When you were young

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Als die Mauer fiel, war ich fünf. Ich habe also die prägende Phase in einem DDR-Kindergarten verbracht. Brunnenstraße, ungefähr einhundert Meter von der Mauer entfernt. Das weiß ich jetzt, damals war mir nur klar, dass der Spielplatz direkt um die Ecke war. Der Alltag eines Kleinkindes war straff durchorganisiert, alles hatte seinen Platz. Wenn meine Mutter mich um halb sieben im Babyauffangbecken ablieferte, damit sie um sieben auf der Arbeit sitzen und Kleider für Exquisitmoden schneidern konnte, wurde mir von der Erzieherin sofort mein Platz für den heutigen Tag zugewiesen: “Lisa! Ab in die Puppenecke!”. Gestern abend standen meiner Mutter wieder fast Tränen in den Augen, als sie davon erzählte, wie meine kindlich hilflosen Rufe hinter ihr her hallten: “Mama, ich will nicht in die Puppenecke. Ich will doch viel lieber bauen!”

Hatte man den Morgen in der Puppenecke überlebt, hieß es vor dem Mittagessen erst einmal Mund halten. Denn die Erzieherin, deren liebster Kittel lila war und die ihre Frisur jeden Morgen so in Form föhnte, dass nichts und niemand dieser etwas anhaben konnte, bekam ihre täglichen Kopfschmerzen. Waren diese im Anmarsch, sammelte sie die Kinder ein, schloss sie von ihren Spielzeugen los und setzte sie an den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Da saßen wir nun. Der linke Arm hatte vor uns zu ruhen, direkt am Körper, Hand flach auf den Tisch. Die Stühle waren so nah an den Tisch geschoben, dass einem das Atmen schwer fiel. Der rechte Zeigefinger musste über dem Mund liegen. So, wie es die Omas immer tun, wenn es heißt: Psssst. Ellbogen direkt neben der linken Hand aufgestützt. So saßen wir. Eine Stunde, bevor man uns zum Mittagessen erlöste. Fing jemand an zu lachen, was nicht selten vorkam, wenn fünfzehn Kinder einander gegenüber an einem Tisch saßen, wurde die Position gewechselt und die Arme sollten hinter dem Rücken verschränkt werden. Haben Sie jemals eine halbe Stunde lang mit hinter der Lehne verschränkten Armen gesessen? Ich versichere Ihnen, sie können danach keine Suppe mehr löffeln ohne zu kleckern.

Mittagessen. Es flatschte und matschte auf den Teller. Gekleckert werden durfte nicht. Liegengelassen werden durfte auch nichts. Und auf dem Tablett für die leeren Teller stand immer noch ein kleines orangefarbenes Eimerchen. “Angeblich” für die Reste. Hieß es jedoch vor dem Startschuss “Guten Appetit” aber immer noch in freundlichstem Kasernenton: “Aber der Eimer bleibt leer!”. Was tun Sie als Kind, wenn Sie genau wissen, dass Ihnen von den Speckstückchen in der Kartoffelsuppe das Kotzen kommt? Was tun Sie, wenn Sie genau wissen, dass Sie - sollte Sie sich aus Versehen übergeben, weil Sie ja ihr Bestes geben und gefallen wollen, indem Sie sich an dem Speck versuchen - im fies gekachelten Bad- und Toilettenraum (ohne Türen vor den Klos) Ihren Mittagsschlaf halten müssen? Sie versuchen, beides zu umgehen. Und so kam es, dass meine Mama regelmäßig Fleischstücke in meinen Hosen- und Jackentaschen fand, wenn wir wieder zuhause waren.

Danach sollte eigentlich der Mittagsschlaf folgen. Auf harten Liegen ohne Matratze, auf dem Rücken und mit den Armen auf der Bettdecke. Haben Sie jemals beim Einschlafen außerhalb eines Krankenhauses so gelegen? Bewegung war verboten. Schnupfen auch. Man entwickelt so seine Techniken. Leises An- und Entspannen der Muskeln retten die Beine vor dem Einschlafen. Diese wochenlang ausgetüfftelte Technik funktionierte aber nur solange, wie man immer dieselbe Liege zugewiesen bekam. Denn dort hatte man die knarzenden Stellen ausgemacht und wusste, welche Bewegung ohne Geräusch von statten ging und welche nicht. Hatte man aber Glück, kamen vor dem Mittagsschlaf noch die Leute von den Modenschauen. Die suchten immer kleine, niedliche Kinder für ihre Shows, denen man dämliche Hüte aufsetzen und sie über den Laufsteg schleifen konnte. Müde, wie sie waren, machten die dann natürlich keinen Mucks und alles mit. Ich durfte auch hin und wieder mitlaufen, hatte jedes Mal Angst vor diesem grellen Licht und den vielen Leuten, aber irgendwie war alles besser als über eine Stunde leichengleich auf diesen Liegen vor sich hin zu sterben.

Als Mutter eines Mäkelkindes hatte man es nicht leicht. Ich hasste Apfelschale und rohe Zwiebeln. Und ja, wir hatten Obst im Osten. Äpfel gab´s. Allerdings keine Erzieherinnen, die gewillt gewesen wären, einem Kind den Apfel zu schälen. Meine Mama war allerdings sehr drauf erpicht, ihrem Kind Vitamine zuzuführen und bat also die Erzieherin zum Gespräch. Sie fragte, ob es denn nicht möglich sei, mir die Äpfel zu schälen. Daraufhin brach Frau Lila Kittelschürze mit ihren fünfzig Jahren in Tränen aus. Meine Mutter mit ihren dreiundzwanzig wusste gar nicht recht, wie ihr geschah. Mit dieser Bitte würde sie das komplette System in Frage stellen. Und wie könne sie es wagen, dreißig Jahre Berufserfahrung so anzuzweifeln. Die Erzieherin machte meiner Mutter einen Termin beim staatlich anerkannten und ausgesuchten Psychologen, denn es könne doch nicht sein, dass eine Mutter so an ihrem Kind hänge.

Aber irgendwie war immer alles wieder gut, wenn Mama mir abends vorlas und wir zusammen in der Küche saßen und Quatsch auf Kassettenband sprachen. Neulich fand ich eine, auf der ich meinte: “Die Olle [Erzieherin] hat eh einen Knall, Mami. Mach dir nichts draus!

Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Oktober 2006 um genau 15:06 Uhr.
Kategorie : Moi

16 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Kriesse  |  10. Oktober 2006 um 16:19

    Das ist so traurig. Und sehr schön geschrieben. Das gehört unbedingt in einen Kurzgeschichtenband.

  • 2. Zmivv  |  10. Oktober 2006 um 17:09

    Ich habe meine Kindheit bis zum Mauerfall ähnlich gelebt wie du, jedoch nicht mit so einem Drachen von Erzieherin. So ein Mensch kann doch nur tiefe Kerben in eine Kinderseele schlagen, oder?
    Aber sehr rührend und berührend, deine Erinnerungen hier.

    Ich habe in meiner Grundschulzeit solche Lehrerinnen getroffen, wurde von ihnen diszipliniert, wieder und wieder, denn sie vertraten die Ansicht, dass ihre Vorgehensweisen die richtigen seien.
    Und irgendwann habe ich dann triumphiert.
    Letzte Woche zum Beispiel. Im Supermarkt…
    Aber das ist eine andere Geschichte.

  • 3. Liz  |  10. Oktober 2006 um 19:13

    Die Lehrer sind auch nochmal eine andere Geschichte…

  • 4. Martin  |  10. Oktober 2006 um 19:32

    Das ist traurig und so gar kein Einzelfall. Und so ganz – finde ich – kann man diese Topfsitzertheorien, die es vor einigen Jahren gab, nicht als Hirngespinste wegfegen. Sie gehören wenigstens betrachtet und diskutiert, denn an Kinderseelen geht solch ein Drill wie Zmivv schon schrieb nicht ohne Spuren vorbei.

    Meine Mutter hat mir aus ihren Kindertagen, aus Ferienlagern ähnliche Geschichten erzählt – dass sie nicht vom MIttagstisch aufstehen durfe, bevor sie nicht das gräßlich zadrige Fleisch gegessen hatte. Und als sie sich weigerte saß sie dort drei Stunden und länger während die anderen Kinder längst wieder spielten. Und als sich die gleiche Szene wiederholte, mussten sich meine Großeltern auf den Weg von Magdeburg nach Arendsee machen – gerufen zum Disziplinargespräch.

    Ich selbst hab vieles vergessen oder verdrängt aus meiner Kindergartenzeit.
    Diese Betten für die Mittagsruhe hatten wir jedoch auch und ich bekam oft Pflaster auf den Mund wenn ich wiederholt redete anstatt zu schlafen, aber müde Knopfdruck ging bei mir nicht. Eine Stunde lang sollten die Pflaster dafür sorgen, dass ich die anderen Kinder nicht wach hielt. Welchen Einfluss solche Szenen auf meine heutige Psyche hatten würde ich gern wissen.

    Heute weiß ich nur, dass ich meine Kinder wie die Südländer groß ziehen werde. Sie kommen mit auf die Feste und Feiern auf die ich gehe und wenn sie müde sind, dann schlafen sie ein. Sie werden nicht um 19 Uhr ins Bett geschickt, während sie noch zappelig durch die Gegend flitzen wollen, sondern sollen selbst auf ihren Körper horchen und schlafen gehen wenn Ihr kleiner Körper ihnen die Signale dafür sendet.

    Ohnehin finde ich nichts schlimmer als Kinder wie unmündige Wesen zu behandeln, aber das ist ein weites Thema, das wir lieber mal an einem ruhigen Abend anschneiden …

  • 5. Zmivv  |  10. Oktober 2006 um 20:08

    Ich kann Martin nur zustimmen.
    Die Erziehungsmethoden der Südländer sind durchaus ziemlich gut und erstrebenswert, ich werde meinen Kindern wahrscheinlich auch so eine ähnliche Erziehung angedeihen lassen :-)

  • 6. Liz  |  10. Oktober 2006 um 20:21

    Ähm. Ich find´s aber schon wichtig, dass mein Kind nicht erst um Mitternacht ins Bett kommt. Das muss man halt auch lernen. Sonst sindse morgen quengelig und man selbst muss das dann ausbaden. So wird das bei mir nicht laufen… Denn die kleinen Körper senden oft Signale, aber die kleinen Köpfe raffen´s nicht.

  • 7. Zmivv  |  10. Oktober 2006 um 22:06

    Im Prinzip ist das richtig. Regeln sind wichtig für Kinder. Nur sind solche unnützen Regeln und schreckliche Bestrafungsaktionen, wie im Text oben dargestellt, mehr als falsch. Sicher kann ein Kind nicht völlig durchgedreht die Nacht durchmachen. Aber es ist auch völlig sinnlos, ein Kind schon um sieben ins Bett zu schicken, wo es allein im dunklen Zimmer vor sich hin und sich selbst in den Schlaf wimmert.
    Ich persönlich bin der Ansicht, dass die Pädagogikrichtlinien, denen einige unserer Erzieher seinerzeit gefolgt sind (und teilweise noch immer folgen), die schlimmste nur denkbare Attacke auf die kindliche Psyche bedeuten. Jedoch kann eine völlig anti-autoritäre Erziehung einen vergleichbaren Effekt erzielen.

  • 8. Reene  |  10. Oktober 2006 um 22:34

    Bist ja trotzdem groß geworden ;-)

    Ich könnte noch das Highlight von kleinen Jungs in eben diesen Kindergärten kurz vor dem Mittagsschlaf beschreiben, aber im Nachhinein betachtet ist das irgendwie komisch, was so unter den lilanen Kitteln hervorrragte.

  • 9. LinkerVerteidiger  |  11. Oktober 2006 um 0:42

    Das ruft Erinnerungen wach. Wobei ich immer der Einpuller-Typ war der dann nicht das Bett verlassen wollte. Mutti hatte da auch ihre Probleme und ich schnell meine Gummimatte im Kindergarten. Das Schlafen auf Befehl klappte auch immer nicht so, schliesslich war ich ein aufgewecktes Kerlchen das viel mitzuteilen hatte. In der Ecke stehen, war dann eine solcher Belobingungen negativer Art.

    Um dieses achso schöne völlig anti-autoritäre Erziehen mal aufzugreifen. Nein, das werden meine Kids nicht erleben. Ich habe diese neumodernen Mamas satt. Mein Kind darf alles, ich will es in seiner Kreativität und Forscherdran nicht beschränken… blahblah. Um ein Bsp. aus aufzugreifen: Ich befinde mich mit 3 Freunden in einer Gondel zu den Hängen und die Boards halten wir vor uns um den schweren Köpfen einen Halt zu geben. Auch eine junge Mama mit 2 Kindern ist dabei. Eines ist ruhig und steht in der Ecke, das andere wiederum springt auf den Bänken umher, sabbert die Scheibe voll, schreit mit voller Gewalt. Das konnte ich damals noch als junges Ausrasten wegstecken, doch es blieb nicht dabei. Als so alle Scheiben voll waren und die Langeweile ja neue Opfer brauchte, waren wir ja noch da. Der kleine Fratz stellte sich vor mir hin und spuckte mir ins Gesicht. Schokiert wischte ich mir alles weg und schaute auf Mama, in der Hoffnung einer Reaktion. Nix. Das steckte ich erstmal weg. Und zack, da war auch schon ein Tritt in ein Board die Quittung. Eine zweite Spuckattacke folgte. Ich konnte es nun nicht mehr halten und wies Mama mal auf ihr Balg hin und bat um ein paar Worte in seine Richtung. Die Antwort steht oben plus ein “Ich erziehe meine Kinder anti-autoritär”.
    Sorry, kann ich nicht verstehen. Kinder brauchen Grenzen, wie ich diese vermittle ist immer Diskutabel aber ohne, nein das geht nicht.

  • 10. Zmivv  |  11. Oktober 2006 um 6:58

    In so einem Fall empfiehlt ein Buch über anti-autoritäre Erziehung, das ich jüngst aus Gründen des puren Interesses las, einfach zurück zu spucken.

  • 11. LinkerVerteidiger  |  11. Oktober 2006 um 8:42

    Klingt sehr erwachsen…

  • 12. Zmivv  |  11. Oktober 2006 um 13:56

    Manchmal hat Erziehung nicht unbedingt etwas mit erwachsenen Verhaltensweisen zu tun.
    Aber ich bin auch der Meinung, dass solche Ratschläge mehr als sinnlos sind.

  • 13. katinka  |  11. Oktober 2006 um 15:05

    oha das klingt wirklich übel. aber die abende mit deiner mama klingen wiederrum sehr schön. es gab sicher eltern die mit den erziehungsmethoden in den kindergärten einverstanden waren. du hattest in deiner mama eine verbündete :)

    und wie immer schön geschrieben.

  • 14. Liz  |  11. Oktober 2006 um 15:51

    Kindererziehung scheint ja ein wunder, lang nich besprochener Punkt zu sein.

  • 15. Zmivv  |  11. Oktober 2006 um 18:03

    Vielleicht ist es auch ein Gebiet, das die jetzige Generation sehr bewegt?

  • 16. Liz  |  11. Oktober 2006 um 21:32

    Tut es das wirklich? Ich bezweifle das strikt.

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