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“Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mich an das, was ich vergessen will, nicht zu erinnern. Ich verstehe auch nicht, warum viele Menschen Berge belangloser Ereignisse, die es schon nicht wert waren, erlebt zu werden, in ihrem Gedächtnis stapeln, um sie hundertmal und öfter wieder herauszukramen und vorzuführen, als taugten sie als Beweis für ein genutztes Leben. In meinem Leben gab es nicht viel, was das Vergessen nicht verdient hätte, und so ist es in der von mir bewahrenswert gefundenen Fassung ein ziemlich kurzes Leben geworden. Ich weiß nicht, wie man heute darüber denkt, aber vor vierzig oder fünfzig Jahren, als ich noch mit anderen Menschen lebte, galt das Vergessen als sündhaft, was ich schon damals nicht verstanden habe und was ich für lebensbedrohlichen Unfug halte.”
(Monika Maron, “Animal Triste”, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1997)

Kommentare
schönes foto.
Ich führe (neuerdings) ein Tagebuch… Nur für den Glauben, nein, vielmehr nur für die Hoffnung(!), der Metaphysik auf die Spur zu kommen, sie zu rechtfertigen, sie zu bestätigen. Vielleicht ein Stück weit nur, um einer wagen Zukunft eine Hinterlassenschaft anzubieten, die mein ist, die von mir ist, die auch Ich bin… Das Tagebuch gibt einem das nur schwach tröstende Gefühl, nicht umsonst, in seiner Persönlichkeit umsonst, gelebt zu haben. Es steht einem im Jetzt zur Seite, fordert Entwicklungsarbeit und erklärt einer fiktiven Öffentlichkeit das eigene Seelenleben. Es verstärkt den Eindruck, es will Erleben in Worte fassen, und vermittelt, dass die Auseinandersetzung zum Selbst nie enden sollte.
Ich kann vergessen - Und wie sagte mein Lieblings-Philosoph Nietzsche: “Selig sind die Vergesslichen, denn sie werden auch mit ihren Untaten fertig!”
Mein Tagebuch vergisst nicht, was ich ihm anvertraut habe - und das ist auch gut so!
Offen gesagt:
1. Es ist nicht immer gut zu vergessen, manchmal ist es auch nicht angebracht (z.B. vom Standpunkt Anderer).
2. Was sind belanglose Ereignisse und wer misst den Wert?
3. Die Frage nach einem genutzten Leben, ist wahrscheinlich eine ästhetische und kann gefährliche Ausmaße annehmen.
…
Ich habe gerade 1984 von George Orwell gelesen, und die Liebesgeschichte in dem Stück hat mich sehr berührt / gerührt… Liebe als Sinngebung bleibt doch ein allzu romantischer Traum…