Unterwegsschlaf

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Ich kann es nicht genau benennen. Aber es passiert immer wieder. Der Zug nimmt langsam an Fahrt zu, das Auto hat die Stadt verlassen und aus dem Fenster ist seit Langem mal wieder der Ansatz von Weitsicht zu erkennen, da sinkt mein Kopf zur Seite. Das Tuckern der Räder auf den Schienen, das Surren von Reifen auf knatterigem Aspahlt gepaar mit einer leisen Radiostimme oder selbst ausgewählten Melodien, die durch den Kopfhörer unmittelbar ins Ohr gehen und sich mit den Umgebungsgeräuschen vermischen. Das leichte Schaukeln, das nichts mit dem eines Schiffes oder eines Kamelrückens gemein hat. Und das umissverständliche Gefühl des Vorankommens, ohne einen Finger rühren zu müssen. All das rührt meinen Körper so sehr, dass er sich sofort dazu entschließt, diese Pause zu nutzen, um selbst Pause zu machen.

Eine Pause vom ständigen Reden, den permanent aufflackernden Farben, Stadtgeräuschen und der immerwährenden Achtsamkeit, die man als Großstädter besitzen muss, um nicht von einem Gulli gefressen zu werden oder in eine Prügelei zwischen Laternenmasten oder Ampelphasen zu geraten. Mein Körper tauscht das flackernde Gewirr, das Gesetz des eigenen Schutzwalls (den man sich zulegen muss, um nicht an jeder Straßenecke einen Herzinarkt, einen Mitleidskoller oder Ekelgänsehaut zu erleiden), das Muss der Scheuklappen gegen ein leises Säuseln aus Motorengeräusch und zurückgelegten Kilometern. Zuerst wundere ich mich noch über die Baumarten, über überholende Autos, Mitreisende vielleicht, aber schon bald wundere ich mich über gar nichts mehr sondern falle in wohlige Schockstarre, die manchmal schöner ist als zehn Stunden Schlaf im eigenen Bett weil so erhellend. Würden mich in der eigenen Wohnung mit dem eigenen Bettzeug mit dem eigenen Wecker Geräusche aus den Nachbarwohnungen zum Wahnsinn treiben, beschleunigen diese in Zug oder Auto meine Einschlafgeschwindigkeit.

Es gibt in dem Moment kaum etwas schöneres als jemanden, der unablässig seine Zeitung faltet oder eine quäkige Frau, die telefoniert, weil sie so irrelevant ist, so irrelevant sein muss, dass sie sofort eins wird mit dem Untergrundrieseln. Ihre Stimme vermischt sich mit dem leisen Rauschen der sich ankündigenden Schlafphasen und wird damit freundlich und nett, so reichlich egal, dass es schon wieder schön ist. Und plärrt das Kind in die Lieder aus dem portablen Musikabspielgerät, so weiß ich doch sofort, ich hab noch zwei Stunden, in denen ich schlafen darf, es gibt keinen Wecker aber eine Station, es gibt keinen Morgen, nur ein Danach. Und bis dahin lausche ich ganz unaufgeregt, aber auf eigene Art aufmerksam meinem inneren Fluss, in den mit Vollkaracho Wach und Schlaf gesprungen sind und weggespült werden. Wahrnehmung, ich liebe dich so sehr, wenn du dich nicht genau definieren lässt sondern ein bisschen spinnst, du bist mir die Liebste, wenn du mir zeigst, wo es langgeht, indem du dich verabschiedest. Das große, ameisenhaufenartige Wimmeln wird ganz ruhig, wenn man ein paar Schritte zurückgeht.

Denn eins ist sicher: Ich komme an und du kommst mit, mehr können wir gerade nicht tun. Mehr brauchen wir auch nicht tun außer vielleichht aus dem Fenster zu gucken und darauf zu warten, wie die Weite vor dem Fenster sich sofort nach innen kehrt und mich nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltet. Fünf Minuten vor Ankunft, manchmal auch zehn, falte ich mich wieder auseinander, streiche mich glatt und steige aus. Dann plärrt nicht mehr nur ein Kind, dann plärrt wieder die ganze Welt.