Stimmen haben ein Gesicht

„Es ist total schwierig über Radio zu reden“, sagt der Radio1-Moderator Robert Skupin. Und dieses eine Mal spricht er nicht morgens aus meinem schnarrenden kleinen Apparat, kurz nachdem ich aufgestanden und ins Bad getorkelt bin. Er sitzt zurückgelehnt vor einer riesigen Glasscheibe und legt die Fingerspitzen aneinander. Entspannt schaut er in die Runde, der Blick aber geht in die Luft, ins Leere, als er zu erzählen beginnt. Zwischen den schnellen, springenden Sätzen sieht er einem manchmal kurz ins Gesicht, dann ist er wieder weg mit den Augen. Und ich komme nicht los von dem Bild, dass er so wohl auch im Studio sitzt, vielleicht noch etwas geschäftiger mit der Technik beschäftigt. Die Augen dabei auf etwas geheftet, das stillsteht, auf den Raum. Damit er selbst nicht aus dem Takt kommt.

Eigentlich wollte ich es immer vermeiden, Bilder von diesen beiden Stimmen zu sehen, die mich zum Lachen brachten in kleinen Küchensituationen oder eben vor dem Badezimmerspiegel. Und am Anfang dieser Runde von Studenten aus Leipzig und Berlin um Robert Skupin im Rahmen des 6. JournalisTisches muss ich mich auch erst einmal daran gewöhnen, dass die Stimme plötzlich ein Gesicht hat. Eines mit Mimik und einen Körper mit Sprache dazu. Robert Skupin spricht wie ein Wasserfall, die Betonung wird mir im Laufe der Zeit vertrauter, da ist kein Unterschied im Fluss und der Wortwahl, er redet wohl immer so. Und scheint geübt darin.

Die Zweckehe Volker Wieprecht und Robert Skupin, das Radio-Duo, die Schwärme der Mitdreißigerfrauen in Berlin und Brandenburg, die Typen mit den netten Witzen und intelligenten Einwürfen… man baut sich ja so ein Bild im Kopf. Ich muss an meine Mutter denken, die meinte, wie sexy sie die Stimmen der beiden fände. Und ich als naiver Rezipient habe nicht darüber nachgedacht, ob sie sich die Inhalte ihrer Sendungen noch selber zurecht schnipseln. Lustig waren sie und nicht hohl dazu; florierendes Unterhaltungsprogramm im Gegensatz zur Restdürre auf den meisten Sendern, so mein Bild. Da sitzt er nun und spricht von Firmen und Anteilen und Programmkonzepterei, als sei es das Normalste der Welt. Aber die Sendungen auf Radio1 machen andere, die müssen sie dann nur noch abnehmen und moderieren. Und in meinem Kopf platzt ein kleines naives Weltbildseifenbläschen vom kreativen, selbstschaffenden Radiokopf.

Aber immerhin, der Gedanke ist ein guter. Die Visionen von der Zukunft des Radios sieht Skupin realistisch. Schwieriger wird´s auf dem Markt, Radio1 wird wohl überleben, von Formatradio mit Verstand ist die Rede. Mir ist, als hätte ich das schon einmal irgendwo gelesen, Phrasen gehören also dazu. Aber „bei Energie läuft die Musik ja wie Tapete im Hintergrund“. Man wird sich schon halten können mit dem, was man macht. Robert Skupin steht auf dem Boden, auf einem im vierten Stock: „Der Imagewert von Radio1 ist schon viel höher als das Programm dahinter“.

Er ist einer von der sachlichen Sorte, für die persönlichen Dinge sei Herr Wieprecht zuständig, der „holt die Menschen persönlich ab“. Schillernd sei das Leben als lokale Radio-Ikone hier und da, aber eigentlich habe man schon das Gefühl, dass man „nicht sowas ganz tolles ist“. Kritik kommt an, persönlich oder per Mail und da geht´s dann schonmal „Dong Bong Bong“ auf den Boden der Tatsachen zurück und ran an die Substanz, auch an die persönliche. Und die Freundin piekt dann am Abend: „Im Radio bist du immer so lustig und zu Hause so´n lascher Sack“. Nun ja, das Leben ist kein Radiojingle.

„Fühlst du dich manchmal leer gequatscht?“ – „Ich fühle mich nicht nur so. Ich bin es.“

Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Januar 2006 um genau 23:02 Uhr.
Kategorie : Kultur

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