Then i could travel just by folding a map.

Death Cab passen ja immer. Und während ich im süddeutschen Winterwonderland durch die ersten knaupelnden Schneepfützen stapfe auf dem Weg zur Muffathalle, flackern vor meinem inneren Auge die einzelnen Bilder und Lieder wie die schwarzen Schatten der Windräder und Strommasten vor der Autoscheibe auf der Autobahn kurz nach Sonnenuntergang. Unscharf in verwischten Linien vor immer anderem Licht, verschwommen und ineinander übergehend, kaum zu unterscheiden und nicht mehr wirklich zu fassen.
Sie haben mich, weil Mr. Gibbard so wunderbar unprätentiös mit dem schlecht frisierten Kopf schwingt. Weil sie damals mein erstes Konzert ganz allein waren und dennoch und vielleicht gerade deswegen großartig. Weil man vielleicht nur gibbard´sche Melodien an einem Neujahrstag leise am Rande der Stadt flüstern kann und dann jemand kommt und mitsummt und ein Feuerwerk über der einsamen Stadt zugrunde geht, während einer lacht und einer weint und das alles in diesem Moment so todestaximäßig tragisch ist, wie es tragisch sein muss, damit man später in seinem Blog drüber schreibt, wenn die Zeit längst vorbei ist und die Hormone sich ebenso längst beruhigt haben und auch Schnee wieder fällt.

Und weil ihre Klischeefans der Grundmusik, dem Grundgefühl, der Basis und dem Dach nichts ausmachen. Die beiden Mädchen nicht, die von oben bis unten in Wolle eingewickelt auf´s Konzert kommen, in die Halle, in der es scheiße heiß ist, und die sich nach dem zweiten Bier auf den Boden setzen mitten in die Mitte zwischen all die Wippenden und Tanzenden, die dann den Kopf in die Hände stützen und alle zwei Minuten eine SMS schreiben oder auf ihr Handy gucken, um zu bemerken, dass ihnen wieder niemand geschrieben hat, die sich dann aneinander anlehnen bzw. fast ineinander kriechen. Die sich nicht rühren, wenn jemand über sie drüber fällt sondern nur den Kopf dramatisch in die Hände legen und hörbar seufzen in der Liedpause, ja. Und die auch dann noch sitzen bleiben, wenn das Licht angeht und die Menschen sich grinsend und verschwitzt in Richtung Garderobe stopfen und an ihnen vorbeimüssen, da bleiben sie sitzen, da bleiben sie hart, da soll jeder sehen, wie schlecht es ihnen geht und dass das Handy immer noch nicht blinkt. Und dann die Jungs, die den Wollmädchen den Kopf tätscheln und sich so oft selbst photographieren beim Grölen und Saufen und Abtanzen und Achsovielspaßhaben, dass sie irgendwann anfangen müssen, Photos wieder zu löschen, weil die Speicherkarten von drei Digitalkameras voll sind. Und die Rollen der Gruppe sind natürlich klar aufgeteilt, der Anführer hat die größte Kamera und die Lederjacke, der brüllt und dann brüllen die anderen, der singt und die anderen mit. Und der Kleine, der immer verdeckt sein wird auf den Bildern, die morgen im Netz die ganze Schule sehen kann, den wird niemand bemerken, aber er schließt die Augen und singt mit und dreht die Hüften ein.

Und daneben steht der grauhaarige Musikjournalist, der die ganze Zeit die Jacke anbehält und den Schal und unbeweglich steht und schaut und hört und der sich erst bei der ersten Zugabe ein bisschen bewegt, weil sein Nacken so steif ist und ihm aber gleichzeitig ein leichtes Lächeln über´s Gesicht huscht. Morgen dann wird er schreiben, von denen habe er bekommen, was er erwartet habe, und er wird damit seine eigene Jugend meinen, das aber nicht schreiben, denn das Persönliche, das Private, das gehört da nicht her, sagt er immer. Aber wenn er sich da so nicht rührt, dann ist der einzige Grund, weil er sonst spüren würde, was alles verloren gegangen ist auf dem Weg dorthin. Und dass der Rock ihm mittlerweile davon gerollt ist.
Und irgendwo weiter hinten steht dann der Indienachwuchs, ein bisschen verschreckt noch und vielleicht ist das sein erstes Konzert und sein Vater lehnt an der Bar mit einem Bier und fährt ihn später heim und wird ihn auf dem Nachhauseweg fragen, ob er auch alle Hausaufgaben gemacht hat für morgen. Dann wird er nicken in seinem neuen Streifenpulli von H&M und in den Schnee schauen und am Morgen wird er die Matschkruste nicht von den genauso neuen Chucks wischen sondern die braunen Wasserlinien noch einmal anschauen auf dem Weg in die Schule und denken, dass er das nicht vergessen wird, nie mehr. Er wird sich selbst versprechen nie Verrat zu begehen an diesem Abend und seiner ersten großen Liebe davon zu erzählen. Weil “this is fact not fiction for the first time in years“.
(Am Dienstag spielen Death Cab For Cutie im Admiralspalast in Berlin.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 24. November 2008 um genau 0:03 Uhr.
Kategorie : Ton
1 Kommentar Kommentar hinzufügen
1. CK TheJunction | 25. November 2008 um 18:38
Schöner Beitrag. Im Admiralspalast laufen stehen in absehbarer zeit so einige gute acts an wie ich gesehen habe..
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