nur Rauch. Vom Balkon aus dann der Blick auf die Straße, die Polizei kommt zuerst, danach zwei große Löschwagen. Im Hausflur ist nichts zu sehen, der Nachbar steht in Unterhose und sich den Kopf kratzend etwas verwirrt nebenan. Die Nachbarinnen gucken so besorgt, wie ich denke, dass ich gucke. Dann die ersten lauten, aufgeregten Schritte im Hausflur, Stimmen, das Klopfen an der Tür. Sie hätten den Brandherd gefunden, wir sollten aber sicherheitshalber doch noch einmal unsere Wohnungen verlassen, sie wollten ganz sicher gehen. Ja, denke ich, ziehe den Schal vor’s Gesicht und gehe nach unten vor das Haus. Der Bürgersteig wurde geduscht, der Blick die Hauswand hinauf findet nichts verdächtiges, es hätte das letzte Mal sein können, das Haus so zu sehen.

Das Szenario wurde oft genug durchgespielt im Kopf, oft genug die Sirene sofort in Verbindung mit der eigenen Adresse gesetzt, das laute Tönen lokalisiert und das Aufatmen erleichtert hingenommen, als alles noch war wie vorher. Keine Flamme. die Dinge noch da. Und nun zum ersten Mal das Gefühl eines Ernstfalls getestet. Keine Panik, aber dennoch beherztes “Was muss mit?”. Keine Hektik, aber doch ein suchender Blick auf die Straße, über die die Rettung kommen sollte.

Die wichtigen Dinge passen in eine Tasche. Das lernt man schnell. Ein paar Handgriffe und man steht bereit, das alles zu verlassen. Und nur, weil jemand es anscheinend wahnwitzig fand, den Papierkorb für die Werbung in den Briefkästen in Brand zu setzen.

Man geht dann wieder hinauf, reißt alle Fenster auf. Das seltsame Gefühl kommt erst später, wenn durch Zufall wieder ein Feuerwehrauto durch die Straße trompetet, wenn man sitzt und guckt, was alles weg gewesen wäre. Und sich fragt, womit man eigentlich begonnen hätte bei einem Neuanfang.