Übergangskind I
Ich bin fünf Jahre Osten und neunzehn Jahre wiedervereinigtes Deutschland. Ich erinnere fünf Jahre nicht und suche seit neunzehn Jahren eine Antwort auf den verwunderten Blick und die Bemerkung: „Wie – DU bist Ossi? Merkt man gar nicht.“ Ich bin 24 Jahre irgendetwas anderes als das.

Es sollte eine Westschule sein. Ich nickte und fragte nicht weiter. In Gesprächen am Kaffeetisch schnappte ich auf, die Lehrer seien ja noch die alten, das System noch in den Köpfen, da müsse ich schon auf eine Schule im Westen der Stadt, das besser für mich. Ich fand die Fahrt mit der U-Bahn nicht so schlimm, man hatte Zeit Hausaufgaben abzuschreiben, was zu lesen oder die Leute in der U8 anzugucken, Strategien beim totalen Gedränge gegen Platzangst zu erfinden, Sekundenschlaf zu üben. Über die Häuser in Reinickendorf wunderte ich mich jedoch, meine Schule war ein Sinnbild der Architektur. Ein netter Altbau mit großen Fenstern, an den ohne Sinn und Verstand ein Neubau gehängt wurde, klotzig und grau mit grünen Fensterrahmen und Glastüren, die mit Plastikgriffen versehen waren. Mein Geschichtslehrer fragte mich dann auch irgendwann, ob ich im Osten groß geworden sei, wenn ich jeden Morgen den Weg von Mitte nach Reinickendorf machte. „Ja“, antwortete ich. „Merkt man gar nicht“, sagte er leise, ging zu seinem Tisch zurück und eröffnete den Unterricht. Ich wusste nichts über ihn außer, dass er ein Kind hatte und neben seinem Beruf als Lehrer noch Taxi fahren musste, um die Familie ernähren zu können. „Merkt man gar nicht“, dachte ich und malte bis zum Ende der Stunde Quadrate an den Rand des Blattes.
Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Oktober 2008 um genau 17:58 Uhr.
Kategorie : Identitäten
1 Kommentar Kommentar hinzufügen
1. Chikatze | 28. Oktober 2008 um 1:15
pu man, wie krass manche leute ticken.
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