Steh gerade. Wenigstens jetzt.

Ich habe ein paar Menschen ein paar Dinge versprochen im letzten Jahr. Mit dem einen fange ich immer wieder an, jedes Jahr neu. Jeden ersten Januar noch einmal. Dass ich ihn nie vergesse, verspreche ich. Und halte mich ganz gut dabei. Einem anderen habe ich versprochen, dass ich mich wieder an seine Stimme erinnere. Und ich arbeite daran. Mir selbst habe ich versprochen, öfter auf den Friedhof zu gehen. Und mich davor gedrückt. Obwohl man die Versprechen, die man sich selbst gibt, vielleicht gerade halten sollte. Jedoch hat man hier die Konsequenzen im Griff, dann wird man schludriger mitunter und die Verdrängung steht im gleichen Raum mit dem Versprechen, sodass man keine Türen knallen hört, sich nicht erschreckt. Man kennt die Macken der eigenen Empfindungen.
Und Dir habe ich an unserem Anfang eine Widmung versprochen, weil ich wusste, das wird was. Jetzt neigt sich alles dem Ende zu, die Köpfe werden gesenkt, die Menschen halten für ein paar Minuten nochmal kurz ihre Guschen, bevor sie damit beginnen, hektisch leere Worte in dummen Phrasen in ihre Mobiltelefone zu hämmern, weil sie meinen, damit ein bisschen von ihrer Schuld loszuwerden. Und weil ich weiß, dass ich dich dann eh nicht mehr erreiche, dass du dann schon fort bist und eh nicht zu der Sorte gehörst, die sich noch einmal umdreht, sage ich schon mal, was ich noch sagen will, was du irgendwie noch wissen musst, bevor du endgültig gehst.
Am Tag 1 dachte ich, du bleibst nicht lang. Ich dachte, alles wird schon so seinen Gang gehen. Ich dachte, ich habe es bis hierher geschafft, da macht es keinen Unterschied, ob du da bist oder nicht, ob du mitgehst oder nicht, ob du was sagst oder eben nicht. Dir in die Augen zu schauen, habe ich vermieden und mich ganz gut gemacht dabei. Hin und wieder bist du mir durch die damals noch kurzen Haare gefahren und ich hörte, wie du lachst. Leise in dich hinein. “Sei nicht so naiv“, hast du gesagt und ich habe den Kopf geschüttelt und weiter nur auf meine eigenen Schuhe gestarrt.
Tag 2 war kalt. Du hast am ganzen Körper gezittert und mit dir der Boden unter meinen Füßen. Ich habe dich zum ersten Mal berührt, gehofft, dass das was hilft. Aber eher dir als mir. Gebracht hat es letztendlich nichts. “Sei nicht so naiv“. Ich wusste nicht, dass du lügst. Aber ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmte mit diesem Satz. Und tanzte mich ein bisschen bewußtlos in den Nächten, in denen du geschlafen hast, um dich auszuruhen für den nächsten Tag, denn du wolltest wettern und wüten.
In der Nacht zu Tag 3 fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Dass du dich ein bisschen vertan hattest in der Einfachheit deiner Erklärung, deiner Art dich hinzustellen und eine Behauptung aufzustellen und dann zu hoffen, dass ich das glaube. Denn du warst neu hier und wenn einer neu ist und sich ein bisschen aufspielt, dann glaubt man ihm hin und wieder. Und wenn man ihm nicht glaubt, dann hört man ihm aber trotzdem zu. Das hat dir schon genügt. Ich habe gehofft, du hast das nur verwechselt.
Am 4. Tag haben wir versucht uns zusammen zu raufen, doch noch Freunde zu werden, wir beide. Wir haben uns eingeschlossen, ich habe dich auf Berge gezerrt, damit du siehst, was ich kann, damit du siehst, was es noch gibt. Aber es hat nicht gereicht und dann haben wir nur noch versucht uns miteinander abzufinden. Bis dahin wusste ich noch nichts von deiner Augenfarbe.
Ich bin umgefallen an Tag 5 und vor Schreck hast du mich geküsst und ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen, aber gut war es doch und notwendig und wir haben beide ein bisschen geweint durch die Wimpern hindurch und ohne uns anzuschauen, aber wir wussten, dass das genügen würde. Wenigstens für die restlichen Tage. Und du hast mir Menschen vorgestellt, die ich wohl mein Leben lang nicht vergessen werde.
“Schau, was ich kann“, hast du gebrüllt an Tag 6 und alle eingeladen und ein riesiges Fest draus gemacht und mir war ganz schwindelig, du machtest mich betrunken und ich ließ mich fallen. Am Ende sagte man mir: “Ein bisschen zu weit vielleicht, ein bisschen zu weit.”
Aber ich habe dann gesehen, was mich noch erwartet und wir haben zusammen ein bisschen gejubelt am siebten Tag. Und ich habe wohl dann von dir soviel gelernt wie noch nie. Was es heißt zu überwinden, wie man die Finger entkrampfen muss, um wirklich loszulassen. Und ich hab dich angeschaut, kurz bevor du sagtest, dass du schon wieder weißt, wann du fährst. Ich fand dich wirklich schön nach all dieser Zeit.
Du hast mir ein blaues Auge geschlagen, ich habe dir die Haare einzeln ausgezupft, du hast dich gerächt und ich hab so getan, als würde ich es nicht merken, als wäre es mir egal. Das war am achten Tag. An Tag Nummer 9 sind wir schon wieder Hand in Hand gelaufen über die Straßen in Mitte und Prenzlauer Berg und noch einmal durch die Parks und ich habe dir aufgezählt, wann du wie scheiße warst und du hast mir für jedes Wort ein neues Eis gekauft. Und ich habe mir dann die Faust ganz in den Mund gesteckt, du hast laut gelacht und ich mich verschluckt.
Am zehnten Tag gratuliertest du mir. Vom Balkon aus hast du gewunken, ich hab dich kaum noch gesehen. Weil ich dachte, das muss doch auch allein gehen, es kann doch nicht sein, dass du lachst, wenn ich noch huste. Es kann doch nicht sein. Am elften Tag hast du aufgehört. Dich vor mir hingekniet. Mich um Verzeihung gebeten. Mich in den Arm genommen. Schritt für Schritt bin ich den Punkten auf der Anleitung gefolgt, ich hab´s mir nicht leicht gemacht und du hast mich gelockt und als es vorbei war, lief mir der Schweiß in Strömen von der Stirn. Aber es ging. Es ging wirklich.
Und jetzt fährst du. Und ich werde nie vergessen, wie du meiner Überwindung noch einmal auf den Rücken geklopft hast und gesagt, sie solle geradestehen. Und dann hast du mich angesehen und mir ist nichts mehr eingefallen. “Du bist nicht gut in Abschieden“, hast du für mich gesagt. Das Nicken hat gereicht. Ich weiß, dass dein Zug erst morgen fährt, aber diese Bahnhöfe sind nichts für uns und auch diese Menschenmassen nicht. Dass wir in aller Stille und heute schon Tschüss sagen, muss wahrscheinlich so sein. Ein Auf Wiedersehen wäre ja auch gelogen. Wir haben aufgehört damit. Es ist jetzt endgültig vorbei. Und wenn du sagst, dass du hin und wieder nach mir schauen wirst, dann werfe ich dir das nicht vor. Wir wissen ja beide, dass das nicht stimmt, das ist schon ok so. Deine Tage sind gezählt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir beide uns am Ende noch versöhnen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Dezember 2006 um genau 22:18 Uhr.
Kategorie : Moi
4 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. pierro | 3. Januar 2007 um 13:03
un saludo - ja nun; ich gestehe, ich lese selten private blogeintraege - meist werde ich zu einem schnellen weiterklicken verfuehrt, da ich weniger ueber katzen oder zahnschmerzprobleme lesen moechte. bei deinigem ist dies anders . toll geschrieben, grandioses fotomaterial . . .
2. Liz | 3. Januar 2007 um 13:04
@pierro. die meisten geschichten dieser art sind erfunden. aber danke für die blumen.
3. LinkerVerteidiger | 6. Januar 2007 um 14:40
trotzdem sehr berührend… danke
4. Liz | 7. Januar 2007 um 16:18
@LV. Danke*
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