Udo und das Mädchen aus Ostberlin

Ich grinste gerade noch über die so entzückend lispelnde Frau am Getränkestand, die ihrer Freundin FUSSREFLEXZONENMASSAGE erklärte (mach das mal einer nach!), da kam er schon als Astronaut von der Decke geschwebt. Vor der Halle noch hatten wir uns amüsiert über die Massen im Alter unserer Eltern, die eben noch frenetisch jubelten und dann gebannt still standen oder saßen in ihren Jeanswesten. Manch einer hatte die Krawatte rausgekramt, die Fan-Clubs kamen mit Hut. Aus dem weißen Anzug wurde er von seinen Backgroundladies befreit, in neongrünen Schuhen tänzelte er durch die Gegend, während die Wände der Max-Schmeling-Halle beinahe surrten, als die Anspannung des Publikums sich entlud. Inszenierung konnte er ja schon immer gut, Piffpaffpuff, da stand er nun erst in neongrünen, dann in schwarzen Schuhen. Die Sache mit dem Tanzstil hat er sich auch gut überlegt, denn den bekommt er auch noch hin, wenn er schon hackevoll ist: Udo Lindenberg.

Das Publikum war, wie ich schon erwähnte, auch von einer ganz besonderen Sorte. Einwandfrei textsicher und die, die tanzten, mit einem Bewegungsradius von fünf Metern, in Lederweste und Bluse, mit Vokuhila und gefärbter Dauerwelle wurde geschunkelt und geklatscht, bis sie alle ganz rote Gesichter bekamen. So ein Leuchten in den Augen habe ich beim Indiepublikum auf sonstigen Konzerten selten zu Gesicht bekommen, wahrscheinlich hing eh meistens ein gefönter Pony davor. Irgendwelche Leute taumelten dann zu “Der Greis ist heiß” mit Gummimasken über die Bühne, eine Frau im kurzen Minirock schlug ein Rad (das Herausblitzen des Schlüppis war genauso kalkuliert wie die Anzahl der Zugaben) und der eine Gitarrist hätte jeden Luftgitarrenwettbewerb der Welt gewonnen. Warum Backgroundsängerinnen sich jedoch oft als fiese Stimmchen herausstellen, wenn sie mal alleine singen sollen, und ob Udo nur so aussieht oder wirklich denkt, dass sein Sprachgebrauch noch von aktueller Sorte ist, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht sollte man aber doch wieder öfter Worte verwenden wie “anturnen, fetzen, reinknallen, durchhängen, einen auf Asphaltcowboy machen, voll auf Risiko gehen”… vielleicht sollten das aber auch nur Kinder tun, die das Gefühl haben, ihre Eltern verstehen sie nicht mehr.

Als ich meine Mama bei “Mädchen aus Ostberlin” mithören ließ, weil ich dachte, ich bin jetzt mal eine aufmerksame Tochter und mache ihr eine Freude, erreichte mich kurz danach eine SMS: “Dein Handy hat mich gerade angewählt. Nette Musik! Kommt mir bekannt vor, aber hab´s nicht erkannt.”