Tip Toe Walk

Immer wieder taucht sie auf, die Frage nach den Kompromissen und die Geschichte, an deren Ende du dich selbst an der Kreuzung stehen siehst, den Blick auf die verschiedenen Straßennamenschilder gerichtet, während es um dich herum wuselt, das Rot-Grün sich abwechselt, bevor du überhaupt einen Schritt tun kannst. Und die Menschen rennen dazu im gleichen Takt, schleppen ihr Hab und Gut von A nach B und sehen dabei so unglaublich souverän aus, wie sie keinen Blick nach links und rechts werfen. „Nicht auf die Füße gucken, sondern dorthin, wo du hin willst“, hat die Sportlehrerin beim Schwebebalken immer gesagt. Drauf gestiegen ist sie selbst nie. Und man steht so, niemand rempelt einen an, und die Gesichter kann man sich vielleicht noch merken, die Namen dazu nicht mehr, man steht halt und zweifelt.

Kann das so weitergehen mit der monatlichen Berechnung, die keinen Platz lässt für kostspielige Spontaneitäten? Bin ich zu unflexibel oder einfach noch nicht so weit? Do you have to search and fight for what you love? Oder suche ich mir doch einen Job, der einfach ist, mich aber nicht packt? Lehne ich mich zurück? Warte ich zuviel? Wann komme ich an? Oder suche ich in der falschen Ecke nach einer Aufgabe, die mich so packt, wie ich es mir vorstelle? Bin ich zu anspruchsvoll oder habe ich zu wenig Erwartungen? Verbaue ich mir etwas, wenn ich mich an der Uni nicht wohlfühle und mich nur so durchschleuse wegen dieses blöden Abschlusses, der am Ende wahrscheinlich doch niemanden interessiert? Und wo führt das hin? Gibt es überhaupt den Beruf, die Arbeitsweise, die Aufgabe, das Projekt, die Herausforderung, die mich zufrieden stellt? Should I stay or should I go?

Die Sache ist, etwas muss sich ändern. Die andere Sache ist, dass alle immer sagen: Später. Und: Das wird schon. Und: Mach dir mal nicht so viele Sorgen. Und: Das ergibt sich. Und: Du darfst nicht so hohe Ansprüche haben. Und: Du bist doch gut in dem, was du machst. Die Frage, die sich daran anschließt, bei der sie sich dann aber meist schon wieder einem anderen Thema zugewandt haben: Warum fühlt es sich nicht so an? Und dann steht man an dieser Kreuzung und will keinen Fehler machen und sieht die Zeit vergehen und plötzlich ist wieder ein Jahr vorbei und man steht immer noch da. Die Zweifel sind noch immer dieselben.

Dabei würd ich gern einfach mal wieder grinsend dastehen, jemandem die Hand entgegen strecken, sagen “Hallo, ich bin die Neue”, bleiben, etwas wachsen sehen, Feedback bekommen, mich beweisen und am Ende ein Ergebnis sehen. Ein gutes.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. September 2008 um genau 11:25 Uhr.
Kategorie : Moi

7 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. 912 Finger  |  16. September 2008 um 14:03

    Das Problem hat am Ende wohl doch jeder, obwohl es immer so wirkt, als würden alle geraden Blickes voraneilen.

    Vermutung: Das Gefühl wird wiederkommen. Nur so eine Idee von jemanden, den es mindestens einmal sehr ähnlich ging. Ich weiß nicht, ob ich die Methode “einfach losrennen” empfehlen sollte. Sie sorgt auf jeden Fall für ein ganz neues Gefühl. Und kann sehr befreiend sein, wenn einem das, was alle immer sagen, über den Kopf wächst und unerträglich geworden ist und einem gefühlt nicht vor- oder rückwärts bringt.

    In dem Sinn, frag nie jemanden, der auf sein Gefühl und seine Zweifel gehört hat und sich von ihnen hat treiben lassen. Er wird wohl auch nicht sagen können, ob es die richtige Entscheidung war. Er kann dann vielleicht nur sagen, dass es sich unglaublich befreiend angefühlt hat und gefühlt in einer größere Gedankenfreiheit als davor entstanden ist (was einem wichtig sein könnte). Und dass es den “einfachen” Weg (Job/Aufgabe) für ihn nicht gibt, egal welcher Weg, man kann sich über jeden zu viele Gedanken machen…

    Mich wundert, dass DU nach einem Jahr noch nicht längst losgerannt bist… das wundert mich wirklich…

    In dem Sinn: Bewegung tut gut ;)

  • 2. Liz  |  16. September 2008 um 14:07

    @912. Was ist denn aber Losrennen für dich, konkret auf die Frage bezogen, ob man weiter freischaffend bleibt oder sich doch nach einem festen Job umsieht?

  • 3. Sue.  |  16. September 2008 um 14:31

    Tja.
    Ich glaube, ob man als Freier überhaupt glücklich werden kann, ist eine Typfrage.
    Es ist aber nicht verboten, eine Weile einen festen Job zu haben. Und dann zu merken, ob er einen packt oder nicht.
    Man kann 1. neben dem festen Job noch frei arbeiten.
    Und 2. danach wieder Freier werden.
    Von daher: ich bin total für einen Gehaltsscheck.
    Der entspannt ungemein.

  • 4. 912 Finger  |  16. September 2008 um 22:46

    ich kann dir nur eine “gute” Antwort für mich geben. Ich wäre mir unsicher, ob es eine gute Antwort für andere wäre. Ich bezog das losrennen mehr auf den Zustand des an der Ampel stehen, fest stecken, eingeengt zwischen Symbolen und Umständen, die man zu lesen gelernt hat, sie jedoch so ungemein schlecht auf sich beziehen kann. Vielleicht trifft das für mich mehr diese Sache mit dem Abschluss, den danach keiner sehen will, als das Problem einer Festanstellung oder Selbständigkeit. Vielleicht tangiert dich das am Ende nur peripher, für mich kann ich nur sagen, dass mit dem Gedanken zu spielen, einen Abschluss, den man schon fast in der Tasche hat, aufzugeben, schon eine unendliche Anzahl an Gesprächen mit sich gebracht hat. Es gab genau einen Menschen im Alter meiner Eltern, der mir ruhig zuhören konnte und als erste Antwort meinte: “Sie sind doch schon weggeflogen, warum sollte man sie halten?”. Der Rest ist ein Kampf der Bilder und Konstruktionen, es geht viel um die Sicherheit und Unsicherheit von Konstruktionen. Ich glaubte durchaus an der Ampel festzustecken, übersah dabei aber den langen Weg zur Ampel, zu der ich ja gelaufen sein musste.

    Zu deiner eigentlichen Frage: losrennen.
    Für mich war Selbständigkeit nie die Frage, es kam mir, egal in welcher Profession betrachtet, nur dieser Weg als der wohl Optimalere in Betracht. Also bin ich in ein festes Anstellungsverhältnis losgerannt, denn ich war mir doch einigermaßen unsicher, wie das überhaupt mit der Festanstellung ohne Ausbildung und Abschluss wäre. Möglich war das… [viele Konstruktionen, die nicht meine waren, besänftigt] und ich durfte so von der Erfahrung Festanstellung kosten.

    Typfrage, sicherlich.
    Losrennen hat das weiterrennen in sich.
    Und das mit dem Packen. Ein Gehaltsschenk “entspannt” vielleicht eher. Unsicherheit hat wohl mehr Pack Faktor an sich.

    Meine absolute Antwort wäre: weiterrennen. (Vielleicht auch einfach laufen). Ich bin mir einigermaßen sicher, dass Dinge nicht so bleiben wie sie sind. Ich bin mir unsicher, ob ich je “stehen” bleiben will. Es ist keine “große” Frage, es ist meist nur ein kleiner Schritt, der einen wieder in Bewegung bringt. So wie man nie die gleiche Musik spielen kann, sie ist jeden Tag anders… ich hoffe eigentlich sehr, dass sich das nicht ändert.

    Und warum nicht mit beiden Welten irgendwie leben?
    Du magst doch laufen ;)

  • 5. Liz  |  17. September 2008 um 7:53

    Natürlich ist es eine Typfrage. Natürlich ist es das ewige Abwägen. Aber genau das bin ich so leid. Ich bin für klare Verhältnisse. Im Kopf und drumherum.

  • 6. 912 Finger  |  17. September 2008 um 10:33

    Man kann im Kopf klare Verhältnisse haben, die am Ende noch von Dauer sind? Wow…

  • 7. Björn  |  17. September 2008 um 17:41

    triff eine entscheidung. und leb sie dann. nimm eine münze zur hand, spiel das kopf oder zahl spiel, aber überlass die entscheidung nicht der münze. wenn kopf frei bedeutet und die erste bauchreaktion ’scheiße’ ist, tu das andere. die entscheidung ist sowieso schon gefallen, der nächste schritt heißt zulassen. und wenn du irgendwann nicht mehr glücklich bist? so eine münze ist schnell gefunden.

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